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Archiv für Marokko (Tanger) 2008

Tanger, Tag 6 von 6: der Rückzug …

Auf die schnelle: Salemaleikum,

es ist 8. ich sitz gepudert und gekämmt auf meinem Zimmer, hinter mir das Riesenbett, auf dem meine gepackten Habseligkeiten mit mir auf den Abflug warten.

Um 9 kommt Mouad mit seinem netten Schwager, der uns zur Fähre bringen wird nach TARIFA. Dort besteigen wir unseren seit 5 tage wartenden Ford Fiesta, fahren 160 km an spaniens mittelmeerküste nach Malaga, besteigen den Flieger gegen 17:35 und werden gegen 21:00 – also in ziemlich genau 14 Stunden – in Frankfurt aufschlagen. So der Plan …

Bei herrlichstem Sonnenschein fährt uns Mohammed samt Frau Sakina und einer Schwester zum Fährhafen, erledigt als Zollmann im Wochenende alle Formalitäten für uns, kauft Tickets und verabschiedet sich herzlich von uns.

Die Verabschiedung bei den tuchbedeckten Damen geschieht nicht minder herzlich – allerdings nur unter Familienmitgliedern. Mir wird distanziert aber dennoch ausgenommen freundlich die Hand gereicht, und wer als Gast meint, hier mit der europäischen Bussi-links-Bussi-rechts-und-wieder-zurück-Kultur landen zu können, wird keinen Korb gewinnen! Aufpassen! Das schickt sich nicht!

Erst eine halbe Stunde nach dem Erklimmen des 2. Oberdecks heißt es Leinen los, und das Winken aus weiter Ferne wird eingestellt. Der 25.000 PS Katamaran schießt aus dem Hafen, und über das Handy berichtet Mohammed bei Kaffe und Kuchen mit Blick aus unserem Frühstücksrestaurant über die Bucht, dass er und seine Frauen uns noch immer im Visier haben – weit draußen auf dem Meer schon …

Mouad wird etwas still neben mir, aber Müdigkeit allein wird es nicht sein …

Nach Packen, Fahrt zur Fähre und „Gibraltar-Brückenschlag“ erwartet uns Stufe 4 unserer Heimkehr: Auto in Tarifa wieder finden und Ford-Fiesta-Fahrt nach Malaga.

Error: Wagen da, Batterie auf Minus Null!

Zwei Jungs mit Auto helfen uns in einer unerwarteten Weise, das zum Dank meine Lufthansaflasche Rotwein den Besitzer wechselt. Das also war die Bestimmung dieses weit gereisten Cabernet Sauvignon.

Ein Abschleppwagen wurde geschickt, und er gab uns Starthilfe. Nun hatten wir 2 Stunden mit dieser Panne und damit unsere Chance verplempert, an der Küstenstrasse uns nach Malaga durchzuschlagen und einen spanischen Lunch mit Meerblick einzunehmen.

Stattdessen gab M. Vollgas über die leere Autobahn, und bei 130 km/h kamen wir über die spanischen Bausünden nicht dazu, unseren Mund vor Staunen zu schließen. Ich habe ja schon viel Zerstörung von Landschaft und Landschaftsbildern gesehen, aber was sich da an der spanischen Wasserlinie bis hinein ins Innenland (beidseitig und unmittelbar an der Autobahn!!!) unter strahlender Sonne an Betonschandtaten in alle drei Dimensionen erstreckt, ist ein Vergehen an Gottes Natur unter dem Credo „Money makes the world go arround!“

Hinzu kommt, dass nicht nur Schwarz- sondern auch viel Blutgeld in dieser km langen Betonwüste steckt und die Nachbarn wohl weitaus weniger weiße Westen tragen. Mouad, gib Gas und nix wie weg hier!

Wir laufen planmäßig und checken müde am Airport Malaga ein, essen einen Apfel für 1,30 € (!?!?!) und heben um 17:45 ab.

3 Stunden später, Bodenkontakt mit der Heimat. Nach einer herzlichen Verabschiedung Recht erschöpft gehen wir zum ersten Mal wieder unsere eigene Wege …

Resumée

Nach 5 Tagen bin ich erschöpft und mit einem Gefühl erfüllt, als wäre ich 5 Wochen auf Reisen gewesen. Daran schuld ist Mouad, der ein besserer Freund und Fremdenführer an meiner Seite nicht hätte sein können!!!

Menschen sind für mich – auch auf Reisen – weitaus interessanter als Gebäude oder sog. Sehenswürdigkeiten.

Ich durfte Mouad als einen Freund kennenlernen, der mich wohl wieder versöhnen wollte/sollte mit einer Männerwelt, die ich in den letzten Jahren zunehmend zum Kotzen fand. Beschiss, Betrug, Hintergehen, Falschheit und Egoismus hatten die Oberhand – und ich wohl ein Riesenproblem mit dem männlichen Geschlecht.

Ich vermute weniger, dass seine Religion und sein unbeirrbarer Glaube ihn zu dem machen, was er für mich wurde – obgleich sein tiefer Glaube ihn nicht unmassgeblich in diese Richtung mit beeinflussen wird, nein, ich denke, vielmehr haben ihn eine liebevolle Erziehung und ein sozialer Familienbund zu einem wahrhaft liebevollen, uneingeschränkt vertrauenswürdigen und friedvollen Menschen werden lassen, und jeder in seiner Nähe fühlt das unmittelbar und kann sich diesem „Charme mit Charakter“ nicht entziehen …

Danke Mouad, dass es Dich gibt!!! Das Großartigste an diesem kleinen Kurzausflug in eine fremde Welt und interessante Kultur, das warst Du!

