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Archiv für Beziehungskiste

Es war einmal vor mehr als 40 Jahren …

Nach mehr als 40 Jahren bekomme ich beiläufigen Kontakt mit Traudel K. über die Plattform „stayfriends„, wo sich alte und weniger alte ex-Pennäler wiedertreffen.

Traudel wirft einen Stein ins Wasser: „Hallo Wolfgang, wie geht es Dir?“ Nach Austausch unserer vitae im StenoStil telefonieren wir ein paar Tage später … fast 2 Stunden – in 41 Jahren hat sich eine Menge getan, in ihrem wie auch in meinem Leben …

Heute erreicht mich eine mail mit der Frage: „Na, kannst Du Dich erinnern?“ Als Anlage die Kopie ihres Passfotos aus dem Führerschein, der so alt ist wie das Foto selbst: ein anmutiges, fein geschnittenes Gesicht, die ruhigen Augen vorbei an der Optik ins Nichts gerichtet, wunderschöner Ausdruck von Unschuld, purer Jugend und Neugier auf das, was das Leben noch so bringen mag.

Es war nicht meine Musik,
es war nicht das Glas Wein,
es war nicht das miese Wetter,
es war nicht meine Laune …
Als ich ihr Bild betrachtete, ist mir glatt das Wasser in die Augen geschossen.

Es war einfach die immer wieder erschreckende Erkenntnis, dass wir die Zeit nicht zurück drehen können –
unsere Jugend für immer verloren zu wissen, den Zenit des Lebens längst überwunden zu haben  Die Tage sind gezählt, und wir sind dem Ende so nah, wie wir zur Zeit dieser Bilder nie in Erwägung gezogen haben ….

All das schoss mir beim Anblick dieses so anmutigen Bildes in einer Nanosekunde durch meinen wirren Kopf!

Uns Hermännsche konnte es im ersten Vers seines (für mich) schönsten Werkes – im zarten Alter übrigens von 14 Jahren (!!!) – nicht besser zum Ausdruck bringen:

STUFEN
von Hermann Hesse
4. Mai 1941

Wie jede Blume welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern …

Der Anfang vom Ende: Cauda-Equina-Syndrom

Seit gestern hat mich eine grosse Sorge im Griff: Max

MAX an seinem Lieblingsort, dem Wasser, an seinem 15. Geburtstag am 04.01.2009

MAX an seinem Lieblingsort, dem Wasser, an seinem 15. Geburtstag am 04.01.2009

Max baute in den letzten Tagen sehr ab, brach hinten immer wieder zusammen,
schleifte zu Haus manchmal Hinterteil und Läufe völlig verdreht hinter sich her und kann nur unter größter Anstrengung aufstehen …

Als die Ärztin mir einfühlsam und sachverständig erzählte, womit ich nun zu rechnen habe, hat’s mir die Sprache verschlagen und auf der Stelle die Tränen in die Augen gedrückt

Cauda equina Syndrom hat ein qualvolles Ende. Der Anfang vom Ende kündigt sich an …

Ich bete darum, dass er eines Tages friedvoll einschläft und ich nicht gezwungen sein werde, die Entscheidung über aktive Sterbehilfe fällen zu müssen, um ihm weiteres Leid zu ersparen!

Can’t kill my very best friend!!!!

Allein das kann ich nun noch tun: Verabreichung von zwei RIMADYL Tabletten, gutes Futter (zum ersten Mal koche ich nun für meinen haarigen Freund), 2 mg TRAUMEEL spritzen, keine Gewaltmärsche. Strecke und Dauer bestimmt nun der Hund …

Als stärkeres – damit auch stärker einhergende Nebenwirkungen wie Durchfall und Lethargie – Mittel empfiehlt sich die Verabreichung von PREVICOX 227 mg.

Auf der Heimfahrt vom Arzt war’s grau in grau, alles nass und nebelig, die Scheiben verschmutzt und verregnet (meine Brille nicht minder), und beim Blick in den Rückspiegel trafen mich die Augen meines kleinen Freundes. Mit einer leicht schrägen Haltung seines Köpfchens und den hängenden Plüschohren schien er mich fragen zu wollen: „He, was macht Dich denn so traurig, ich bin doch noch da!“ …

Vom Pastor zu/und Pharisäer

Eine dicke Freundschaft hatte uns einmal, nein zweimal verbunden:

Stina, ein Jugendschwarm aus Flensburger Zeiten, verschwand wie ich in der Versenkung, als ich vor 100 Jahren meine Geburtsstadt verließ.

