ERLkönig

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Archiv für Portugal 2010 (Algarve)

Portugal, die allerletzte + 1 …

Einen Flughafen steuert RYANAIR noch an: BERGAMO / Italy. Um 04:00 ergattern wir  nach Schalteröffnung als erste ein Ticket dorthin und steigen um 06:20 in die Luft. Nix wie weg!

An diesem Tag werden sich noch Dramen auf dem Flughafen abspielen: alle Umgebuchten werden wegen Annulierung erneut beginnen, nach Lösungen zu suchen. Welch Glück, dass wir durch unseren Verbleib auf dem airport einen RiesenInfoVorsprung herausholen konnten!

BERGAMO. Wer kennt schon BERGAMO? Ich zumindest bis heute nicht. Mit einem Bus steuern wir den nächst größeren Ort an: eine Stunde später hält uns MILANO und ihre italienische Hektik voll im Griff. Auf dem prachtvollen Bahnhof drängen sich Tausende an den rund 10 Fahrkartenschaltern. Wir stehen in einer Schlange von rund 100, 200 übermüdeten und genervten Menschen aller Nationen. Und trotzdem: es geht ausgesprochen zivilisiert vor sich, niemand drängt sich vor, keiner ignoriert die Schlange, jeder stellt sich hinten an. Nach 2 Stunden Wadenschmerz halten wir unsere Fahrscheine mit Platzkarten in der Hand, überbrücken die nächsten 5 Stunden Wartezeit mit Kaffeetrinken im Straßencafe und besteigen um 17:20 den völlig überfüllten Zug nach Basel …

Der Schlussakkord unseres Erlebnisurlaubs hätte ganz anders aussehen können. So recht klar wird mir dies jedoch erst beim Studium einer frischen Tageszeitung, die sowohl Ende als auch Dimension der europaweiten Reisebeeinträchtigung als völlig uneinschätzbar tituliert …

Portugal, die allerletzte …

Gedaempfte Sonne heut – genau richtig zum Packen. Aber dies war nicht die einzige Aufgabe für heute, wie sich im Laufe des ereignisreichen Tages am 15. April noch herausstellen sollte …

Unser Flieger sollte um 18:20 starten, also hatten wir noch Zeit, die Nebenstrecke an der Felsenküste Richtung FARO zu inspizieren: Wunderschöne Klippen mit einer noch nie erlebten Brandung erschlossen sich uns, Häuserlagen mit Meerblick zum Erneiden bis ins tief grüne …

Ein letzter snack in einer Riesen-Mall mit ausgedehnter FressEtage, etwas Verpflegung für den SparFlug und ab zum airport. Mietwagen vereibarungsgemäß abgestellt, einchecken, SicherheitsCheck, Aufruf zum Boarding …

… bleibt aus …!  Statt dessen Aufruf zum geordneten Rückzug, alle Passagiere mögen ihr Gepäck wieder entgegennehmen und am RyanairSchalter weitere Instruktionen abwarten. Dort eröffnet man einer Horde von 200 verhinderten Heimkehrern, dass sich infolge des zweiten Vulkanausbruches auf Island eine Staubwolke in der Stratosphäre in Richtung Süden bewegt.

Ratlosigkeit greift um sich. Manche buchen sofort um auf andere Tage, andere Maschinen, andere Ziele, an denen der Flughafen noch nicht gesperrt ist. Fahrgemeinschaften bilden sich, solange es noch Mietwagen gibt … Taxifahrer freuen sich, mit ihren Gästen auf Hotelsuche gehen zu dürfen.

Auch wir lassen uns ein auf eine Flugverschiebung um 5 Tage. Wir kommen aber nicht weg. Also Nachtlager auf dem airport. Inzwischen sind der nordeurop. Luftraum incl. Frankfurt und Polen gesperrt …

Wir lernen Hajo & Jutta – Golfer aus Bremen – kennen, die wie wir um 5 Tage verlängert haben. Gemeinsam entwickeln wir die ganze Nacht Notfallpläne: wer könnte uns abholen, wie kommen wir zu einem Fahrzeug, wo bleiben wir die nächsten Tage …? Im Zuge der Überlegungen und der sich auf dem Abflugplan abzeichnenden Katastrophe, dass ein Flug nach dem anderen gecanccelt wird, erwächst die Erkenntnis, dass trotz gesichertem Ticket die Naturkatastrophe in Island keine Garantiezusage auf Heimkehr beinhaltet und selbst bei sofortigem Erlöschen der Vulkanaktivität genug Asche im Äther schwebt, um noch für Tage und Wochen alles lahm zu legen.

