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Kegelrobben

Wale hat man in unmittelbarer Nähe zum Strand schon des öfteren gesichtet. Meine Schock gewohnten Augen durften heute eine im lupenreinen Strandsand ruhende Kegelrobbe bewundern.

Vom Achterteil her mich nähernd erspähte ich als erstes die Hinterflossen bestehend aus zwei übereinander geschlagenen Füssen – Fersen oben, Zehen in den Sand gesteckt. Geradezu keilförmig verliefen zwei in Breite wie Masse beeindruckende Beine in ein nacktes, ölig glänzendes Hinterteil, dessen ausladenden Backen auf Grund der Schwerkraft links und rechts schlaff und füllig im Sand ihre bewundernswerte Ausdehnung fanden, als wollten sie zum angestammten Körper gar nicht mehr gehören.

Selbst aus diesem weniger vorteilhaften Betrachtungswinkel war das Geschlecht der Robbe nicht eindeutig zu identifizieren. Einen zweiten Schritt weiter erschloss sich meinem ungläubigen Auge dann der Torso mit dem wuchtigen Kreuz eines Catchers. Kein Jungtier mehr, dachte ich, aber zumindest ein Männchen.

Die Arme in der Bauchlage am Körper anliegend, die Hände dabei flossenartig hochgeklappt, könnte es noch immer eine Kegelrobbe sein – würde sich unter der Öl- aber auf der Fettschicht nicht eine bereits fortgeschrittene carcioide Rotfärbung abzeichnen …

Schulter, Nacken, Kopf waren schwer voneinander zu trennen. Die vergilbte Dauerwelle sowie die unter den Massen hervorquellenden Quarktaschen ohne Brustriemen liessen schlussendlich und definitiv auf ein weibliches Tier rückschliessen. Die breiteste Stelle an diesem Alabasterkörper der zweiten Steinzeit war in der Tat der Schultergürtel, und ab hier verjüngte sich Richtung Hinterflossen alles. Schiffe und Torpedos werden nach diesem Konstruktionsprinzip gebaut – der Natur abgeschaut …

Zur Krönung hatte ich zwei Schritte weiter das Glück, die Schaltzentrale, das Intelligenzzentrum  des Geschosses zu bewundern: das Kinn lagerte auf einem zerknüllten, aufgetürmten Handtuch, in dem blutrot geschminkten Mund steckte ein bunt gestreifter Strohhalm, der seinerseits in der Öffnung einer Dose irgend eines Zuckerwassers verschwand. Durch den Saugvorgang – die einzige, erkennbare Aktivität übrigens – bildete sich ein kreisrunder, leuchtend roter Fleck im nicht minder Cholesterin geschwängerten Gesicht, dessen Augenlider geschlossen und daher einwandfrei erkennbar, mit blaumen Metalliclack divamässig geschminkt waren.

Zu meiner Überraschung war damit aber noch nicht genug. Ich hob meinen Kopf, sah über das liegende, saugende Alttier hinweg, und da lag nicht, da stand nochmal dieselbe Ausgabe dieser Gattung: nackig, fettig, fleischig, mit gespreizten Beinen, die Fäuste dort im Leib versenkt, wo andere ihre Hüfte haben. Brüste, Bauch, Oberschenkel, Oberarme, einfach alles zog übergewichtig Richtung Boden. Und Madame – frei jeglichen Schamgefühls, frei jeglichen Anflugs von Ästhetik und Anstand – präsentiert sich auf einer vom Meer geformten Düne wie auf einem Denkmalsockel den vorbeiziehenden Strandläufern groß und klein.

Wahrhaftig, lieber Gott, Dein Tierreich ist groß!

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