15 Jahre später begenete ich ihr kurz in Begleitung ihres ernsthaften Schwarms, seinerzeit Theologiestudent in Hamburg.

Es brauchte nochmals 15 Jahre , bis wir uns an der Ostsseküste wieder einmal zusammentrafen, wo der Göttergatte eine Pastorenstelle zugesprochen bekam, und es entwickelte sich eine für mich kostbare Freundschaft.

In ihrer Folge bildete ich mit Herrn Pastor eine Bootsgemeinschaft, und wir legten uns ein altes, aber seetüchtiges Segelboot zu – und ich legte aus: seinen Anteil, von ein paar Tausendern, denn Herr Pastor war klamm …

Als ich mir dann über die Dauer von mehr als einem Jahr ansehen musste, dass Her Pastor mit Familie (2 Kinder) gut und gerne 3 bis 5 mal in den Urlaub ging, fragte ich eines Tages einmal bescheiden nach, wie es denn angesichts seiner offenkundigen Finanzpotenz um die Begleichung seiner Bootsschulden stehe …

„Weißt Du, mein Lieber,“ hob er an mit verschränkten Armen, draußen auf dem Eingangsportal seines Pastoratshauses über mich hinwegblickend, „weißt Du, man muss in seinem Leben gewisse Prioritäten setzen.“

In meiner Atem- und Sprachlosigkeit ließ ich mir nochmals vom Prediger der Nächstenliebe bestätigen, dass ich in seiner Prioritätenliste keinen der oberen Ränge belege und kündigte meine Freundschaft, die ich wohl völlig missverstanden hatte, fristlos auf.

Frau Pastorin Stina, ihm treu ergeben, mied daraufhin wie Hochwürden bei Begegnungen jeden Blickkontakt mit mir, nicht einmal mit der hochpastorlichen Kehrseite wurde ich gegrüßt.

Ich hatte schon wieder einmal gelernt – vor allem einen der besten Anschauungsunterrichte darüber erhalten, dass ein Pharisäer nicht immer ein auf Spitzendeckchen servierter, alkoholgeschwängerter Kaffe mit Sahnehäubchen ist, sondern durchaus ein Arschloch erster Kategorie verkörpern kann, das vergeblich nach seines Gleichen suchen muss …

Damit aber noch nicht genug!

Wiederum 15 Jahre später – gestern nämlich – gehe ich mit Max altbekannte Gassipfade, und mir kommt in Begleitung eines schwarzen Hundes eine etwas faltengezeichnete und arthrosegeplagte Stina entgegen und beginnt nach 15 Jahren beharrlicher Ignoranz, Geringschätzung und ununterbrochenen Schweigens mit mir eine freundliche, losgelöste Konversation zu betreiben, als hätten wir in der Vergangenheit jeden Tag mindestens drei mal liebevoll und vertraut telefoniert.

Letztendlich gipfelt dieser Plausch darin, in dem sie mich einlädt, sie einmal besuchen zu kommen … Man wäre nach pastoralen Entsendungen nach Hamburg, Irak und nun Berlin nun mit dem ersten Wohnsitz in die liebe Heimat zurückgekehrt, gerade mal zwei Strassen weiter.

Mein Mund steht heute noch offen …

Fortsetzung folgt.

Tanger, Tag 6 von 6: der Rückzug …

Auf die schnelle: Salemaleikum,

es ist 8. ich sitz gepudert und gekämmt auf meinem Zimmer, hinter mir das Riesenbett, auf dem meine gepackten Habseligkeiten mit mir auf den Abflug warten.

Um 9 kommt Mouad mit seinem netten Schwager, der uns zur Fähre bringen wird nach TARIFA. Dort besteigen wir unseren seit 5 tage wartenden Ford Fiesta, fahren 160 km an spaniens mittelmeerküste nach Malaga, besteigen den Flieger gegen 17:35 und werden gegen 21:00 – also in ziemlich genau 14 Stunden – in Frankfurt aufschlagen. So der Plan …

Bei herrlichstem Sonnenschein fährt uns Mohammed samt Frau Sakina und einer Schwester zum Fährhafen, erledigt als Zollmann im Wochenende alle Formalitäten für uns, kauft Tickets und verabschiedet sich herzlich von uns.