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Tanger, Tag 5 von 6

Die Nacht war zu lang, der Schlaf zu kurz. Mouad klingelt mich aus dem Bett. Er steht schon in Warteposition im Foyer. Schnelldusche ist angesagt, und tschüss! Vorbei an unserem Casino Mövenpick, am HOTEL TARIC, in dem die Kakerlaken die Oberhand haben und ab auf unser Frühstücksrestaurant von gestern mit Rundumblick auf Tanger und die ganze Gibraltar-Küste.

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Unser „Salon de The“ von aussen …

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… und von innen nach aussen …

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… und hier dachte ich, ich hätte was mit den Augen …

Dann wieder zurück an der Sonnenküste, auf die völlig entgegengesetzte Seite, denn Mouad hat noch ein As im Ärmel: CAFE HAFA, eine Kultstätte und nichts anderes, als eine ziemlich urbane location mit Sperrmüllmobiliar und einem Minztee, den ich nie getrunken hätte, wenn das Wasser nicht kochend heiß gewesen wäre … Kultstätte insofern, als dass an diesem Ort mit seinen ca. 8 schmalen, unbefestigten Terrassen mit einem unvergleichlichen Blick aufs Meer Mouad wie auch Mick Jagger in jungen Jahren der den Geist vernebelnden Tüte gehuldigt haben …

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Grüner Minztee am blauen Meer

Wir lernen Angelika aus Schweden kennen, die am Nebentisch ganz allein ihren Reiseführer studiert. Ihre Henna bemahlte Hand weckt mein Interesse, und man kommt schnell ins Gespräch. Noch ahne ich nicht, was für ein lebenslustiges, frohes Mädchen sie ist, das mit ganz klaren Vorstellungen das tut, was sie will – ob es das Reisen ist, ihre „eigene“ Religion, die sie für sich gefunden hat, oder das Studieren (in London, Tokyo, und im Herbst soll es Tanger sein).

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Zeig her Deine Hände mit Henna, Hanna 😉

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Nicht Hanna mit Henna, sondern Angelika aus Malmö

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Und sogar den Museumsdirektor mit 1.000 Sprachen, keinen Zähnen, Jazz-Sax-Spieler lernen wir hier kennen!

Wir nehmen sie mit zur Grotte ausserhalb von Tanger, wo ich mit M. schon einmal war. Heute brechen sich die gleichmässigen Wellen mit einem wunderbaren Farbenspiel in der Gischt: diffuse Regenbögen zeigen ihr faszinierendes Spektrum, und ich kann diesen magischen Ort einmal mehr nur schwer verlassen.

Auf der Rückfahrt führt uns M. an einen verborgenen Aussichtspunkt mit Blick über das nahezu gesamte Tanger, der wohl kaum in einem Reiseführer oder von Touristen zu finden ist. Geheimtip von Mouad! Wir stolpern durch ein paar angelegte Grabstätten, rutschen über sandige Felsen und erreichen einen Punkt zwischen Pinien und Buschwerk, der unseren Augen unverholen die komplette Lage und Ausdehnung Tangers erschliesst. Einmal mehr: danke, Mouad!!!

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In Medina (Altstadt) wird eingekauft für die Heimat: Couscous-Gewürzmischung, Cocuma, Datteln (3 € pro kg), Safran (0,5 g/1€) und Blumen für die beste Gastgeberin und Köchin Tangers: Mouads Schwester. Denn heute wird zum Abschied zu Hause gegrillt.

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Kännche mit Füß oder lieber ohne …???

Als wir wieder einmal zur Völlerei bei M’s Schwester eintreffen, erwartet uns auf dem Balkongrill eine unermessliche Menge gegrillter Hackbällchen in der Form von Chevapchichi sowie Koteletts, alles nahezu fettfreies Lammfleisch, natürlich geschächtet! Die Flasche Rotwein, die ich xtra für mich mitgebracht habe, versteckt Mouad sofort, denn Alkohol ist selbst in den Räumen eines Muslims verpönt! Sorry, das wusste nicht!

M. durfte sogar nochunser blondes Gift aus Schweden mitbringen, und Angelika hat sich riesig gefreut, mit von der Party sein zu dürfen.

Die Frauen aßen – bis auf den weiblichen Gast – alle in der Küche, und nach Thunfischsalat, Lamm mit Pommes de Terre, Tee und Früchten waren wir gestopft wie eine Weihnachtsgans.

Sacha (M’s Schwester) trug ein schwarzes Kopftuch und einen grauen Mantel. Zum ersten Mal wurde mir bewußt, mit welcher Schönheit sie gesegnet war: wunderschöne braune und Ruhe ausstrahlende Augen unter sauber abgegrenzten, geschwungenen Augenbrauen, eine ebenmässige Nase, völlig makellose Haut und leicht geschwungene Lippen mit dahinter liegenden, schneeweissen Zähnen. Klein das ganze Gesicht, aber geprägt durch Ästhetik, Natürlichkeit und Anmut, dass man als Mann in voller Ehrfurcht vor soviel wahrhaft reiner Weiblichkeit ins Schwärmen geraten muss …

Schon bald müssen wir aufbrechen, und bevor M. und sein Bruder mich am Hotel absetzen, bringen wir Angelika in ihr 5€-Hotel in einer Gegend, in der ich selbst als Mann nicht allein bei Dunkelheit einen Fuss vor die Tür setzen würde.

Im RAMADA ist um halb 12 noch High-Life an der Bar, aufrichtige Herren betrinken sich, Damen des horizontalen Gewerbes produzieren sich …

Neben mir auf meinem Stammhocker die Sängerin des Abends, diabolisch- nuttenhaft aufgedonnert mit einem Lidstrich, den sie mit einem Stück Eier-Brikett gezogen haben muss. Hin- und wieder dreht sie sich mit dem Barhocker zu mir, wirft mir einen viel bedeutenden Blick zu und schliesst ganz langsam die satanischen Augenlider als würde sie sagen: „Grrrrrrrrrrrrrr!“ Ich höre sie schon fast schnurren in dem ganzen Lärm, den sie hier Musik nennen.

