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Archiv für Januar, 2011

Fuerteventura 2011: MANUELA

MANUELA

Schmerz lass nach! Schmerz in meinen verbogenen Zehen, die sich noch immer nicht an die widerlichen Flipflops gewöhnt haben, mit denen ich auf der touristen-geschwängerten Strandpromenade der strahlenden Sonne ziellos entgegen schlurfe.

Knapp zwei Stunden zuvor noch lag ich im Bett und fragte mich, was dieser Tag bringen wird. Dreh‘ ich mich nochmals um? Lasse ich die Sonne am leicht bewölkten aber sonst blauen Firrmament ungenutzt über meine sandige Terrasse streichen? Frühstücke ich jetzt oder später, oder gar nicht? Nehme ich den Wagen, oder gehe ich zu Fuss? Und überhaupt: wohin eigentlich? Diese Entscheidungsproblematik liess meine Mundwinkel nach oben wandern, denn sie war verwandt mit der Urfrage aller Fragen, mit der  sich eine nachsinnige Frau ihr Leben lang tagtäglich mehrmals konfrontiert sieht: wo komme ich her, wo gehe ich hin, und was ziehe ich dazu an?

Lass laufen, entscheide situativ-adäquat! Also fing ich mit dem Schlimmsten und Beschwerlichsten an, wenn der Tag ohne Plan, Ziel und Lust beginnt: mit dem Aufstehen. Ein ausgiebiges Duschbad in der geräumigen Nasszelle wirkte Wunder, die anschliessende Nassrasur mit High-tech-4-fach-Klinge unterbrach meinen steten Bartwuchs nur für den Moment des Schnittes, Nivea-Q10-revitalisierdes-Männer-Cremchen liessen meine Wangen zum speckig glänzenden Babypopo mutieren. Das nach Zedern, Tabak und Zimt duftende Aftershave zauberte weniger einen markanten Ausdruck als eher einen flüchtigen Hauch weltmännischen Duftes in mein Antlitz, bei dessen Spiegelbild ich noch im Abwenden dachte: ach, hätte ich doch nur diese überzeugend männlich markante Fresse und das alles gewinnende, strahlend weisse Lächeln lückenlos gebleichter Beisserchen eines dieser pseudo-schwulen Topmodels aus hinlänglich bekannten Werbespots …!  Bei jeder Gelegenheit würden mir sehnsüchtige Seufzer und Blicke verzückter und verrückter Frauen entgegen- und hinterherfliegen! Ach, wäre das Leben schön im Taumel der unaufgeforderten, weder er- noch umworbenen Anerkennung und Begehrlichkeit. Ich denke an den Werbespot, in dem der im Zentrum stehende Mann dank eines versprühten Achselnässe-Sublimates die Wirkung eines Mega-Magneten erhält und die schönsten Modelle an Weiblichkeit ihm durch die Lüfte direkt, kreuz, quer aber in jedem Fall willenlos auf den Leib zufliegen und unwiderruflich an ihn andocken, als bestünden ihre ausnahmslos begehrenswerten Leiber  aus gegenpoligem Metall ….
Nein, denke ich, weder verfüge ich über diese alles im Leben erleichternde Strahler-Visage noch werde ich im Laufe meines kurzen irdischen Daseins zu einem Deo mit frauenmagnetischer Wirkung greifen. Ich gehöre eher zu der Männergruppe, deren Tag schon gerettet ist, wenn sie das runde Lächeln einer Fleischfachverkäuferin ergattern können, während sie mit ihren rosigen Wurstfingern die 120g-Junggesellen-Portion Mortadella mit dem obligaten „Darf es noch etwas sein?“ über die verschmierte Glasvitrine reicht …