Portugal, die vorletzte …

Die ganze Nacht hat´s geschuettet wie aus Eimern. Der Vormittag grau, kalt, windig und nass – ein Vorgeschmack auf unsere Heimkehr?

Wir kennen nix als Programm: ab in die Berge. In MONCHIQUE erwartet uns Nebelregen, eine Sicht von maximal 10 Metern und trotz allem eine beeindruckende Bluetenpracht, mit der wir leider zuordnungsmaessig nix anfangen koennen … wer weiss, was das ist …

Und noch ein schoenes Bild im Vorbeifahren …

 

Unter Absingen schmutziger Schipmpflieder verlassen wir die Hoehenzuege von Flora und Fauna, landen nach einem Tiefflug wieder auf einsehbarem Niveau und besuchen nochmals Fancy Franzy im DROMEDARIO in SAGRES. Wir verspeisen einen leckeren Doppelburger und warten auf das Ende des Regens … vergeblich!

Ueber LUZ gehts die im Regen stehende Kueste entlang heimwaerts. „myself“ Billigfressorgie faellt aus, im Casa Inglesa …

… ein letztes Flaeschchen MATEUS Rosé und ab in die Federn.

Portugal, die sechste …

Nach Kaeffchen und Internet schauen wir uns das Gegenueber von PORTIMAO an, den Teil der Stadt, der – nicht so hoch und geschichtslos bebaut wie der, in dem wir uns haeuslich verloren haben – auf der anderen Seite der Flussmuendung des RIO ARADE.

Selbst aus der respektablen Ferne mutet diese Hochhaussilhuette an wie ein Bollwerk durchgeknallter Staedteplaner gegen jegliche Vernunft und im Geiste wildester Spekulationen und Raffgier  – ein Vergehen an der Geschichte und Natur, das wohl fuer immer ungeahnt bleibt …

Eine von tausend Strandbars in BELLA VISTA
– vis a vis PORTIMAO

Wir fahren weiter gen Osten, Kueste gaffen. Erster atemberaubender Punkt: 

Farol (Leuchtturm) da Ponta do Altar

Wir fahren durch Doerfer mit millionenschweren Villen, und man fragt sich, ob alle Portugiesen Multimillionaere sind … Ein Ueberangebot an Urlaubsabsteigen der hoechsten Klasse! Ueber FERRAGUDO gehts weiter zum Ziel unseres Ausflugs: ALBUFEIRA. Aber auch hier langweilen uns all die Betonkuenste, die im Sommer angeblich 300.000 (!) zusaetzliche „Wirtschaftsfoerderer“ – vornehmlich aus Irland, England und Portugal aufnehmen.

Zum Abschluss nehmen wir auf der Rueckfahrt noch PERA mit, haetten wir uns aber auch sparen koennen. Nach 6 Tagen und 700 km muss ich sagen: Kompliment! Die Ruhe und Gelassenheit der Portugiesen macht sich auch im Strassenverkehr bemerkbar! Kein Hupen, Draengeln, Jagen, bis auf die paar Hirnlosen, die es wohl ueberall auf der Welt gibt, und die zum Tier werden, sobald sie ihre Autotuer auf der Fahrerseite zugeschlagen haben. Insgesamt ein hoch respektabler Umgang also im Verkehr, insbesondere den Fussgaengern gegenueber!

Und anbends mal wieder …

myself

Portugal, die fuenfte …

10:00 Uhr: die Sonne bruellt vom Firmament. Wir wollen nochmal uebers Land fahren. LAGOS ist unser Ziel, aber mehr als enge Strassenfluchten, haufenweise Touris und von ihnen nicht weniger belagerte Restaurants bietes dieses Nest nicht. Wir kehren ein bei Heidi (sie hat so schoen geflochtene Zoepfe, welche links und rechts unter ihrer Deppenkappe herausbaumeln), die uns in Erwartung eines echten „Fish&Ships Menues“ enttaeuschenderweise eine steif frittierte Tiefkuehlbrasse an oelverschmierten Pommes kredenzt. Dafuer aber ist „Heidi“ ausgesprochen kommunikativ, spricht als Hollaenderin fliessend Deutsch, und wir geniessen ihre lebendige Unterhaltung im „goDutch„.