Der Text, so wie ICH ihn verstehe:
Schalla ahata gen galla schub dei schuttka as muschmi dar en salam hacha da un dall gene cata haia uni swenne lallalallalallalalla.

Mimik & Gestik des Sängers:
exzessiv expressiv, raumgreifend und dramatikgeschwängert

Stimmlage:
eunuchenhaft leidend, depressiv jaulend und mitreissend heulend

Unter dem Gesamteindruck dieses Auftritts traue ich mich zu folgener interpretativen Übersetzung:
„Du verfluchtes Miststück hast mich verlassen, aber meine Liebe zu Dir ist ungebrochen. Ich hab‘ Dir eine geschossen, aber gemeinsam sollten wir leben bis zum Ende unserer Tage. Nie wieder werde ich Dich schlagen, Allah ist mein Zeuge! Und nun komm ins Bett, wir haben miteinander zu reden! lallalallalallalalla

Dazu tanzt vor meinen Augen und auf Tuchfühlung ein aufgedrehtes Teeny-Nüttchen vom hiesigen Escortservice (unter eigener Regie) eine Art Bauchtanz in einer losgelösten Art, dass ich mich sagen höre: „Die zweite Linie auf Deinem Spiegel hättest Du mir wenigstens übrig lassen können …!“

Statt einen nackten Bauch hat sie einen halb nackten Hintern zu bieten, der sich oberhalb der rutschenden Jeans nicht unbedingt in einer edlen Form zu zeigen wagt. Dennoch: die Kleine legt einen Tanz auf ihren Stöckelschühchen hin, der in seiner Kombination aus hingebungsvollem Hüftschwung, Beckenkreisen, Händedrehen und Haareschleudern eine durchaus faszinierend erotische Note beinhaltet, dass einem selbst als Europäer das Messer in der Tasche aufgeht … Ich habe so etwas noch nie gesehen. Dagegen ist jeder semi-nudistischer Tabledance nicht eines einzigen Blickes würdig! Ernsthaft!

Gute Nacht, mein durchgeknalltes Tanger. Morgen muss ich Dich verlassen ;-(

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Oft hat man mich angesprochen, ob ich durch den arabischen Einfluss zu konvertieren gedenke …

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„Nein,“ habe ich immer wieder in den lästigen Interviews betonen müssen, …

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… ich bin und bleibe stets nur ein durchgeknallter Deutscher aus dem Morgenland!“

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Anmerkung der Redaktion:

Nach Veröffentlichung dieser Archivbilder steht zu erwarten, dass dieses Bildmaterial dem Bestand Schäuble’s Vorratsdatenspeicherung hinzugefügt und Ausgangspunkt weitergehender, erkennungsdienstlicher Ermittlungen sein wird.

Tanger, Tag 4 von 6

Gude morsche! Der gestrige Tag ist für mich noch nicht ganz vorbei: ich schau mir das Nachtleben in der Hotelbar an. Kleiner Absacker muss ja wohl drin sein heute …

Der ganze Laden voll mit Marokkanern – Alkohol trinkend !!!!!!!!!!!!!! Hier und da ein paar Mädels in einer altersmässigen Spannweite mit eindeutigem Berufsbild, dass für jeden/r Mann etwas dabei ist 😉

Ich kletter auf einen wackligen Bartresen und hab meinen Pastis noch nicht zum Mund geführt, schwupp, eine Schöne der Nacht neben mir – ganz diskret, wenig anzüglich, aber offenkundig sehr gelangweilt, so jung wie meine Tochter, aber nicht annähernd so schön wie sie.

Eine Konversation ist unmöglich: die arabischen Klagelieder einer wirklich diabolisch-nuttenhaft geschminkten Sängerin übertönen jedes Wort, die Worte jedoch finden auch keinen Einklang, da die schöne Studentin mit steuerlich neutralen Nebeneinkünften keine mir vertraute Sprache zu sprechen imstande ist. Dieses Defizit versucht die Holde mit ein bisserl Fusserln und Schenkerln auszugleichen. Ich tu mir noch einen Four Roses rein und trete den Rückzug ins Bett an …

Und hier noch eine kleine Kostprobe, die bei uns unter melde- wie auch anzeigepflichtiger Lärmbelästigung rangieren würde …

Nein, der Film läuft nicht rückwärts!!!

Um ehrlich zu sein, sooooo schlecht sind diese Klagelieder nicht, in denen es immer um Liebe geht, wie ich mir durch meinen schon Heineke-beseelten Nachbarn habe erklären lassen. Noch ein paar Gläser, und man groovt voll mit! Echt!

Pünktlich um 8 holt mich Mouad ab. Wir fahren raus aus Tanger in Richtung Gibraltar-Spitze und nehmen ein kleines Frühstück ein mit Panoramablick auf Tanger und die spanische Küste. Beeindruckend, dass man vergisst, was auf dem Tisch frohlockt …

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Tanger im Morgensmog

Auf dem Rückweg zeigt mir Mouad seinen geplanten, unbebauten aber bezahlten Altersruhesitz: ein Grundstück mit Blick auf Tanger und das Meer. Wir fahren vorbei an halbfertigen, riesigen Betonrohbauten in bester Aussichtslage (alles Hotel- und Wohnanlagen für gut Betuchte). Die Bauwut übrigens zieht sich durch die ganze Region. Goldgräberstimmung, soweit das Auge reicht – Spekulation mit agressiver Kostenexplosion!

