ERLkönig

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Postoperatives Trauma

Nach einer 10-stündigen Operation am offenen Herzen – meiner zweiten, nach insgesamt 34 Herzkatheder-Eingriffen in meinem Leben – bemühte man sich auf der Intensivstation um mein Erwachen.

Ich nahm mein Röcheln wahr, einen Tubus in meinem Mund und eine Erschöpfung, die ich in meinem ganzen Leben noch nie gespürt habe. Mein gesamter Körper war davon befallen. Selbst meine Arme zu heben und meine Augen zu öffnen bedeuteten allergrößten Kraftaufwand und fielen mir unsagbar schwer. Meine Ohren aber bekamen alles mit! So auch die resignierte Ablehnung meines „Terminators“ – ein Mann ganz in blau mit kahlem Schädel und von kräftiger Statur – der mir auf der Suche nach atmungserschwerenden Schleim mehr als 4 mal vergeblich einen widerwärtigen Schlauch durch Nasengänge und Rachen schob. „Nein, den Jungen quäle ich nicht weiter!“ hörte ich ihn im Gehen sagen, den 5. Versuch ablehnend. Ich hätte ihn dafür umarmen können, denn seine Bemühungen reizten lediglich meinen Brechreflex, und dieser schien mein frisch aufgesägtes und wieder verdrahtetes Brustbein schmerzhaft zu zerreißen …

Die Zeit zog sich dahin. Ein reges Treiben um mich herum war wahrzunehmen. Ich wusste nur nicht, ob es mir galt. Irgendwann fasste jemand meine Hände und forderte mich auf, die seinen kräftig zu drücken – über Kreuz, als ob wir uns mit beiden Händen zugleich begrüßen wollten. „Drücken Sie zu, so fest Sie können!!!“ Die Wut in meinem Bauch half mir, diese Kraft aufzubringen. Ich wollte schreien: „Gebt mir Sauerstoff, verdammt noch mal!!!! Ich habe keine Luft!!! Gebt mir mehr Sauerstoff!!!“ Aber nichts von dem ging über meine Lippen, ich bekam sie nicht einmal auf. So drückte ich zu, mit beiden Händen, voller Zorn, und ließ in meiner einsamen Verzweiflung nicht mehr los. „Öffnen Sie die Augen, Herr P.! Schauen Sie mich an!!! Herr P., öffnen Sie die Augen!!!“, und ich sah zwischen meinen kraftlosen Lidern in die himmelblauen, weit aufgerissenen Augen meines Anästhesisten, der mir in Anbetracht meiner Reaktion freudig seine strahlenden Zähne zeigte. Aber schon bald erschlaffte ich und versank in meine angstvolle Welt.

Ich war mit meinem Tubus und meinem Ringen um Luft wieder allein. Der Tubus nahm die Form eines Tunnels für mich an, dem ich verzweifelt zu entfliehen versuchte. Er engte mich ein, behinderte mich zu atmen; es gab kein vor und zurück. Vor meinem geistigen Auge die bunte, körnige Granulatstruktur der Innenwand fühlte ich den zu schwachen Luftstrom, japste und hechelte. „Nur raus hier! Luft! Licht! Leben!“ Ich war sicher, einen baldigen Erstickungstod zu erleiden, obgleich das Licht am Ende des Tunnels zum Greifen nahe war. Die sprichwörtliche Ohnmacht des Machers überfiel mich, Resignation, totalitäre Selbstaufgabe waren noch nie in meinem Leben so nah wie jetzt …

