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Archiv für Krankheit & Tod

Herzkatheter – der 19.

Heute mus ich wieder aus meinem Leben über sehr Persönliches – weil Körperliches – berichten: meine Pumpe streikt wieder!

Zur Historie
Mit knapp 40 Jahren hat mich ein stiller Herzinfarkt gebeutelt, der eigentlich schon fast vergessen ist. In den darauf folgenden Jahren verengten sich dann wiederholt einige Herzkranz-Gefässe, und diverse Kliniken in Tübingen, München und Lübeck konnten mit Ballondilatationen und Einsetzen von Stents mich über die Runden bringen, bis dann im Juli 2002 mein koronares System durch professionelle, erstklassige Arbeit eines Prof. Klövekorns in der Herz-Klinik in Bad Nauheim ersetzt wurde durch Venenmaterial, das meinem linken Bein entnommen wurde: ein 5-facher Bypass wurde daraus fein gefertigt und verlegt.
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herz22.jpg

Herzkranzgefäße, das Herz in der Vorderansicht.

Von der Hauptschlagader (Aorta) gehen kurz oberhalb der Aortenklappe das linke und rechte Herzkranzgefäß ab. Das rechte Herzkranzgefäß (RCA) versorgt die rechte Herzhälfte. Der Hauptast der linken Koronararterie (LCA) teilt sich in einen Ast auf, der über die Vorderwand des Herzenz verläuft (RIVA), und einen Ast, der seitlich an der linken Herzhälfte verläuft (RCX).

(5) Hauptschlagader (Aorta)
(6) Lungenschlagader (Pulmonalarterie)
(9) obere Hohlvene
(10) untere Hohlvene

Darstellung entnommen: www.kardiowerkstatt.de
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Ich dachte damals:“ Das war’s! Nochmal Schwein gehabt!“ Das Glück währte jedoch nicht lange … Immer wieder gingen neue Stellen des frisch verlegten Systems auf meist bis zu 90% zu, und ich hing mit 10% am seidigen Faden des Lebens, als „mein“ Koronar-Prof“ des Bethanienkrankenhauses Frankfurt mir immer wieder das Leben verlängerte – seit der Bypass-OP alle 3 bis 5 Monate …

Für kommenden Donnerstag ist nun der 19. Eingriff dieser Art anberaumt.

Beschwerden
Seit gut einer Woche beobachte ich bei den geringsten Belastungen sog. Angina-Pectoris-Anfälle. Das sind Schmerzen im Brustraum, die das Atmen erschweren, mir den Schweiss auf die Stirn treiben und mich in Todesangst versetzen. Es ist ein Druck, ein Perlen, als ob in den Lungenflügeln Sektflaschen überschäumen.

Diagnose
Die Eskalationsstufen bei der Diagnose sind üblicherweise: EKG, Belastungs-EKG, Ultraschall, Herzkatheder. Seit dem beim vorletzten Mal alle Stufen vor dem Katheder bei mir negativ, also ohne Befund verlaufen sind, ich aber auf einen Herzkatheder bestand und sich tatsächlich entgegen allen medizinischen Erwartungen lebensbedrohliche Verengungen auf dem Monitor zeigten, vertraut mein Prof. nun meiner Selbstdiagnose und nimmt mich sofort bei den ersten Anzeichen ins Katheder-Labor.

Nun ist es wieder soweit: Herzkatheter, der 19. mittlerweile in meinem Leben. Und ich flehe alle guten Geister an, dass es auf diesem Wege noch einmal gehen möge, denn sonst bleibt bestenfalls nur noch eine weitere Bypass-OP …

Gut gebrüllt, Löwe!

Der medienwirksame Rummel und die Ankündigung, das niederländische Fernsehen würde eine QuizShow veranstalten, in der drei todkranke DialysePatienten um die Spenderniere einer krebskranken Frau als 1. Preis wetteifern, hat sich als flop herausgestellt.

Einziges Ziel war es, mit den kontrovers provozierten Meinungen in Politik und Öffentlichkeit die Menschheit auf die prekäre Situation in puncto Organspende hinzuweisen und wachzurütteln. Gut gebrüllt, Löwe!