Im Vorbeifahren noch ein kleiner Blick in ein Hotel mit Meeresbrise- und Aussicht. Wir fahren in den 4. Stock, treten aus dem Fahrstuhl und auf einen Teppich, der seit dem Einfall der Spanier nicht mehr gereinigt wurde … Vor der Zimmertür ein Riesenfleck, der davon zeugt, dass einer der früheren Gäste seine Klo nicht mehr rechtzeitig genug vor dem Aufschliessen erreicht hat. Wir öffnen trotzdem die Tür. Es schlägt uns ein Muffgeruch entgegen, dass ich halbwegs damit liebäugel, das nachlässig gemachte Bett im Riesenschwall vollzureiern. Wir stürzen zum Fenster und reissen es auf. Mouad ist blass, ich verdreh die Augen, und wir überlegen, ob wir lieber springen oder diesen im wahrsten Sinne des Wortes versauten Weg zurückgehen sollen. Der Blick einmalig schön, das Wasser azurblau, der Preis verdächtig tief: 28,- €.

Man könnte mir das 1.000fache bieten … Ohne auch nur einen Gedanken zu verschwenden an die möglichen Küchenzustände und die lebhafte Welt der Kleinsttierpopulation in diesem Etablissement, suchen wir schnell das Weite (und Schöne) …

Mouhad zeigt mir die Altstadt und damit die Wiege seiner Kindheit. An jeder Ecke, an jedem Stein weiss er eine Geschichte. Viele Menschen begrüßt er, die er schon als Kind gekannt hat.

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Die ehemalige Werkstatt von M’s verstorbenem Vater

Ein erfeilschtes Arafat-Tuch schützt endlich meinen von Smog und Wind lädierten Hals von aussen – Minztee von innen …

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… und morgen gibt’s die passenden Handgranaten dazu 😉

In einem der zahlreichen Tee-Cafés (welch Wortschöpfung!) besuche ich die Toilette und schwöre mir danach, diesen Ort der Erleichterung in ganz Afrika nie wieder aufzusuchen!

Kein Toilettenpapier! Ja, scheiß die Wand an!

Nicht etwa vergessen, oder ausgegangen. Nein, ist so. Muss man mit leben. Im 21. Jahrhundert! Und der Koran erhebt seit Menschengedenken die Reinlichkeit auf die höchste Stufe aller Gebote! Für mich eine der größten Verlogenheiten dieser zum Teil abstrusen Religion, die ich in ihren Grundzügen jedoch zu respektieren weiss (ich habe gelernt!).

Vor meinem Mittagschläfchen im Hotel – heute ist Freitag, und M. muss in die Moschee – hätte ich am liebsten einen Domestos-Sagrotan-Cocktail getrunken und in Salzsäure gebadet. Ich werde mir die Hände auf den Rücken binden oder nie wieder in diesem Land aus der Hosentasche ziehen! Der Gedanke an diese apokalyptische Hygienedefizit-Offenbarung macht mich zum psychopathischen, zwangsneurotischen Händewascher. Ja, scheiß die Wand an … 😉

Abends geht es in ein Restaurant, dessen Speisefolge- und Qualität nicht weiter berichtenswert ist. Aber unser Gast, der hinzustößt, wird zum Interessantesten des heutigen Abends: Mouads Mieter.

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Mouad kennt ihn seit seiner Kindheit, geboren in Tanger, Schule + Studium in den USA. So konnte auch ich mich mit SmartyBoy (gepflegter Anzug über schwarzem tShirt, Rolex Seamaster, teure Schuhe) unterhalten. Er lädt uns ein, mit ins Casino zu kommen. Wir fahren ihm hinterher: Ford Monster Range Rover mit extremen Bullenfängern, dunklen Scheiben, Platz für 8 Personen, Breitreifen der Sonderklasse. Bereits am Eingang des am Mövenpick Hotel angegliederten Casinos wird er von der bewaffneten Security per Handschlag begrüßt.

Wir betreten ein prachtvolles Foyer mit blaumen, 3-stöckigen Wasserfall, Smarty schreitet voran, M. und ich trotten hinterher.

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Ich war mir sicher: hier lassen sie mich mit meinen Turnschuhen, mit meiner abgewetzten Jeansjacke und meinem Arafat-Tuch unter gar keinen Umständen rein! – Irrtum, nur das Tuch gefiel nicht.

Wir betreten die Halle des Lasters: 30 x 60 m, 10 m hoch, 8 Roulette Tische, 12 x Blackjack/Poker, 10 angrenzende, festlich eingedeckte Speisetische und eine ellenlange Bar an der Wand zu Abschluss.

Mr. Bombastik betritt die Halle und begrüßt, umarmt und küsst nahezu die Hälfte aller versammelten Gäste, Groupiers und Kellnerinnen. Anscheinend ist er nicht das erste mal hier 😉

Am nächstgelegenen Speisetisch nehmen wir Platz, er lässt sich etwas vom üppig drapierten Buffet kommen, verwöhnt mich mit allerbestem Rotwein und blickt zufrieden in die Runde – wie ich.

Uns gegenüber ein Black-Jack-Tisch. 5 Spieler, davon ein glatzköpfiger Stiernacken mit drei Speckfalten im Genick. Goldkettchen am Hals, hautenges t-shirt, lange Ärmel, zerschlissene Jeans – wohlgemerk: wir sind im Mövenpick-Casino! – und abgewetzte Lederslipper.

Kettenraucher mit breiten Schultern und Hohlkreuz, das sich wunderbar paart mit einer spitzbäuchigen Plautze, die einer silbernen, tief hängenden Gürtelschnalle das Sonnenlicht raubt.

Im extasischen Aufspringen und Drehen infolge eines offenbar unerwarteten Gewinns zeigt Ledernacke sein ungepflegtes Gesicht: vom Suff und Puff schwarz umrundete, wässrige Augen, roter, großporiger Riechkolben, stoppelbärtige Schwabbelbacken, die in höchster Erregung seiner Einsätze unentwegt mit fahriger, zigarettenbestückter Hand bis hinunter zum faltigen, transpirierenden Hals gekratzt werden.