Irgendwann hieß es „Wir machen mal das Licht an.“ Ich versuchte, die Augen zu öffnen. Was ich durch die spärlichen Schlitze sah, war ein neuer Film: ein Raum in totalem Blutorange, in dem sich schemenhaft schwarz vermummte Ninja-Kämpfer bewegten.
Kein Gesicht war zu erkennen, kein weißer Fleck an den schwarzen Wesen mit menschlichem Kopf und ausgeprägten Extremitäten. Schwarze Totalvermummung. Vergeblich suchten meine schwachen Pupillen nach den über die Schulter hinausragenden, üblichen Schwertgriffen. Die Raumfarbe war für mich untrügliches Zeichen dafür, im Fruchtwasser zu schweben, den befreienden Geburtskanal (Tubus!) zu entfleuchen und damit in die Freiheit des Atmens, des Lebens zu gelangen … Röcheln, Schleim, Enge, „Wasser in den Kiemen“ nahmen mir jede Hoffnung. Ich fiel zurück in meine wehrlose Lethargie. Körper und Geist sind dem Untergang nahe. Ist es Koma, ist es der Beginn des Sterbens? Wirklichkeit, Fiktion? Oder gar schon das Jenseits? Mein Hirn versuchte gleichsam angestrengt und verzweifelt zu ordnen …

Und doch geschah etwas, das Wohlbefinden in mir auslöste: eine/r der „Ninjas“ stand dicht neben meiner rechten Seite. Ich hörte ein sich wiederholendes „klick. Klick, klick. Klick!“ und fühlte sanfte Berührungen meiner rechten Schulter. Das gab mir kurzfristig das Gefühl, es kümmert sich jemand um mich. Ich hätte die Hand halten wollen. Nie mehr los lassen, dachte ich, bleib bei mir, bis ich erwache oder bis ich gegangen bin für immer, aber bleib! Bleib bei mir!

Und so reagierte ich wie der pawlowsche Hund immer wieder, wenn das Klicken mich weckte. Das Klicken war für mich identisch geworden mit menschlicher Nähe. Die flüchtigen Berührungen meiner Schulter gingen mir durch Mark und Bein. Ich verzehrte mich nach Zuwendung in diesem perfekt durchtechnisierten System. Entschädigt wurde ich in meiner Sehnsucht, als am ersten Tag nach der OP meine beiden von weit her angereisten Kinder auf meinen Bettkanten saßen, jeder eine Hand von mir in den ihren. Stunden verbrachten wir so – ich schweigend, teils schlafend vor Erschöpfung.

Tage später bekam ich die Erklärung für meine Ninja-Vision, als ich einen „frischen Leidensgenossen“ mir gegenüber liegen sah: die blutorange Einfärbung meiner visuellen Eindrücke rührten wahrscheinlich von einer Brille her, die mich vor starkem Licht schützen sollte. Das Klicken waren kleine Kupplungsstücke, die beim Hinzufügen intravenös verabreichter Medikamente an den Hauptzugang angedockt wurden. Nicht benötigte Teile wurden auf der Schulter des Patienten abgelegt. Hätte doch nur eine Pflegerin gewusst, was diese kleine Berührung in meiner Welt, in der Welt eines hoffnungslos Handlungsunfähigen ausmacht …!

In den Sinn kam mir das in Geschichte und Entstehung bewundernswerte Buch „Schmetterling und Taucherglocke“, in dem ein ehemals erfolgreicher Redakteur einer Modezeitschrift infolge eines Autounfalls regungslos auf seinem Krankenbett liegt, in dem er vor seinem nahenden Tod all seine Gefühle und Gedanken über sein Vorleben wie auch insbesondere seinem Leben aus seinem unwiderruflich erstarrten Körper heraus seiner Sekretärin mit dem letzten und einzigen Körperteil diktiert, das er noch zu bewegen imstande war: ein einziges Augenlid …

Nach 3 oder 4 Tagen konnte ich mich langsam wieder verständigen, mein Trauma jedoch wurde durch ein kleines Missgeschick verstärkt und verlängert: beim Versuch, ein flüssiges Medikament einzunehmen, gelang dieses in die Luftröhre. Das Verschlucken, die damit einhergehende Atemnot sowie die vorangegangene Angst vor dem Erstickungstod hatten zur Folge, dass ich in Panik verfiel, sobald es um das Schlafen ging. Ich hatte Angst vor der Nacht, vor der Ohnmacht, vor dem Kontrollverlust über meine Atmung. So saß ich noch Nächte aufrecht im Bett und erwartete das Morgen …

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