ERLkönig

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Strandleben

Ich vertrete mir die Füsse am Strand und kann mich nicht entscheiden, welches Szenario interessanter ist: die tollkühnen Surfer, welche langgezogene Wellen jubelnd abreiten oder der im Sand buddelnde Vater, um den ein kleines nacktes Mädchen – bekleidet nur mit einem Blümchen bedruckten Sonnenhütchen mit Rüschenkrempe –  in heller Vorfreude herumspringt. Nicht exaltiert schreiend, quietschend, nein, sondern wie ein Hund, der still aber hochaktiv immer wieder dieselben Kreise zieht und in heller Vorfreude mit seinem Schwanz rudert.

Sorgsam und mit großen Schwüngen zieht Papa seine Kreise im Sand, häuft diesen nach einem noch undurchschauberen Plan mit dem kleinem, grünen Schäufelchen von Töchterchen sowie unter vollem Einsatz seiner kräftigen, aber noch blassen Unterarme.

Im Geiste sehe ich meinen Vater vor mir, als er vor langer, langer Zeit mir am Strand von Solitüde ein Auto aus Sand formte. Der Schonbezug auf dem sandigen Vordersitz war Muttis Handtuch, das Steuer war ein in die Sandkonsole gestecktes Stöckchen. Es war einer dieser wenigen glücklichen Momente mit meinem überstrengen Vater, die mir für ewig in Erinnerung geblieben ist.
Einige vergilbte Schwarz/WeissFotos zeugen noch heute von diesem Tag: mein alter Herr mit seinen von russischen Kugeln zerfetzten O-Beinen, unter der linken Armbeuge einen Fußball geklemmt, die Rechte, die gerade mal meine Schulter erreicht, besitzergreifend und nicht ohne Stolz auf mir ruhend. Ja, es war eine Zeit, da war ich noch seine ungebrochene, große Hoffnung …
Eine blaue, übergroße Turnhose flattert um seine lädierten Beine, um die er im Lazarett mit Starrsinn kämpfte, als man sie ihm absägen wollte. Er setzte sich durch, überlebte den exzessiven Blutverlust und starb nicht, wie die Metzger in Weiss es ihm prophezeit haben.
Gestorben ist er dann rund 30 Jahre später durch die eigene Hand, durch denselben starren Willen, als er ein Leben ohne seine Margarete sich nicht vorstellen konnte, die in Erwartung ihres qualvollen Todes im Krankenhaus seit Wochen vor sich hinsiechte. Aber da war auch ich ihm schon lange egal und zum Versager abgestempelt. Und all die auf mich projezierten Erwartungen, die er – weil selbst nie erreicht – durch mich in Erfüllung gehen lassen wollte, waren schon Jahre zuvor gestorben …

Der Vater am sonnenüberfluteten Strand von Jandia schaufelt, schiebt, formt, gräbt, häuft, türmt unbeirrt weiter. Schweiss rinnt über sein blasses, von Mutti fürsorglich eingecremtes Gesicht, er aber arbeitet an seinem Ziel, als ob es ums Überleben ginge. Vorübereilende Strandläufer schmunzeln über das Bild eines Erwachsenen, der unbeirrt und mit engagierter Freude in seiner „Kinderarbeit“ völlig aufgeht.

Zur Krönung seiner schweißtreibenden Arbeit rammt er feierlich das kleine, grüne Schäufelchen in den Bug des sanddesignten Schiffes. Ohne vorherige Schiffstaufe, dafür aber quietschend vor Freude ergreift die nackte Kapitänin Besitz vom Gesamtwerk, springt in ihr Boot – schier ausser sich vor Stolz und Dankbarkeit für die Leistung ihres Papas und das großartige Geschenk an sie.

Aus tiefsten Herzen wünsche ich ihr, dass sie dieses Erlebnis von Glück und Gemeinsamkeit ein hoffentlich langes Leben sich bewahren mag …

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