Fuer das Wechseln eines weniger handelsueblichen Geldscheines in einer Bank benoetige ich mehr als eine halbe Stunde Wartezeit: ein Schalter, 14 Kunden vor mir. Marke ziehen wie beim Metzger. Der Schein wird durchleuchtet, gewendet, betastet, geknuellt und wieder glattgezogen. Das Wechselgeld: zweimalig mit Hand gezaehlt, zwei Mal durch die Zaehlmaschine gejagt, wortlos auf den Tresen gelegt. Obrigado!

Die Rueckfahrt auf dem nahezu leeren highway fuert uns gegen 17:00 Uhr direkt ins Bett. Faettich sind wir vom vielen Laufen in der prallen Sonne …

Portugal, die vierte …

Abhaengen am Pool. Chill out bis 16:00!  Mir gegenueber am anderen Rand des Chlorgewaessers raekeln sich ein paar britische Huehner mit hartem LondonSlang, keine 22 Lenze alt, aber die Gesichter verlebt wie die professioneller Strassenschwalben … Hier ein wenig Creme, dort ein wenig Creme, Bauchlage, Oberteilgezupfe, Rueckenlage, Sonnenbrille hoch, Haareordnen, Sonnenbrille runter, gacker, gacker, schnatter, schnatter …  Huehner eben!

Meine Gedanken flirren ueber das blaetterbedeckte Wasser des kleinen Schwimmbeckens unserer Anlage, und ich lande dort, wo ich seit Wochen immer lande:

Mein Schmerz ueber den Tod meines Hundes keimt wieder auf. Mehr als 6 Wochen ist es jetzt her, und wenn ich seinen letzten Blick vor mir sehe, als ich ihn mit meinen beiden Kindern auf den OP-Tisch zur Einschlaeferung hochob, zerreisst es mich sofort. Umschlungen hielt ich seinen Kopf dicht an meinem, und ich hoere mich ihn fragen „Max, hoerst Du mich? Ich will Dir ein letztes Mal danken fuer die schoene Zeit mit Dir!“ Da war er aber schon laengst gegangen. Kein Zucken, kein Seufzer, kein Wimpernschlag. Kein Haerchen bewegte sich – er schlief mit geoeffneten Augen einfach ein, fuer immer und ewig.

Und schon wieder ist mein T~shirt nass von Traenen, waehrend ich dies schreibe. Und schon wieder frage ich mich, war der Zeitpunkt meiner Entscheidung ueber seinen Tod nicht doch verfrueht …?!?!?

Ich bin geflohen von zu Haus. Sein Grab im Garten, die Stille in allen Raeumen, die vielen Geisterbilder und Erscheinungen seiner selbst, die mich in der ganzen Wohnung verfolgen – ich kann mich selbst in Portugal nicht davon freimachen. Er ist in mir, und ohne in abgrundtiefe Trauer zu verfallen, kann ich nicht an ihn denken. Diese Anfaelle kommen immer wieder, und manchmal sind sie so intensiv, dass ich mich verloren fuehle und immer mehr Gewicht den Worten „Es gibt ein Leben ohne Hund – aber es ist nicht schoen!“ beimesse.

Die Last war MIR zu gross, werfe ich mir vor, nicht, dass ich IHN von seiner schweren Last befreit haette. Von Ungebundenheit und Unabhaengigkeit habe ich getraeumt, aber jetzt, wo er nicht mehr ist, bin ich versucht, einen Scheissdreck auf die Freiheit zu geben … „Meine“ Musik habe ich seit seinem Abschied nicht mehr gehoert, mir schmeckt kein Wein mehr, das Autoradio bleibt tot. Die Lust an Freude kommt mir ohne ihn vor wie Verrat an ihm  …

Endlich! Ein InternetCaffee! Ich gebe mich meiner Schreibwut hin. Abends das Standardprogramm: „myself“ Preiswertfood, Absacker, Bett.

Portugal, die dritte …

Peers letzter Tag. Surfbrett, 2 Taschen geballtes Uebergewicht und zwei Flaschen fliegen in den Laderaum seines Opel Combo, der auch schon bessere Zeiten gehabt hat, und wir duesen im Windschatten seiner Rostlaube ca. 70 km Richtung Westen ueber LAGOS, VILA DO BISPO nach SAGRES.