Und schon wieder springt er auf, stößt stolze Jubeljaule aus und reißt dabei seine Rolex- und Armreifchenhände in die Luft, und noch einen Wodka!

Ich wechsele den Tisch, angelockt von einer TigerLilly, die alle Männer-Augen auf Status „out of controll“ setzt:

TigerLilly lernt Roulette und lässt sich dies – nur mit den größten Jetons – vom fast vergreisten Liebhaber beibringen: TigerLillys tragen üblicherweise tigergestreifte Kleidung, so auch in diesem Fall: ein hautenges t-shirt mit einem Ausschnitt bis zu den Füssen, sodass der bordeaux farbige BH samt Trägern nahezu unverhüllt präsentiert wird. Noch nicht genug: die Aus-Masse oder besser, die dahinter liegende Masse erinnert an milchgebende Tiere, die vor Schmerz schreien, weil sie beim Melken vergessen worden sind.

Das gesamte Konstrukt befindet sich in einer atemberaubend instabilen Lage, und so mancher Spieler vergisst bei diesem Anblick, seinen Gewinn vom Grün zu streichen …

TigerLilly ist gelehrig, kullert mit Kuhaugen ihren Mäzen an und setzt, wie dieser es ihr vorschlägt. Manchmal erhebt sie sich dabei von ihrem Stuhl, beugt sich zum Verteilen der Chips über den Tisch, und man muss befürchten, sie beabsichtigt die linke Brust auf Rot und die rechte auf schwarz zu setzen. Faites vos jeux, s’il vous plait!!!

So Manchem an diesem Tisch läuft der kalte Schweiß von der Stirn geradewegs in das Whiskeyglas, und ich rate noch, ob die Ursache bei TigerLilly’s Exhibitionsdrang zu suchen ist oder doch eher in so manch haushohem Verlust liegt …
Und schon wieder heißt es: „ Faites vos jeux, s’il vous plait!!!“

Urplötzlich und aus einem für mich nicht erkennbaren Grund ist der gesamte Tisch mit Jetons bedeckt – von einem einzigen Mann – dem nächste Opfer meiner aufregenden Studien:

geschätzte 68 Lenze, seit 100 Jahren nicht mehr gelacht, das faltige, von Nikotin zersetzte Graugesicht leidvoll verzweifelt, ja verkrampft – als ob es um Haus und Hof geht. Er beherrscht den gesamten Tisch mit seinen Einsätzen, es geht Schlag auf Schlag, und es sind nicht nur einlagige Einsätze, nein, ausschliesslich Türme an Jetons werden gesetzt, Türme gehen verloren, und Türme kommen an ihn wieder zurück. Dazu braucht er ganze zwei Finger, die restlichen acht sind unentwegt damit beschäftigt, Zigaretten zum Glimmen zu bringen.

Seine ansonsten gepflegte Kleidung zeigt einen Geschäftsmann, sein Geld den Erfolg, die Gicht geplagten Finger scheinen jedoch weniger Folgen harter Arbeit als vielmehr das Ergebnis eines lebenslangen Spieltriebs zu sein. Die Hände scheinen der Negativabdruck von Jetontürmen gleich zu kommen, so sehr schmiegen sich diese Plastikchips an und in seine Finger.

Der Tisch füllt sich, für mich ist nicht mehr erkennbar, wer wann was wo setzt. Ich bewundere grad das Elefantenhirn der Groupiers, als plötzlich aus der Reihe der Zocker in einem hohen Bogen ein Bündel Scheine auf dem Spieltisch aufschlägt. Es müssen 20.000 € gewesen sein, die in Form bunter Spielchips dem Werfer retourniert werden. Man rate, an welche Adresse …

Ledernackenspeckfaltensaufgesicht drängt sich mit glühender Fluppe und galliger Fahne neben mich. Sein durchschwitztes HUGO BOSS tShirt dünstet und ich verdufte.

Zurück am Tisch von Monsieur Nourdine halte ich zur Tarnung hin und wieder mein Handy ans Ohr und drücke blind auf den Cameraauslöser, denn dieses Szenario fasziniert mich!
Ich hätte keinen Kontrollblick auf das Display werfen sollen! Nach dem 5. Auslöser tritt der Chef de Range an Herrn Nourdine heran und flüstert ihm etwas ins Ohr. N. beugt sich zu mir und bittet mich, das Fotografieren in den heiligen Hallen zu unterlassen. Erwischt! Und wie?
Ich schau an die Riesendecke mit ihrer dunklen, wabenförmigen Abhängung. In diesen Waben nisten unzählige Kameras … Ok, thank you for the lesson!

Eine blonde, hochhackige Schönheit im Servicekostüm fragt relativ vertraut und charmant N. nach seinem Befinden, und die beiden palavern ein wenig. Unter Einfluss einiger Gläser eines excellenten Medocs frage ich Blondie auf englisch, welche Funktion sie ausser des lasziven Daherschreitens habe. Sie klärt mich schonungslos auf, erzählt ein wenig über ihr Leben, und ich greife zu einer meiner Standardformeln: „Thank you for the lesson!“ Mit nicht minder laszivem Blick erwidert sie im Gehen: „Oh, believe me, I can teach you much more …“ und katpultiert das lange, blonde, volle Haar mit Ihren roten Fingernägeln und einem Kopfschwung lässig in die Luft.

