ERLkönig

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Archiv für November, 2011

Schenk mir D/ein Lächeln!

Die breite Feder meines bei eBay ersteigerten Füllers fliegt über das leicht zerknitterte Papier meines A5 Kladdeheftes. Leider gelangt sie im Wettrennen mit meinen Gedanken immer wieder ins Hintertreffen …

Auf meiner Lieblingsbank an Morros Strandpromenade blinzel ich in die über dem Meer stehende Sonne, vorbei an den dahin flanierenden, bunten, halb nackten und zum großen Teil wohl genährten, verschwitzten Touristenleibern.

Grund genug zum Lächeln, zur Freude hätten sie alle, die Sonnengäste: geschmeidige 28 Grad – das Wasser nur ein paar Grad weniger -, keine Wolke trübt den Sonnenschein, der Duft der in Knoblauchöl gebratenen Fische verfliegt in der Meeresbrise, Freizeit von morgens bis in die Nacht hinein, alle Randbedingungen, ja sogar der Biorhythmus scheinen auf „Fun in the Sun“ geeicht zu sein. Alles locker, alles easy, denke ich …

Und dennoch, schaut man in ihre gebräunten Gesichter oberhalb von Goldkettchen und unterhalb von NikiLaudaKäppi, dann glaubt man sich in der Münchener U-Bahn zur Stoßzeit wiederzufinden:

Freudlosigkeit bis hin zum Frust, Sorgenfalten bis zum Hintern, fast schon Schmerz verzerrte Mimik und Mundwinkel, die an die freudvolle Ausstrahlung von Angelika Merkel erinnern. Rucksack und Seele scheinen beladen mit schwerer Last …

Zugegeben, das Leben ist schon eine ernste Angelegenheit, weil lebensgefährlich! Die Kunst aber besteht darin, trotz aller Widrigkeiten und Ängste dem Dasein in Demut eine helle, weil ursächlich wohl begründete Freude abzugewinnen. Urlaub, Reisen, Abspannen geben hinreichend Raum wie Anlass dazu!

Dies scheinen aber nur wenige zu beherrschen, zum Talent der Deutschen gehört dies schon Gen bedingt nicht!
Und so denke ich auf meiner Sonnenbank, ich sitze im falschen Abteil einer falschen U-Bahn, die in eine falsche Richtung nur fährt. Vielleicht reicht ein Abteilwechsel…?

Noch bevor ich diesen Gedanken umsetze, nimmt eine ältere Dame neben mir Platz. Grußlos, wortlos und synchron mit ihrem grau melierten Gatten fächert sie ihr massiges Hinterteil auf und lässt sich wie ein brütender Schwan auf sein Nest nieder – raumgreifend, plusternd und sichtlich zufrieden mit ihrem Plätzchen.

Mit aufmerksamen wie gleichermassen unverhohlenem Interesse verfolgt Madame zu meiner Linken den Federflug meines Füllers. Als sie es schon nach kurzer Zeit vor quälender Neugier nicht mehr aushält, bricht sie überraschend das Schweigen: „Wes schreibe Sie denn do?“

Nun war es wirklich Zeit für einen Abteilwechsel, und ich verließ – hatte ich es doch grad gelernt – gruß- und wortlos Bank und Nachbarin, die wohl als solche der Alptraum eines jeden friedfertigen Hausbewohners sein dürfte …

Irgend wann, irgend wer …

Millionen Male in meinem kurzen Leben habe ich es bereits bewundert, und immer wieder kann ich meine Augen nicht davon lassen: schon seit Stunden sitze ich an einem einsamen Strand in Hafennähe meiner Insel, und jede der hereinbrechenden Wellen fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Das Meer ist für die hiesigen Verhältnisse bis zum Horizont glatt, keine Schaumkrone ist heute zu sehen, nur eine leichte Kräuselung auf der Wasseroberfläche zeugt von böigen Winden.
Und ich wundere mich jedes Mal, wenn kurz vor dem aus Lavasand bestehenden und damit schmuddelig anmutenden Strandufer wie aus dem Nichts heraus sich eine fast zwei Meter hohe Welle über die gesamte Breite der Bucht fast lautlos aufbäumt, für kurze Zeit – fast eine Röhre bildend – ihre tiefblaue Wand zeigt, um sich schliesslich auf ihrem Höhepunkt schäumend und tosend in weisser Gischt über den Sand und das Steingeröll ihrem Tode hinzugeben und zu brechen, während schon die nächste Welle steil sich erhebt – im Begriff, denselben Suizid zu begehen.

Das unter der Folgewelle sich zurückziehende Wasser verfügt aber noch über hinreichend Kraft, um die zahllosen Lavasteine, die durch Wasser, Sand und Wellenspiel die Form und Grösse von Eierbriketts angenommen haben, ein paar Meter mit ins Meer zu ziehen, und das murmelnde Geräusch erinnert an die Glaskugeln im Leinensäckchen, die wir als Kinder wie einen Schatz gehütet und verteidigt haben.

Dieses Murmeln im Einklang mit dem Rauschen des ablaufenden Wassers und dem Dröhnen der brechenden Wellen ist wie Musik, scheint von besonderer Rhythmik bestimmt zu sein. Zugleich treiben Sonne und Wolken ihr verwirrendes Schattenspiel, verleihen dem Meer bis hin zu seinem Horizont alle Nuancen des grün-blauen Farbspektrums.

Es ist eine phänomenale Gesamtinszenierung der Natur von unbeschreiblicher Schönheit, Energie und Perfektion – Millionen an Jahren alt …

Und irgend wann wird irgend jemand irgend wo dasselbe sehen, fühlen und schreiben wie ich – wenn bis dahin nicht in seiner schitzoiden Machtbesessenheit irgend wer irgend wo mit einer falschen Handbewegung die Schönheit unseres Planeten hinweg bläst und damit diesem Schauspiel für die Ewigkeit ein unwiderufbares Ende bereitet …