Näheres

Blog der Woche

Beeindruckende Initiative eines sympathischen Jungen, der trotz Handicap und aus seinem Handicap heraus eine pfiffige Info- und Hilfsplattform im Internet entwickelt. Einfach grossartig und bemerkenswert:

Dabei sein ist alles ….

Unglaublich aber machbar:

Auf http://www.teamhoyt.com gibt’s mehr Informationen.

Bernd und ALS

Gestern kam Bernd wider Erwarten schon nach 2 Tagen aus dem Krankenhaus wieder raus. Alle Befürchtungen haben sich bewahrheitet: ALS (Amyotrophe Lateralsklerose)! Oder auch treffender: die Absolut Letzte Scheiße, wie ich im Verlauf meiner Recherche auf der Website eines an dieser Krankheit verstorbenen Frank Kammacher gelesen habe.

Die halbe Nacht habe ich damit zugebracht, das Internet zu durchforsten, und ich musste wieder einmal feststellen, dass es keine schnellere, umfassendere und ergiebigere Informationsquelle gibt als dieses Medium!

Bei Bernd fing es vor wenigen Wochen an: pelziges Gefühl in der linken Hand bis hin zum sporadischen Versagen der Greifkraft – symptomatischer Beginn dieser Krankheit, die man in diesem Stadium noch nicht einmal erahnen kann, schon gar nicht, wenn man wie in den meisten Fällen noch nie von ihr gehört hat.

Bis zum heutigen Tag ist kein Heilmittel für ALS bekannt. Mit Hilfe eines Medikaments kann lediglich eine Verlängerung der Lebenszeit um mehrere Monate erreicht werden. Die durchschnittliche Krankheitsdauer beträgt drei bis fünf Jahre – am Ende steht meist der Tod durch Atemlähmung. „Der Sterbeprozess verläuft entgegen vieler Befürchtungen relativ sanft. Die meisten Patienten schlafen ein und wachen nicht mehr auf“ lese ich in einem Stern-Report und denke: wie tröstlich … Die ganze schlaflose Nacht kreisen unsere Gedanken um Bernd. Jutta bekommt Heulkrämpfe, ich selbst kann die Nachricht nicht fassen …

Mehr über Bernd und sein Schicksal

Marion zum Abschied …

Gedenkrede für MARION BECKER (verst. 20.05.05),
04. Juni 2005 / 16:00 „Schöne Aussicht“, Kiel

Wir nehmen Abschied. Wir trauern. Wir weinen um den Verlust von Marion.
Grund genug wäre jedoch vorhanden, dass wir uns für sie und – soweit der Himmel uns dies erlaubt – mit ihr freuen!
Denn sie wurde erlöst von Qualen, die wir selbst wohl kaum je begreifen werden. Aber dank ihrer Zuversicht, Hoffnung und ihres eisernen Willens schaffte sie es, viele und auch schöne Jahre zu leben und überleben. Seele und Körper aber waren im Griff einer schmerzerfüllten Pein, der sie nach einem mehr als 15jährigen Martyrium zum Ende hin wohl einen Abschied von dieser Welt auch mehr Chancen einräumte als einer völligen Befreiung von ihr. Trotz allem aber – oder allem zum Trotz – die Hoffnung starb auch bei ihr zuletzt.
„Hagen ist bestens versorgt und aufgehoben!“ Das waren die letzten Worte, die sie mir kraftlos und völlig übermüdet auf ihren Block kritzelte, als ich sie zum letzten Mal am 14. Mai zu Hause besuchte.
Hagen, ihr vierbeiniger, haariger, treuer Lebensgefährte und ein wenig Kinderersatz, galt ihre größte Sorge. War er nicht zuletzt das Wesen, das ihr am meisten Trost spendete, das ihr die größte Kraft gab und das – so behaupte ich – letztendlich ihr Leben um einige Jahre verlängerte und versüßte – vor allem aber in einem unermeßlichen Ausmaß bereicherte!
(Nicht anders ist es mir damals mit meinem Max ergangen, als ich nach dem Beispiel von Marion ein Jahr nach Hagen auch einen Golden Retriever anschaffte.)