Tanger, Tag 3 von 6

Sonne in Tanger! Da steht man gleich viel froher auf. Früstück gleich gegenüber zu zivilen Preisen: frisch gepresster O-Saft, Wasser, Tee – dieses Mal ohne Zucker, dafür mit Mini-Berbermütze überm Teekannenhenkel gegen die Hitze, Harcha (Maisbrot) mit Käse …

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Im Verlauf des Vormittags ergibt sich eine leidliche Diskussion mit der Managerin Mrs. Nazik des Hotel RAMADA LES ALMOHADES:

Hotel Ramada, Tanger

Hotel Ramada, Tanger

Ich habe zwar einen 35%igen Rabatt auf einen (mir unbekannten) Normalpreis erhalten, liege aber immer noch mit 68,- € ganze 40% über dem von mir vor 6 Tagen ermittelten Internet-Preis. Versichert wurde mir beim Einchecken, dass ich „best possible price“ erhalten hätte. Dies war die erste Lüge.

Beim Einchecken bat ich um ein Zimmer mit uneingeschränkten Hafenblick. Nein, nicht möglich! Alle Zimmer mit Meerblick – ich zähle rund 30 Fenster – wären Suiten. Heute lese ich im Hotelprospekt, das Hotel habe 126 Zimmer und lediglich 12 Suiten. Lüge Numero due. Oder fehlte nur das Bakschisch?

Zuguterletzt versucht mich bei meiner Bitte um ein Entgegenkommen die charmante Managerin dahingehend aufzuklären, dass infolge der abgeschlossenen Buchung eine Preisreduzierung leider nicht mehr möglich wäre … Die erste Managerin in meinem Leben, welcher der Begriff der Storno-Buchung nicht geläufig ist 😉 – genau wie Customer Satisfaction, Kreativität bei Konfliktlösungen und Kundenorientierung: Fehlanzeige! Es wäre so leicht gewesen, sich mit mir wieder zu versöhnen …

Für diese kleine Enttäuschung werde ich großzügig entschädigt: Mouad ergattert für 2 Tage den Golf seines generösen Bruders! Im Rahmen der Fahrzeugübergabe werden wir zu Mittag wieder einmal üppig umsorgt mit einem marrokanischen erster Klasse: köstliches Hähnchen an eingelgten Zitronen.

Ein weiterer Bruder ist angereist, um sein 2 Monate junges Enkelkind zu sehen – mit braunen Riesenknöpfen im freundlich dahersabbernden Gesicht . Mohammed II ist extrem kommunikativ, und wir unterhalten uns angeregt in 2,5 Sprachen im marokkanischen Wohnzimmer. Dann lerne ich eine neue Tradition kennen: wir 4 Männer – ohne Knopfauge – speisen fürstlich im Zimmer, während ich in der Küche viele Frauenstimmen höre, ohne auch nur eine der Kopftuchdamen bislang gesehen zu haben. Mouad merkt, wie ich ihn wegen dieser „Ausgrenzung“ von der Seite her fragend anschaue. Er zuckt mit den Schultern, streckt seine hähnchen-verölten Hände zu Allah in die Höhe und sagt: „Muss man mit leben.“ Ich muss das Hühnerbein schnell aus dem Mund nehmen, sonst hätte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes totgelacht …

Mohammes II mit “Knöpfchen”

Mohammed II mit “Knöpfchen”

Mohammed verabschiedet sich nach dem Tee in einer Art von mir, als wäre ich einer seiner vielen Brüder. Diese Herzlichkeit hier überwältigt und berührt mich zutiefst – einmal abgesehen von der „Herzlichkeit“ einer Hotel Managerin …

Bevor wir uns wieder die 6 Stockwerke herunterkugeln, lässt Mouad noch schnell den parkenden Golf von einem älteren, zahnlosen aber freundlichen Mann innen wie aussen für ein paar EURO waschen.

Car Wash

Car Wash

Dann werden wir stadtflüchtig, fahren am südlichen Stadtrand vorbei an Villenkomplexen, die es mit Beverly Hills durchaus aufnehmen können, vorbei am schwerbewachten Palast des Königs MOHAMMED VI., und bald begleitet uns zu rechter Hand der tosende Atlantik. Surf Area in untergehender Sonne.

An einem touristischen Ausflugspunkt parken wir. Ich sehe life meine ersten Kamele, die auf Kundschaft warten und mit ihrem gelangweilten Blick wie auch ihrem lässig mahlenden Knutschmaul mich durchaus an meinen Max erinnern …

Knutschen …?

Knutschen …?

Wir erklimmen ein paar zementverschmierte Klippen, gelangen zu einer ganz bescheidenen Teebar (NO WINE, NO BEER!!!!), nuckeln auf klebrigen Plastikstühlen wippend an einer Flasche Wasser und zählen die sich weit draußen langsam aufbauenden Wellen, die sich in ungestümer, weisser Gischt an dem unter uns liegenden, schroffen Gestein tosend brechen. Ich könnte ewig so dasitzen …

Der alte Mann und das Meer …

Der alte Mann und das Meer …

Doch Mouad ist im Gegensatz zu mir nicht zum Vergnügen in seine Heimat gekommen – heute hat er seinen wichtigsten Termin: Preisverhandlung zu einem Immobliengeschäft. Wir düsen zurück, schlängeln uns auf Tuchfühlung mit den vielen Stadtfröschen (besagte, grüne Minitaxis) durch den tobenden Feierabendverkehr und erreichen bald mein Etablissement.

Verabschiedung – wie immer – so herzlich, als würde man sich das letzte Mal sehen, und für den Rest des schönen Tages drücke ich meinem Mouad alle Daumen, dass er seinen Preis heut Abend realisieren kann …

HISTORISCHES

Die mythologische Geschichte der Stadt Tanger gründet sich auf den Legenden der Berber und Griechen. Für die Berber ist Tanger die Gegend, von der die Erde stammte, welche an den Krallen der Taube klebte, die Noah nach der Sintflut aussandte. Tanja ist ein Begriff aus der Berbersprache und bedeutet: neues Land.