Die Verabschiedung bei den tuchbedeckten Damen geschieht nicht minder herzlich – allerdings nur unter Familienmitgliedern. Mir wird distanziert aber dennoch ausgenommen freundlich die Hand gereicht, und wer als Gast meint, hier mit der europäischen Bussi-links-Bussi-rechts-und-wieder-zurück-Kultur landen zu können, wird keinen Korb gewinnen! Aufpassen! Das schickt sich nicht!

Erst eine halbe Stunde nach dem Erklimmen des 2. Oberdecks heißt es Leinen los, und das Winken aus weiter Ferne wird eingestellt. Der 25.000 PS Katamaran schießt aus dem Hafen, und über das Handy berichtet Mohammed bei Kaffe und Kuchen mit Blick aus unserem Frühstücksrestaurant über die Bucht, dass er und seine Frauen uns noch immer im Visier haben – weit draußen auf dem Meer schon …

Mouad wird etwas still neben mir, aber Müdigkeit allein wird es nicht sein …

Nach Packen, Fahrt zur Fähre und „Gibraltar-Brückenschlag“ erwartet uns Stufe 4 unserer Heimkehr: Auto in Tarifa wieder finden und Ford-Fiesta-Fahrt nach Malaga.

Error: Wagen da, Batterie auf Minus Null!

Zwei Jungs mit Auto helfen uns in einer unerwarteten Weise, das zum Dank meine Lufthansaflasche Rotwein den Besitzer wechselt. Das also war die Bestimmung dieses weit gereisten Cabernet Sauvignon.

Ein Abschleppwagen wurde geschickt, und er gab uns Starthilfe. Nun hatten wir 2 Stunden mit dieser Panne und damit unsere Chance verplempert, an der Küstenstrasse uns nach Malaga durchzuschlagen und einen spanischen Lunch mit Meerblick einzunehmen.

Stattdessen gab M. Vollgas über die leere Autobahn, und bei 130 km/h kamen wir über die spanischen Bausünden nicht dazu, unseren Mund vor Staunen zu schließen. Ich habe ja schon viel Zerstörung von Landschaft und Landschaftsbildern gesehen, aber was sich da an der spanischen Wasserlinie bis hinein ins Innenland (beidseitig und unmittelbar an der Autobahn!!!) unter strahlender Sonne an Betonschandtaten in alle drei Dimensionen erstreckt, ist ein Vergehen an Gottes Natur unter dem Credo „Money makes the world go arround!“

Hinzu kommt, dass nicht nur Schwarz- sondern auch viel Blutgeld in dieser km langen Betonwüste steckt und die Nachbarn wohl weitaus weniger weiße Westen tragen. Mouad, gib Gas und nix wie weg hier!

Wir laufen planmäßig und checken müde am Airport Malaga ein, essen einen Apfel für 1,30 € (!?!?!) und heben um 17:45 ab.

3 Stunden später, Bodenkontakt mit der Heimat. Nach einer herzlichen Verabschiedung Recht erschöpft gehen wir zum ersten Mal wieder unsere eigene Wege …

Resumée

Nach 5 Tagen bin ich erschöpft und mit einem Gefühl erfüllt, als wäre ich 5 Wochen auf Reisen gewesen. Daran schuld ist Mouad, der ein besserer Freund und Fremdenführer an meiner Seite nicht hätte sein können!!!

Menschen sind für mich – auch auf Reisen – weitaus interessanter als Gebäude oder sog. Sehenswürdigkeiten.

Ich durfte Mouad als einen Freund kennenlernen, der mich wohl wieder versöhnen wollte/sollte mit einer Männerwelt, die ich in den letzten Jahren zunehmend zum Kotzen fand. Beschiss, Betrug, Hintergehen, Falschheit und Egoismus hatten die Oberhand – und ich wohl ein Riesenproblem mit dem männlichen Geschlecht.

Ich vermute weniger, dass seine Religion und sein unbeirrbarer Glaube ihn zu dem machen, was er für mich wurde – obgleich sein tiefer Glaube ihn nicht unmassgeblich in diese Richtung mit beeinflussen wird, nein, ich denke, vielmehr haben ihn eine liebevolle Erziehung und ein sozialer Familienbund zu einem wahrhaft liebevollen, uneingeschränkt vertrauenswürdigen und friedvollen Menschen werden lassen, und jeder in seiner Nähe fühlt das unmittelbar und kann sich diesem „Charme mit Charakter“ nicht entziehen …

Danke Mouad, dass es Dich gibt!!! Das Großartigste an diesem kleinen Kurzausflug in eine fremde Welt und interessante Kultur, das warst Du!

