ERLkönig

ERLebnisse, ERLerntes, ERLesenes

Toulouse 1

Seit knapp 3 Monaten mischt mein Filius als Praktikant bei AIRBUS in der Produktion des A380 überaus engagiert mit. Seine Begeisterung für den in der Produktion befindichen A380, für die Aufgaben im Qualitätsmanagement sowie für die 30 köpfige Horde internationaler Studienkollegen  kennt keine Grenzen. Papa kommt für ein paar Tage zu Besuch …

Nach zwei Stunden schweigsamen Nachtflugs setzt die BAe 146 (British Aerospcace) der Eurowings pünktlich um 23:50 in Toulouse auf.

BAe 146

Der letzte Bus spuckt mich zwei Stationen weiter am Jeanne s’Arc Platz aus, wo ich müde in Chrishys Arme falle. Mitten im Zentrum in einer der vielen, engen Gassen erreichen wir bald das Riesentor, das uns in einen geräumigen Innenhof eines im 16. Jahrhundert (!!!) ehemals genutzten Hospitals führt. Im hinteren Komplex betreten wir im ersten Stock eine labyrinthartige Wohnung mit 4,20 m Deckenhöhe. Alles ist 16. Jahrhundert – selbst mein Bett und die 3 übereinander geschichteten, über mir zusammenfallenden Matratzen, in denen ich dem sicheren Erstickungstod zum Opfer fallen würde, hätte ich nicht meine Beatmungsmaske mit dem 2 Meter langen Schlauch aufgesetzt …

Am nächsten Morgen – Ch. ist schon längst aus dem Haus – weckt mich lautes Palawer. Madame telefoniert. Erst jetzt erkenne ich die Dimensionen Chrishys vorübergehender Wahlheimat: ein 5 x 5 Meter-Zimmer  mit angeflanschtem Duschbad. Die 25 qm werden um Faktor 0,7 erweitert durch eine in Eigenbau erstellte Zwischendecke. Auf massiver Balkenkonstruktion (in vollem Sichtbereich meines darunter liegenden Marshmallowbettes) und 19mm Spanplatte trohnt ein Doppelbett, das über eine zusammengeschusterte, halsbrecherischen Hühnerleiter zu erreichen ist. Dieses Gesamtwerk eines kleinen Himmelreiches ist entweder über einen Umweg durch Küche oder Wohnzimmer zu erreichen.

Ich mache Morgentoilette und laufe Madame in die Arme. Als erstes überschwemmt sie mich in perfektem Englisch mit Lobhuldigungen über ihren jungen Gast (dem sie immerhin 460 € monatlich für die spartanisch ausgestattete Studentenbude abknöpft), um dann eine 10 minütige Kurzfassung Ihrer 68 Lebensjahre abzugeben. Ihre 98jährige Mutter liegt im Sterben, eine Ihrer zwei Töchter wohnt im selben Haus – mit ihren Kindern: ein 4-Generationen-Haus also! Nach dem Motto <Mein Haus ist Dein Haus> offeriert sie mir Kühlschrank, Kaffee, Speiseraum. Wirklich eine Nette!!! Sie scheint den Charme dieser Enklave auszumachen. Ich hoffe, mein Eindruck bleibt …

Alice, der portugisische Putzteufel, kümmert sich ums Bettenmachen, um Sauberkeit von Wohnung und Wäsche – auch die von Ch. !!! Und das ist gut so.

Ich trete durch das Riesenportal und tauche unmittelbar ein in das pralle Treiben dieser Stadt. Wären die Autos nicht, wären die unzähligen kleinen Geschäfte, Bars und Caffees nicht, wären da nicht McDoof, C&A wie LaFayette, man könnte glauben, das 17. Jahrhundert sei gerade angebrochen … Hier hat wahrhaftig alles an Backstein, Kopfstein, Stuck- und Holzverzierungen den Krieg überlebt. Aber wie es so ist: Eigentum verpflichtet; zum großen Teil nagt an vielen der privaten wie auch öffentlichen Gemäuer der Zahn der Zeit und hat bis heut schon gute Arbeit geleistet.

Nach 2 Stunden sind meine Füsse breit, und ich laß mich nieder auf dem Stuhl eines einfachen Lokals, das seine 3 Tische auf dem Trottoire als permanente Barriere für Fussgänger plaziert hat. Niemanden kratzt das hier!

Für 5 Euronen bekomme ich eine Plastikschale altölgeschwängerter, dafür hausgeschnitzter Fritten, dazu ein Karäffchen Wasser zum Runterspülen des im „Poulet-Menue“ angepriesenen Sesambrötchens, das bunt gefüllt ist: rot, weiss, grün. Muss also Tomate sein, Majo und Salat. Oder war letzteres ein Frosch? Hühnchen war drin, aber nicht die Spur zu schmecken! Bon appetit!

Zum Käffchen pirsche ich weiter, immer weitere Kreise um Madams Anwesen ziehend, vorbei an Schülern, die zur Entspannung vom aufregenden Unterricht einen in Zeitungspapier gedrehten joint auf einer alten Wehrmauer hockend zur Lunge nehmen, vorbei an vernachlässigten Hunden mit ihren nicht minder vernachlässigten Herrchen, vorbei an auffallend vielen, sehr weiblich gekleideten und hochgestöckelten Damen mit Einkaufstüten, deren Aufschrift die Potenz ihrer Geldbörse bzw. die ihrer Gönner verraten, vorbei an weniger gepflegten, dafür nicht minder auffallend gekleideten Hobbynüttchen, die sich nikotin und -sonstwasabhängig vornehmlich im Eingangsbereich von Kaufhäusern herumdrücken. Dabei dem Visier der Heerscharen an Vespas, Fahrrädern und Autos nicht zum Opfer zu fallen, bedarf es eines hohen tänzerischen Geschicks, eines durchtrainierten Körpers sowie einer megaschnellen Informationsverarbeitung durch den internen Arbeitsspeicher, der seinen input über permanent einprasselnde, audio-optische Reize bezieht!

„Caffe au lait, s’il vous plait!“ Das Tässchen, garniert mit Schokoplätzchen und obligatorischem Zuckertütchen, ist schnell vernichtet. Zielsicher treffe ich nach ein paar Irritationsrunden im System der sich ähnelnden Gässchen auf Madames Monsterpforte und versinke sprichwörtlich in meinem Kuschelbett. 16:00 Uhr und schon wieder müde …

Der Tag ging zur Neige mit einem kleinen Zug durch Gassen und Gastronomie … Das Geld ging dabei zur Neige wie Sand in den Händen: ein Roter, das ist ein Gläschen billigsten Hausweins (0,1 l !!!!), nicht unter 3,20 Euronen zu haben! Die spinnen, die Franzosen! Wir auch, denn es wurde eine teure Nacht … Bon nuit!

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