Dort besuchen wir erst Uwe, den Hersteller von Peers edlem Surfboard mit Bambusfurnier, 3 Flossen und fishtailback. Bereitwillig erklaert uns Uwe den Aufbau und die Arbeitsgaenge, um ein cooles Brett fertig zu shapen. Seine Lungen und Augen, insbesondere seine Stimme scheinen Zeugnis davon abzulegen, wieviel Tonnen an fein geschmirgeltem Harz und Fiberglas er im Laufe seiner engagierten Arbeit in den letzten Jahren geschluckt und inhaliert haben muss … Der einzige Abzug wird durch die zahllosen Luecken im schiefen Dach seiner knapp zwei Meter hohen und engen Werkstatt gewaehrleistet. Infos: www.klubaboards.com 

Besuch hat Uwe von zwei Freunden aus LA PALMA, die mit 3 Hunden und einem Tuerkentransporter (Ford Transit) nach 3 Tagen Reise- und Faehrzeit hier eingetrudelt sind. Jens muss in seiner Wahlheimat inselbekannt sein als der Deutsche mit den 7 Hunden, und rasch befinden wir uns im regen Gedankenaustausch ueber Hunde, unsere Liebe zu ihnen und ueber die Qualen unseres Verlustschmerzes, wenn sie fuer immer von uns gehen. Drei liebgewonnene Vierbeiner hat erschon begraben muessen und wuerde sich immer wieder fuer einen neuen entscheiden.

Nach dem Tod von MAX betrachte ich es als eine Art Verrat an ihm, wenn ich mich wieder auf einen haarigen Freund einlassen wuerde. „Max“, beteuert Jens “ wuerde dies auf keinen Fall so sehen! Und eines Tages, wenn Du wieder wieder offen bist fuer eine Beziehung, wird sich ein neuer Hund in Dein Herz schleichen …“ Mir gefielen seine Ansichten, die er mit einem Blinzeln in den Augen und einer Ueberzeugung in der Stimme darlegte, die mir fast die Traenen in die Augen gedrueckt haetten – nicht zuletzt deshalb, weil sich sein kleiner Schosshund vertrauensvoll auf der Bank an mich kuschelt und sein Koepfchen auf meinen Schenkel ablegt, waehrend der andere, sensible Mischling seinen Kopf unaufhaltsam an mein Knie drueckt, um Streicheleinheiten einzufordern. Als ob die Beiden die Worte von Jens besser verstuenden als ich …

Wir versprachen uns, eines Tages auf La Palma wiederzusehen.

Station 2 ist Peer`s Bar DROMEDARIO in SAGRES. Franzi begruesst uns herzlichst und verwoehnt uns mit Wein, Kaffe und Saft. Peer hat hier 3 Saisons in Folge den Laden geschmissen und einiges zu seiner Optimierung beigetragen. Dann lernen wir 3 Traumbuchten kennen, in deren Riesenbrechern sich wagemutige Surfer dem Kampf mit der perfekten Welle hingeben und bestaunen am CAP SAN VICENTE den 340 Grad Blick auf  den Atlantik – blau, so weit das Auge reicht; der suedwestliche Punkt Europas.

Wir jagen weiterhin Peer nach und landen bei Kathy, die ein Bistro www.warung.eu betreibt – mit der besten Currywurst an der Algarve auf und ab. Mit Peer bieten wir ihr einen shuttle service zum 90 km entfernten airport an, was aber kein hinreichender Grund fuer sie waere, uns einen Kaffe oder Verdauer auf Kosten des Hauses zu kredenzen. Volle Rechnung! Wir zahlen.

Peer entruempelt seinen Combo auf dem Parkplatz einer Werkstatt, und wir verfrachten das Paerchen, das keines ist, zum Flughafen.

Ohne Peer wird es bereits auf der Heimfahrt nach PORTIMAO auffalend ruhig, und beim abendlichen Verspachteln einer MonsterLasagne exorbitanten Ausmasses mit vinho tinto bei „myself“ (mal wieder) muessen wir uns eingestehen, dass er uns sehr fehlt, unser hyperaktiver Fremdenfuehrer, der uns mit seiner ortskundigen Einweisung einen Informationsvorsprung von mind. 2 Wochen hat zukommen lassen …