AUSSICHTslos

Ein Streit um himmelhohe Bäume auf der Grenzfläche meiner Nachbarin, die mir mit ihrem uneinsichtigen Starrsinn jegliche Sicht in die dahinterliegende Ferne, aufs Wasser und auf bilderbuchartige Sonnenuntergänge verwehrt, erreichte gestern seinen Eskalationsgipfel.

Über Jahre schrieb ich ihr Briefe und suchte das Gespräch mit ihr, um ihr Verständnis zu erlangen. Im wahrsten Sinne des Wortes AUSSICHTSLOS! Eine verbiesterte, missgünstige, altersstarrsinnige Witwe, mit sich und ihrer gesamten Umwelt alles andere als im Einklang. Weil sie selbst diese ersehnte Freisicht nicht geniessen kann, darf ich sie schon lange nicht haben. Aus und fertig. Und wenn sie auf meine Bittschreiben nicht geantwortet hat, dann wäre dies ja Antwort genug …

Ich bin in meinem Leben schon auf sehr viel Sturheit gestossen, dieses liebenswerte Modell einer exemplarischen Nachbarin aber übertriftt einfach jeden bisher aufgetretenen Fall!

Noch mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch über soviel infantilen Trotz und senilen Geifer fuhr ich in die Stadt, um bei einer Bekannten Dampf abzulassen. Wie es der Zufall so will – und ich weiss, es gibt keine Zufälle im Leben! – lerne ich im Pausenraum ihres kleinen Unternehmens eine ihrer besten und langjährigen Freundinnen kennen:

eine zierliche, quietschfedele Kettenraucherin mit lebendigen Augen in ihrem faltenübersähten Gesicht, perfekt gestyltes Haar, nikotinsonore Stimme, 86 Jahre. Hellwach im Kopf, mit einem erfrischenden Humor, das ich mich hätte wegschmeissen können. Nach einer Stunde kenne ich ihr Leben und jeden einzelnen ihres unüberschaubaren Familienclans, und jede Minute mit ihr ist ein Geschenk. Kurz: ich hätte die alte Dame glattweg einpacken und mitnehmen können.

Welch ein Ausgleich für meine zuvorige Begegnung mit meiner widerspenstigen Zornhexe! Welch wunderbare Fügung, die mich in dieser Begegnung mit der Menschheit wieder zu versöhnen imstande war … 😉

Ein Freund zum Vergessen

Im Juli letzten Jahres teilt mir „Freund“ Christian jubelnd mit, er hätte endlich einen job gefunden. Als Flash-Speziallist hätte er den Einstieg in eine namhafte Softwarebude geschafft. Berlin ist angesagt, und der Umzug kostet Kohle – Kohle, die er nicht hat.

Unter Freunden hilft man sich – soweit möglich. Und mir war es zu diesem Zeitpunkt möglich, kurzfristig auf 3.000,- € zu verzichten. Kein Darlehensvertrag, nix schriftlich – im Vertrauen auf eine unerschütterliche Freundschaft nur eine Überweisung auf sein nacktes Konto mit dem spaßigen Vermerk eines gutgläubigen Vollidiotens: „Keine Flocken zum Zocken!“ Im nachhinien wird mir bewußt, dass ich mit diesem lockeren Spruch wohl etwas heraufbeschworen haben muss …

Eine Dankesmail erreicht mich daraufhin mit der Bewunderung: „Wolfgang, Du bist ein Brett! Kriegst es auf jeden Fall zurück!“

Als im Dezember dann noch keinerlei Ansätze einer auch nur stotterhaften Rückzahlung sich bemerkbar machten, fragte ich leise an, wie er sich denn eine Abtragung seiner Schulden vorstellen könnte. Keine Forderung, keine Mahnung, nichts dergleichen! Nur die schlichte Frage zu seiner Vorstellung über eine Darlehenstilgung bringt „Freund“ Christian dazu, nun sein wahres Gesicht zu zeigen:
ab diesem Zeitpunkt habe ich von meinem feinen Freund bis dato nichts mehr gehört. An die 10 mails, 12 Anrufe privat wie in der Firma sowie ein Brief wurden quittiert mit Schweigen, Verleugnungen durch Dritte und leeren Zusagen des Rückrufs – sogar durch die eigene Ehefrau.