Ich kenne keinen Menschen, dessen Lebenswille so groß war wie Marions, habe keinen Freund, dessen Freundschaft länger hielt, und begegnete in meinem Leben keinem größeren Vorbild. Ein Vorbild für Lebenskunst und Überlebenskampf …
Und wenn ich sie auch nur einmal schwächeln sah, dann war es in dem Moment, als sie selbst einsehen musste, dass sie eine ihrer größten Freuden aufgeben musste: ihren bis dahin ungebrochenen Willen und Spaß, sich mit anderen verbal zu unterhalten.
Denn Marion war eine liebenswerte Quasseltante, als sei sie schon schon von je her mit diesem nicht wegzudenkenden Merkmal zur Friseuse geboren. Und hätte man „Kommunikationsfreudigkeit“ zum alleinigen Prüfungsfach in ihrer abgelegten Meisterprüfung aufgenommen, Marion hätte mit Bravour und ohne jegliche Vorbereitung bestanden …
Ich werde nie vergessen, als wir gemeinsam vor 5 oder 6 Jahren mit unseren Hunden an einem bekannten Kieler Hundestrand die Küste rauf und runter gingen: wir trafen auf eine Frau mit Hund, und es ergab sich eine angeregte Unterhaltung über einschlägige Hundethemen.
Dies war zu einem Zeitpunkt, wo Marion sich verbal zumindest mir gegenüber nicht mehr verständlich machen konnte und wir bereits auf das bekannte Zettelspiel angewiesen waren: ich sprach, sie schrieb. Nun aber bestritt ich die gesamte Unterhaltung mit dieser Dame am Strand, die Hunde amüsierten sich im Strandgras, und Marion stand dabei – still und stumm, aber mit wachen Augen, in denen aber langsam das Wasser anstieg … Man sah ihr an, dass sie so gern zu der Unterhaltung etwas beitragen wollte, man sah ihr an, dass sie etwas zu sagen hatte, man sah ihr an, dass sie unendlich litt eingestehen zu müssen, jeder Chance beraubt zu sein, sich verständlich zu artikulieren.
Ich glaube, das war einer der Schlüsselmomente für sie: erkennen zu müssen, dass sie – als geborene Quasseltante – nicht mehr mithalten konnte. Ich habe sie nie verzweifelter gesehen – nicht einmal in den letzten Tagen ihrer zunehmend schwerer werdenden Krankheit vor ihrem Tode.
Ebenso wenig werde ich vergessen die Zeiten, als unsere Freundschaft hier in Kiel vor mehr als 30 Jahren begann – ich als armer Bettelstudent der Betriebswirtschaften, Marion als gelernte Friseuse auf dem Wege in die Selbständigkeit. Marion: bildhübsch, einfach DER Hingucker auf jeder Party, immer Hummeln im Mors, immer aktiv, quirlig und immer voller Freude. Man kann sagen, sie hat das Leben krachen lassen. Aber so richtig: herzerfrischend und aus vollem Herzen.
Als unsere Wege sich trennten und ich nach Abschluß des Studiums todunglücklich im Schwäbischen landete, schickte sie mir noch jahrelang „CarePakete“ nach Stuttgart, die Gute. Ihre selbstgebackenen Stollen waren eine Wucht!
Und ein paar Jahre später trat die große Wende in ihrem Leben ein: sie trennte sich von ihrem damaligen Lebenspartner, heiratete kurze Zeit später ihren Ingolf – und wurde später von einer schrecklichen Krankheit befallen, nach deren Ursachen wir heute noch suchen und wohl noch lange suchen werden …
Als ich sie das erste mal wiedersah, als sie bereits schon einige Eingriffe über sich hat ergehen lassen müssen, da war ich geschockt, verwirrt und vor allem vollends unbeholfen, mit dem umzugehen, was meine Augen an mein Hirn sandten.
Und genau so erging es wohl jedem Anderen, der ihr zum ersten Mal begenete. Ich bemerkte immer wieder diese Reaktionen, wenn ich mit ihr irgendwo in Kiel Gassi ging. Gaffen ist eine einfache, natürliche und erklärbare Reaktion des Menschen. Was mich nur völlig verblüffte, war, dass Marion es schnell gelernt hatte, diese Tatsache als eben genauso natürlich zu akzeptieren. Anfangs dachte ich, es sei Ignoranz, es ist das Drüberhinwegsehen, was sie in die Lage versetzte, völlig locker und entspannt in der Öffentlichkeit sich zu zeigen. Viel später habe ich eigentlich lernen müssen, dass es eine dieser verblüffenden Stärken von Marion war – die Stärke, wahrzunehmen, dass das Gegenüber durch ihr Erscheinungsbild geschockt war, gleichzeitig dies aber hinzunehmen als Gegebenheit. Fertig.