Am Scheideweg (gehe ich links oder rechts?) der viel befahrenen Strasse musste ich wieder an dieses Szenario denken, als drei gackernde Badenixen leicht betucht mir in Reihe entgegen wippen und – das Trottoire in seiner gesamter Breite in Anspruch nehmend – mich völlig ignorieren …
Schaut mich an! Wenigstens eine, verdammt nochmal! Hebt den Kopf und nehmt mich wahr, ihr ignoranten Gänse! Aber das Thema ihrer angeregten Debatte war fesselnder als der Anblick eines in die Jahre gekommenen deutschen Winterflüchtlings, und ich muss von Glück reden, als sich wie durch eine imaginäre Fernsteuerung ein Tor für mich öffnet zwischen den beiden rechten Gänsen, die aber unaufhaltsam durch mich durch und um mich herum ihre Konverstion ohne Unterbrechnung lauthals fortsetzen und ohne jeglichen Anflug der Wahrnehmung meiner Existenz mich passieren lassen. Scheisse, denke ich für mich, das ist der Beweis: mein Rasierwasaufser, die letzte Waffe des Mannes, hat versagt …

A propos „situativ-adäquate Entscheidung“: dies war eine. Die Bikini-Hühnertruppe nahm mir unbewusst die Entscheidung ab, ob ich mich der Nord- oder Südroute anvertrauen sollte. Ich entschied mich – wie umfassend dargestellt, ohne den geringsten Erfolg – was auch immer ich damit in dem Bruchteil der Sekunde über diesen Richtungswechsel verband – für die (vermeintlich interessanteren) Hühner und damit unbewusst für Richtung Sonne …
Männer eben …!

Parallel zur tosenden 4-spurigen Hauptstrasse verläuft – durch einen Rasen- und Palmenstreifen getrennt – ein grosszügig angelegter wie asphaltierter Fahrradweg, ein nachlässig gepflasteter Bürgersteig und ein Asche belegter Joggingweg. Alles mündet nach einer Linkskurve in eine solide befestigte Strandpromenade. Zur Rechten schlürfen betuchte Robinson-Club-Bucher – die werden auch immer älter! – ihren Latte Machiato und den ersten Prosecco, zur Rechten verabredet man sich im schmuddeligen Strandsand zum Beach Volleyball, weiter der Promenade entlang werden entgegen meiner bisherigen Annahme, alles wäre bei Robinson inclusive, für teuere Zusatzeuros Catamarane, Surfbretter und sonstiges Aqua-Equipment zur Miete angeboten.

Eine schlanke Schönheit mit einer riesigen Sonnenbrille auf der Nase, die sie zur Stubenfliege Puk verwandelt, gewährt mir mit lasziver Handbewegung Platz neben ihr auf der Bank mit Atem beraubendem Panoramablick übers Sonnen gleissende Meer. Aus den Augenwinkeln sehe ich ihr an, wie gern sie diesen Blick doch lieber allein und ungestört geniessen würde …

Wider Erwarten lässt sie sich dennoch auf ein paar belanglose Sätze über Wetter, Klima, Fernsicht und Urlaub ein, und nach einer halben Stunde kennt sie fast mein ganzes Leben und ich ihren Wohnsitz, Familienstand, ihre Urlaubsadresse- und Dauer, Hobbys, und Aversionen gegen das überalterte Publikum am Ort und in ihrem Hotel. „Die wird mein Alter nie zu erfahren bekommen!“ schwöre ich mir und wutsch, beim ersten gemeinsamen Cortado erlangt sie Kenntnis auch darüber …! Wir trinken Wein und essen Puntillas (kleine frittierte Tintenfische), die noch zwei Tage danach meinen Darm beschäftigen. Ihre Hamburger Schnauze hat viel zu erzählen, aber es wird nie langweilig, und bei dem für mich langen Rückmarsch merke ich gar nicht, wie ich die Strecke ohne Pause überwinde, als wäre ich mein ganzes Leben nichts anderes als nur gelaufen.

In den höchsten Tönen flötet Manuela von ihrer besten Freundin Heike, die in Hamburg nach einer Juristenkarriere ihr Hobby zu Beruf machte, dem kopfgesteuerten Winkeladvokatismus entsagte und zur Heilpraktikerin wurde. Interessant – zumal inclusive Reiki! speichere ab und verabrede mich lose mit Manu für einen der nächsten Tage. Komm ich heut nicht, komm ich morgen … Everything goes!