Aber es kommt noch besser: den leiblichen Vater dieses Früchtchens treffe ich nahezu jeden Tag auf dem „Hunde-Acker“. Als unmittelbare Nachbarn sind wir unendliche km mit unseren Hunden Seite an Seite übers Feld gelaufen und haben in freundschaftlicher Offen- und Direktheit über Gott und die Welt debattiert.

Noch zu Beginn unserer Bekanntschaft stellte er mir mit dem Stolz eines Clan-Vorstandes großspurig und bebildert seine gesamte Sippe vor. Nun, nach Darstellung dieser Geschichte, „distanziert“ sich Papa vom fragwürdigen Verhalten seines mißratenen Sprößlings. Anstatt in angemessener Form zu intervenieren oder gar einen Versuch zur Vermittlung zu unternehmen, tangieren sich nun unsere Pfade im respektablen Abseits. Der Respekt vor solchen Menschen allerdings ist mir verloren gegangen.

Soviel zum gefallenen Apfel mit dem bekannten Baum …

In meinem Leben kreuzten schon viele krumme Hunde meine Wege. Immer wieder dachte ich tief betroffen: „Solch eine unverschämte Ignoranz gegenüber Anstand und Humanität ist nicht zu überbieten!“ Aber jeder Fall wurde vom Nächsten im Grad seiner mir immer unbegreiflich bleibenden Unverschämtheit getopt – wie es auch dieser wieder einmal tat …

Freundschaften, die keiner braucht – Bekanntschaften, auf die man verzichten kann …! Ab damit in die Tonne!

Marion

Karen, Marions beste Freundin und Vertraute, setzt mich davon in Kenntnis, daß Marion in der Klinik in Kiel verstorben ist. Nicht einmal ihr eiligst aus Husum angereister Vater hatte die Chance, wenigstens ihren Leichnahm zu sehen. Er wurde umgehend von der Krankenhausleitung in Beschlag genommen. Marion wollte es so. Sie hatte unterschrieben, daß ihr Körper nach ihrem Ableben der Wissenschaft zur Verfügung gestellt wird. Damit ist dieser nach dem Tod einfach weg, keinem – mit ausnahme der Medizin – mehr zugänglich. Kein Abschied, keine Aufbahrung, keine Trauerzeremonie, kein Begräbnis, keine Reden. Sie ist gegangen, einfach so. Es heißt, sie wäre auf dem Weg ins Bad einfach zusammengebrochen. Lungenembolie.

Noch vor ein paar Tagen war ich bei ihr – zu Haus. Es war ein wiederholtes Mal, daß sie sich in ihrer Selbstüberschätzung vom Krankenhausaufenthalt befreit hatte, um zu Hause und bei dem Liebsten, was sie noch hatte, ihrem treuen Hund Hagen, zu sein. Sie war sichtlich geschwächt, saß aufrecht aber im Bett und versuchte mit mir die Details unseres Darlehensvertrages zu regeln. Es ging um eine kleine Summe, für die sie mir als Sicherheit ein kostbares Kaffeservices übertragen wollte. Zu diesem Zeitpunkt schob ich den Gedanken an ein mögliches Ableben Marions weit von mir, das Geld hatte sie schon lang zuvor erhalten und vermutlich auch verbraten, zu einer Unterzeichnung des Vertrages kam es nie …
Wir sprachen über alte Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse und die eine oder andere Seelennot, hielten uns an der Hand und heulten die Kissen und Tempos voll. Ich heulte noch, als ich mit Hagen Gassi ging – eine Runde um den Block. Nur schwerfällig, träge und überaus müde folgte er mir, und ich erinnerte mich, wie er bei unseren früheren, gemeinsamen Spaziergängen stets 100 Meter voraus lief, an jeder Krauezung brav stehen blieb und erst auf die Strasse trat, wenn Marion ihm das Freizeichen gab.
Und ich heulte noch immer, als ich nach unserem Abschied die steinerne Treppe die drei Stockwerke hinunter lief, in den Wagen stieg und am Hindenburgufer entlang nach Hause fuhr. Mein Innerstes wußte offensichtlich, daß wir uns ein letztes Mal wiedergesehen hatten …