Wahre Ignoranz jedoch, wenn wir schon bei diesem Wort bleiben, zeigten dagegen sesselfurzende Sachbearbeiter der BfA, die Marion die Anerkennung einer Vollinvalidität mit dem Argument verweigerten, sie sei voll arbeitsfähig. Nun, der eine oder andere mag nun denken, das gehöre hier nicht hin … Und ob! Und ob das hier hingehört! Den Menschen in seiner Leistungsfähigkeit zu beurteilen nach ausschließlich motorischen Fähigkeiten und die damit verbundenen Rahmenbedingungen gänzlich außer Acht zu lassen, ist in meinen Augen schlichtweg menschenverachtend und über alle Maßen ingnorant! – weil es in die Verzweiflung treibt. Und hatte Marion nicht schon genug mit Verzweiflung zu kämpfen, so kam hier noch erschwerend die monetäre Seite auf sie zu, die wirtschaftliche Lage, die sie zwang – wenn auch nur teilzeitmäßig – sich weiterhin in den Dienst der Schönheit zu stellen.
Und hier kommt eine weitere Ebene der Bewunderung hinzu, die wir Marion zollen müssen, denn der zitierte Sesselfurzer bei der BfA konnte von Glück sprechen, dass Marion durchaus arbeitswillig war!
Trotz ihres fatalen und sichtbaren Krankheitsbildes stand Marion fast täglich im Salon und im Dienste der Schönheit. Verschönte schon eh schön aussehende Damen und sah bei jedem Kontrollblick in den Spiegel ihr eigenes Leid.
Das war für mich phönominal! Das war für mich übermenschlich! Das war für mich Marion!
Ihren letzten großen Kampf jedoch hat sie schlussendlich verloren. Sie hat gekämpft bis zum letzten Atemzug, und selbst dann noch, als die Karten schon längst gemischt waren und auf dem Tisch lagen …
Sie hat sich meines Wissens nie dem kleinen Flirt mit dem Tod hingegeben! Jahrelang, fast ein halbes Leben lang hat sie sich mit nahezu allen Möglichkeiten der Heilung ihres Körpers auseinandergesetzt.
Sie war getragen von Hoffnung und Zuversicht- selbst in Zeiten und Stadien ihrer Krankheit, in denen so manch Anderer an ihrer Stelle schon längst das Handtuch geschmissen hätte …
Zu Haus stehen die Regale voll von Krankheits- und HeilLiteratur, die Kartons mit viel versprechenden Medikamenten stapeln sich. Zeugnisse eines ausweglosen Kampfes, den sie mit dem Schwert der Hoffnung führte. Doch für sie war keine Droge so stark, kein chirurgischer Eingriff so heilend, kein freundschaftlicher Akt so hilfreich wie die bloße Existenz von Hagen!
Viele Freunde hatten Marion auch in schwersten Zeiten Halt und Hoffnung gegeben, und viele davon sind heute hier. Ohne aber irgend einem von ihnen weh tun zu wollen, der wahrhaft stärkste, der zuverlässigste und der treueste Partner von Marion – das war Hagen! Wenn er nur wüsste, welch bedeutende Rolle er im Leben von Marion gespielt hat …
Nicht weniger bedeutend war und ist die Rolle, die Marion für uns eingenommen hatte! Und wer das erkannt hat, weiß, dass ihr Leidens- und Lebensweg uns Mut geben kann in nahezu jeder Situation in unserem Leben.
Bei bevorstehenden OPs, Untersuchungen und diagnostischen Eingriffen haben wir uns immer gegenseitig unsere Schutzengel ausgeliehen. Dieses Mal jedoch hatte ein ganz anderer Engel offenbar seine Vorrechte angemeldet und Marion mit sich genommen …
In den ersten Stunden des 20. Mais bekam sie im Krankenhaus schließlich diesen Besuch – Besuch, von dem sie hoffte, er würde sich nicht so schnell zeigen …
Und ihr Abgang von der Bühne des Lebens geschah so still, so diskret und leise, dass wir es bis heute nicht wahrhaben wollen.
Wir danken, dass es Dich gegeben hat, Marion, und dass wir ein Teil Deines persönlichen „Netzwerkes“ sein durften …