Für die Griechen leitet sich die Gründung Tangers von der Tochter Tingi des Riesen Antäus ab. Für die Schreiber des alten Griechenlands war Tanger „die schönste Stadt der bekannten Welt – eine Region der Götter, in der die größten und schönsten Männer lebten“.

Die Geschichte Tangers ist durch die Jahrhunderte geprägt von Invasoren und vielfältigen kulturellen Ereignissen. Durch seine geographische Lage ist Tanger einerseits eine begehrte, strategisch günstige, am Ausgang des Mittelmeeres liegende Stadt, andereseits bildet sie das natürliche Tor zum Afrikanischen Kontinent. Sie war Heimat großartiger Gelehrter, in neuerer Zeit lebten viele Schriftsteller und Künstler, wie zB Mark Twain und Tennesse Williams hier, oder der Maler Henri Matisse.

Durch Unabhängigkeit Marokkos von Frankreich (1956) wurde Tanger wieder in den Staat eingegliedert und fand wieder stärker zu seinen Wurzeln.

Tanger, Tag 2

Mit vollem (Lamm-)Bauch schläft es sich schlecht! Ich hätte es wissen sollen …

Ein morgendliches Entspannungsbad befreit mich von den Anstrengungen des vorigen Reisetages. Mouad holt mich vom Hotel ab, und wir ziehen durch Tangers laute Strassen, in denen der Autoverkehr tobt. Keine Strassenbahn, keine Metro, kein Bus, kaum Moppeds. Dafür Milliarden kleiner Fiats Uno 4-Türer in blaugrün mit einem Taxi-Zeichen auf dem Dach und Jahrzehnte auf dem Buckel – ohne TÜV und Inspektion…

Don’t speak to the driver …

Don’t speak to the driver …

Hin und wieder stoppt Mouad eine dieser Kamikazekutschen – völlig egal, ob besetzt oder frei. Man steigt dazu, wenn’s in dieselbe Richtung geht, zahlt einen Obulus von ca. 50 Cents für einen Kilometer und ist froh, wenn man den Ausflug überlebt hat. Hier wird alles aufs Korn genommen, was 2 Beine oder 4 Räder hat. Wenn Schaden droht, winkt man sich gegenseitig respektvollzu und gibt 2mm Raum frei – bis zum nächsten Stop in 8 Reihen auf 4 Spuren im Rondell eines dieser typischen Kreisverkehrknoten mit über hundert Zubringerstraßen. Der Inbegriff eines geordneten Chaos.

Ausgerechnet im „Cafe Chambre d’Elysee“ frühstücke ich um 10: ein lauwarmes Maisbrot mit Käse, ein kochend heißer Tee im Silberkännchen (Pfefferminztee, in dem vor lauter Zucker der Löffel stehen kann), Oliven, O-Saft, Wasser. Mourad schlürft einen Mocca ähnlichen Espresso, und wir machen’s wie alle Herren in diesem recht gepflegten Kaffee: vorüberziehenden Verkehr beobachten, Gäste und Passanten studieren und ein wenig plauschen. Unter „ferner liefen“, völlig beiläufig erzählt mir Mouad bei Tee und Kaffe, dass eine seiner Schwestern (verheiratet, 2 Kinder) seit 17 Monaten verschollen ist. Haus verlassen und ward nie wieder gesehen. Das passiert in Marokko angeblich öfters.

Wir zahlen umgerechnet 3,60 € (kompllett!!!) und besuchen den Bankdirektor einer nahe gelegenen Bank. Die beiden fallen sich – wie hier so üblich – in die Arme, Mouad bekommt durch seine Freundschaft zu dem Herren mehr Ratschläge und Kredit als alle anderen Kunden, und es geht weiter durch regennasse, lärmende Strassen zum Goldschmied. Wieder ein alter Freund, Küsschen links, Küsschen rechts, Schulterklopfen und unendliches Pfötchendrücken zeugen unmissverständlich von dem Beziehungsgrad der Beiden.

Bei Schmuckanfertigung in Gold rechnet man hier folgendermassen: pro Gramm Material (zB für einen Ring) 300 DH. Das sind bei einem Ring von 7,6 g 2.280 DH, also ca. 200 Euronen. Bei Silber sind es 25 DH/gr. Arbeit inclusive!

An diesem Regentag mache ich ein ausgiebiges Mittagsträumerchen, bis mich Mouad über unser eigens eingerichtetes, marokkanisches Handynetzwerk (pre payed card) wieder in die Realität zurückklingelt.

Eine Stunde später steht Mouad auf der Matt, uns wir winken eine Kamikazetaxi an den schmutzig-nassen Bordstein. Wir sind wieder zum Essen eigeladen bei seiner Schwester: 1. Riesen-Vielfalt-Frischsalatplatte, 2. Dorade an Tomatensauce auf Kartoffelbett, 3. kein Wein! 4. Fruchtteller an Messer, 5. kein Bier! 6. Minztee an süßen Brötchen, Keksen und getunter Sandtorte, 7. kein Schnaps! Als Beigabe: die 2. Folge von „Krieg und Frieden“ auf dem ZDF-Kanal über Schüssel …

Dorade wär’ nich schade …

Dorade wär’ nich schade …

Ein Fischgericht wie dieses habe ich noch nie gegessen!!! Keine TK-Kost, sondern frisch vom Kutter. Einfach köstlich. Ich frage Mohammed, warum er bei dieser Hausmannskost nicht schon 300 kg wiegt. Mouad übersetzt, Mohammed lächelt, und ich werde es nie erfahren – das Geheimnis des üppigen Essens ohne Reue … 😉

Heute hier – und morgen fort: Tanger

Mouad ist Marokkaner. Mouad ist der freundlichste, zuvorkommendste Servicemitarbeiter und ein wahrlich liebenswerter, den ich kenne. Mouad arbeitet im Restaurant meines Schwagers. Mouad fragt mich: Kommst Du mit, ich fahre ein paar Tage in meine Heimat. Ich sag nicht nein, pack kleines Handgepäck, und zwei Tage später sitzen wir in der voll ausgebuchten Lufthansa-Maschine von Frankfurt nach Malaga. Unser Ziel: Tanger.

