ERLkönig

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Archiv für April, 2011

Zeit heilt alle Wunden?

Den letzten Abschnitt meiner Heimkehr bewältige ich mit der DB. Mit 249 kmh, wie der monochrome Monitor im Wagenabteil zeigt, knallt mein IC 78 unter grauem Himmel durch das grüne Deutschland. Meine Gedanken fliegen mindestens genauso schnell, und angesichts meiner in 5 Stunden zu erwartenden Rückkehr in heimischen Gefilden ist die Freude auf der einen Seite groß, nach drei Monaten mich meinen Angstträumen wieder im eigenen Bett hingeben zu können, andererseits beschleicht mich Angst vor der Konfrontation mit verdrängten Realitäten – allen voran das Grab meines Hundes im Garten.

Der Schmerz über seinen schon über ein Jahr zurückliegenden Tod und mein damit verbundenes Gefühl der kaum zu ertragenden Stille in meinem Haus treibt mir zu meiner eigenen Überraschung noch immer vehement die Tränen in die Augen. „The sky is crying, can‘t you see the tears running down my nose …“, wie Stevie Ray Vaughn in einem seiner grossen Glanzstücke so treffend singt, geht mir durch die musikalische Hirnhälfte, und sein Gitarrensolo bringt mich auf etwas andere Gedanken.

Zeit heilt alle Wunden? Nun, diese Wunde schmerzt auch nicht mehr so intensiv wie zu Beginn des Dramas. Aber ich merke immer wieder, dass ich die Tiefen dieser Emotion immer wieder zu erreichen imstande bin und eine Schwermut von mir Besitz ergreift, die ich nur allzu schwer zügeln kann. Diese Abstürze kommen zwar immer weniger vor, aber ihre Intensität lässt mich manchmal zweifeln, ob ich mich jemals von meinem Max wirklich verabschieden kann.

Sehe ich einen Golden Retriever auf meinen Streifzügen, falle ich über ihn her und erdrücke ihn schier mit meiner Sehnsucht und Hundeliebe, umklammere seine Öhrchen und stecke meine Nase in sein Nackenfell, inhaliere den spezifischen Geruch und rede mit dem Tier, dass beim Besitzer Zweifel aufkommen, ob es sein oder mein Hund ist, den er da an der Leine führt.

Und jeden muss ich langweilen mit der Geschichte meines besten Freundes, den ich so sehr über alles und wohl für immer vermisse …

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Red Lips

Vor rund 12 Tagen fielen mir die Glotzböppeles aus dem Gesicht, als abends gegen 21 Uhr ein Mädel etwas suchend in eines meiner InternetCaffés hereinstolperte. Rita – einen Tag zuvor gerade mal 40 Lenze alt geworden – war in einer AppartementAnlage ohne Restaurant abgestiegen, und mein zwei Strassen weiter gelegenes Bistro bot den dazugehörigen VerpflegungsService an.

Direkt vom Flieger kommend zwang sich angesichts ihres Auftritts in schwarzen Netzstrümpfen, high Highheels, schwarzem MiniLederrock und schwarzem BoleroJäckchen wieder einmal die altbekannte Frage auf „Wo komme ich her, wo gehe ich hin, und was ziehe ich dazu an?“ Rot lackierte Fingernägel, blutrot geschminkter Mund, gerrahmt von einem Paar schöner, dunkler Augen und einer üppigen Löwenmähne rundeten den nicht gerade Fuerteventura konformen Auftritt ab und trugen ihr Übriges zur allgemeinen Verwirrung eines durch optische Reize überforderten Männerhirnes bei.

Ich vergass meine mails und webBeiträge, und in einem intensiven Gedanken- und Erfahrungsaustausch bei einem Käffchen stellten sich eine Menge Gemeinsamkeiten heraus, die in diversen Lebensbereichen unserer Existenz zu finden waren …

In der Hitze unseres angeregten Mitteilungsdranges berührte ich fahrig und unbewusst ihre Hände, was sie zurückschrecken liess mit den Worten: „Ach, ich kann im Moment soviel Nähe nicht ertragen …!“

Da es keine Zufälle gibt, trafen wir uns an meinem Abreisetag einer inneren Fügung zufolge am Strand wieder, wo ich mein Abschiedsbad von der Insel nahm. Ihre unter einer roten Kappe versteckten Haare, ihre riesige Sonnenbrille und ihre nackten Brüste liessen sie mich nicht gleich wiedererkennen, und noch in meinem Abwenden sprang dieselbe Schönheit mit angeblichen Berührungsängsten freudig auf mich zu, umarmte und küsste mich, als hätte sie mich in all den langen Tagen, in denen ich mit einer fetten Bronchitis in einem verschwitzten Bett zu kämpfen hatte, unendlich vermisst. Nun hätte sie doch auf dieser Insel nach all den erlittenen Enttäuschungen und Verletzung zum Leben zurückgefunden und fragt sich, nein, fragt mich (!), was sie mit all den Männern machen soll, die mit ihr und mit denen sie so gern schlafen würde/n …

Ich riet ihr, alle auf einmal zu vernaschen, damit sie ihren Urlaub nicht nochmals verlängern muss, oder unsere Variante der keuschen aber geistig befruchtenden Begegnung zu praktizieren, was ihren Körper zwar schmachten lassen, ihren Geist aber erfrischen würde.

Schon lange war sie auf ihrem Weg den Strand von Jandia entlang in die anonymen Massen nackter und halb nackter Körper getaucht und darin als Individuum nicht mehr auszumachen, da muss sich so mancher Badegast über mein stilles Kopfschütteln gewundert haben, als ich mich an die ach so peinliche Berührung unserer Hände beim ersten Treffen erinnerte. Verstehe einer die Frauen …