Hesse hat mit seinem Gedicht „STUFEN“ das Leben als permanenten Abschied beschrieben.
Dabei fordert er auf zu Mut, Zuversicht und Überwindung, dass wir uns stets einlassen auf Neues, Unbekanntes, was letztendlich als unabdingbare Konsequenz den Abschied von Altbekanntem und Gewohntem voraussetzt.
Und sein beherzter Appell gipfelt in den letzten 4 Zeilen dieses unvergleichlichen Werkes, das er in ganz jungen Jahren zu Papier brachte….
… und die uns hier und heute vielleicht
• ein wenig Trost spenden, • etwas Hoffnung geben, • einen kleinen Lichtblick ermöglichen und vielleicht sogar • ein wenig Verständnis verschaffen
für den schmerzhaftesten Abschied, die grösste Stufe aller Stufen, die wir – wie unsere liebe Marion – in unserem Leben eines Tages alle zu überwinden haben.
Sie lauten:
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …, wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.

Marion

Karen, Marions beste Freundin und Vertraute, setzt mich davon in Kenntnis, daß Marion in der Klinik in Kiel verstorben ist. Nicht einmal ihr eiligst aus Husum angereister Vater hatte die Chance, wenigstens ihren Leichnahm zu sehen. Er wurde umgehend von der Krankenhausleitung in Beschlag genommen. Marion wollte es so. Sie hatte unterschrieben, daß ihr Körper nach ihrem Ableben der Wissenschaft zur Verfügung gestellt wird. Damit ist dieser nach dem Tod einfach weg, keinem – mit ausnahme der Medizin – mehr zugänglich. Kein Abschied, keine Aufbahrung, keine Trauerzeremonie, kein Begräbnis, keine Reden. Sie ist gegangen, einfach so. Es heißt, sie wäre auf dem Weg ins Bad einfach zusammengebrochen. Lungenembolie.

Noch vor ein paar Tagen war ich bei ihr – zu Haus. Es war ein wiederholtes Mal, daß sie sich in ihrer Selbstüberschätzung vom Krankenhausaufenthalt befreit hatte, um zu Hause und bei dem Liebsten, was sie noch hatte, ihrem treuen Hund Hagen, zu sein. Sie war sichtlich geschwächt, saß aufrecht aber im Bett und versuchte mit mir die Details unseres Darlehensvertrages zu regeln. Es ging um eine kleine Summe, für die sie mir als Sicherheit ein kostbares Kaffeservices übertragen wollte. Zu diesem Zeitpunkt schob ich den Gedanken an ein mögliches Ableben Marions weit von mir, das Geld hatte sie schon lang zuvor erhalten und vermutlich auch verbraten, zu einer Unterzeichnung des Vertrages kam es nie …
Wir sprachen über alte Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse und die eine oder andere Seelennot, hielten uns an der Hand und heulten die Kissen und Tempos voll. Ich heulte noch, als ich mit Hagen Gassi ging – eine Runde um den Block. Nur schwerfällig, träge und überaus müde folgte er mir, und ich erinnerte mich, wie er bei unseren früheren, gemeinsamen Spaziergängen stets 100 Meter voraus lief, an jeder Krauezung brav stehen blieb und erst auf die Strasse trat, wenn Marion ihm das Freizeichen gab.
Und ich heulte noch immer, als ich nach unserem Abschied die steinerne Treppe die drei Stockwerke hinunter lief, in den Wagen stieg und am Hindenburgufer entlang nach Hause fuhr. Mein Innerstes wußte offensichtlich, daß wir uns ein letztes Mal wiedergesehen hatten …