Hier hat Mouad vor ein paar Jahren das Licht der nordafrikanischen Welt erblickt, wurde im Sinne des Islams liebevoll aufgezogen, und sein eigenes, liebevolles Wesen kommt allen Menschen zugute, mit denen er umgeht: Gäste, Familie, Freunden und mir!

Nach einem fast 3-stündigen 200 €-Flug (hin und zurück!), einem netten Gedankenaustausch mit unserer Stewardess in der rückwärtigen Galley schlagen wir pünktlich in Süd-Spanien auf und übernehmen den bereits in Deutschland gebuchten Mietwagen. Und schon bekommen wir Feindkontakt mit der mir so verhassten Art der Spanier, vermeintlich dumme Deutschtouristen nach allen Regeln der Kunst übers Ohr zu hauen: üblicherweise wird der Wagen vollgetankt übergeben und leer wieder abgegeben. Für den vollen Tank will uns die schlitzohrige Schönheit 76 EURO in Rechnung stellen. Dies bedeutet bei einem Literpreis von einem EURO, dass der FORD Fiesta mit einem 80 Litertank ausgerüstet wäre … Mouad legt auf Spanisch los, und ich drück mit Englisch nochmals auf die Tube der Empörung. Schließlich schrumpft das Tankfassungsvermögen auf realistische Normgröße von 45 Litern und unsere Rechnung damit auch. Man versucht es eben mal … Im Gehen warne ich die noch hinter uns ahnungslos wartende Schlange vor der trickreichen Krähe. Nach gründlicher Schadensbegutachtung besteigen wir einen einwandfreien und silbergrauen FORD und verlassen unter Absingen schmutziger Schimpflieder das schmucklose Flughafen-Parkhaus. Spanische Beschiss-Schachtel, die dreckerte 😉

Wir fahren auf einer mautpflichtigen und nach teutschen Maßstäben excellent gepflegten Autobahn direkt in die spanische Untergehsonne. Romantik pur. Sonne im Herzen und am Horizont. Vogelfrei und unbeschwert mit einem dicken Freund an meiner Seite – Ziel: TARIFA.

In Ruheposition …

In Ruheposition und …

20 Minuten später …

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I need more speed!

In 35 min. haben wir die Meerenge von Gibraltar überquert und legen nach einer Speedboat-Fahrt mit einem Riesenkatamaran um 21 Uhr in Tanger’s Hafen an. Der erste Eindruck vom hiesigen Chaos und laissez faire in dieser nordafrikanischen Stadt: Passagiere ohne Auto müssen sich auf dem Hafengelände selbst den Weg zum Zoll suchen – vorbei und durch Schlangen wartender, verdreckter Lkw’s. Kein Bürgersteig, kein Leitsystem, rein gar nix!

Riesiges Hallo und unendliche Umarmungen zwischen Mouad und seiner kopftuch-bedeckten Schwester sowie seinem Schwager. Ich werde aufs freundlichste begrüßt, und wir steuern mit einem code-gesicherten, betagten Golf HOTEL RAMADA an.

RAMA HAMA DA  ;-) Blick vom 5. Stock

RAMA HAMA DA 😉 Blick vom 5. Stock

Mouad und Schwager handeln einen akzeptablen Preis für mich aus, ich schmeiss meinen Rucksack auf das Riesenbett meines Riesenzimmers mit Vollbad und Blick auf den Hafen aus dem 5. Stock des Riesenbaus, dessen Baustil einher geht mit der gesamten, neuzeitlich Bebauung Tangers: erschlagende Blockbauten mit Nischenartigen Räumlichkeiten auf engstem Platz – kaum ein Haus unter 10 Stockwerken, Strassenschluchten säumend.

Um halb 11 essen wir zu Abend bei Mouad’s Schwester. Mein erster Kontakt mit einer arabischen Familie, und das im eigenen Heim: 6. Stock zu Fuß erklommen, Schuhe aus in einer kleinen aber peinlich sauberen Wohnung mit einem europäischem wie auch arabischen Wohnzimmer, kleine Küche mit Gasflaschen-Herd, kleines Bad und hier ein Gardinen-Schränkchen und dort ein geschnitztes Tischchen.

Eine völlig neue Welt erschliesst sich mir, und ich bin wieder einmal mehr Mouad so sehr dankbar dafür, dass er mir all das so bereitwillig und in seiner für ihn so typischen stolzen wie auch herzlichen Art zeigt!

Die mir von „meiner“ Stewrdess so freundlich mit auf den Weg gegebene Flasche Cabernet Sauvignon 2004 muss – auch das hatte ich vergessen – im Wagen bleiben. NO ALC!

Dafür gab es frisches Wasser im marokkanischen Wohnzimmer – zur Gemüse/Lammsuppe, zum Lammgebein mit Rosinen, Mandeln und Honig auf einem großen Teller in der Mitte des runden Tisches. Es wird mit der rechten Hand gegessen! Danach Obst und noch ein Tee mit selbst gemachtem, HERRLICHEN Gebäck, lecker in Reih und Glied auf Silberteller üppig drapiert, dass ein Ignorieren unmöglich und wohl auch beleidigend ist 😉

Wohlgenährt werde ich ins Ramada chauffiert und falle völlig erschöpft in mein Luxusbett, in dem ich nächsten Morgen mich querliegend wieder finden werde.