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Wohnungsbesichtigung die 1.

Seligenstadt ist ein kleines Fachwerkstädtchen, malerisch am Main gelegen. Nicht minder malerisch liegt eine Wohnanlage dort am Main, in der ich mit einem Vertreter der Hausverwaltung einen Besichtigungstermin vereinbare. Es geht um eine 99 qm Wohnung in einem ca. 36 Parteienblock, der sich unmittelbar an einer hoch frequentierten Durchgangsstrasse entlang zieht. Zugriffsgünstig gelegen die Briefkästen an der Strassenfront. Beim Entnehmen der Morgenzeitung wird bei ungünstiger Drehung das Tagesblatt einem glatt vom Fahrtwind der vorbei donnernden Lkws aus der Hand, der Morgenmantel vom Körper gerissen.

Ein Förderkorb (Fahrstuhl) bringt uns auf die tiefste Sohle des 4-stöckigen Baus, und wir bahnen uns den Weg durch einen engen Stollen, der durch seine Dunkelheit und Sauberkeit besticht. Rechts feuchtes Mauerwerk, links hin und wieder ein Zugang zu einer der Wohnhöhlen. Das letzte Loch am Ende des Stollen gehört uns. Ein Schlüsseldreh, und ich werde konfrontiert mit „Schöner Wohnen“ in vollendeter Form:

Gleich links im Eingangsbereich die fensterlose, ausgebeinte (ohne Möbel belassene) Küchenhöhle, anschliessend das Standard-Gästeklo, danach – genauso dunkel, weil fensterlos – das Standardbad mit lädierten Silikonfugen. Dann 6 m durchs Wohnzimmer durch eine schmale Glastür die Hochterrasse mit gemauerter Brüstung, die in Brusthöhe den ungehinderten Blick auf eine geschwungene Mainlinie freigibt. Brüstung sowie zwei niedliche Wohnzimmerfenster, die eher als Sehschlitze eines Panzers zu bezeichnen sind, lassen dies vom Innenraum her nicht zu!

Zwei durch Trockenbauwände abgetrennte Kinderzimmer in Dreiecksform haben zwar auch „Balkonzugang“, sind aber durch ihren Riß bestenfalls mit Kissen als Meditationsraum zu nutzen.

Auf dem Terrassenbalkon, der zur Häfte aus eleganten Waschbetonplatten, zur anderen aus vermoostem Kiesbelag besteht, trohnt ein im Querschnitt 1 x 1 m und 3 m hoher Zinkblechkasten, der sich als Endrohr der propellergesteuerten Tiefgaragenentlüftung entpuppt. Damit fällt schon mal das lästige Toasten des Frühstückweissbrotes flach sowie langatmige Bräunungsversuche auf der Sonnenliege. Und Rauchfleisch hält sich eh länger …

Zu allem Überfluss mündet der Notausstieg der Garage unmittelbar auf dem wohnungseigenen Balkon. So wächst die Chance auf interessante, zwischenmenschliche Kontakte.

Der Abstand zwischen Küche und Essecke bzw. Balkon erübrigt auf Grund seiner exorbitanten Strecke, den vergessenen Salzstreuer zu holen: bei Rückkehr an den Tisch wäre das Frühstücksei eh schon längst verfault …

Und wenn nach dem Erlebnis-Frühstück der glückliche Mieter in waghalsigem Rangieren seinen Wagen aus der drahtgitterverhauenen Duplexgarage in den Autolift bugsiert, um mit dem Fahrstuhl dann zwei Stockwerke höher das Licht der Welt zu erblicken, sitzen Andere bereits Stunden an ihrem Arbeitsplatz und bereiten sich auf den Feierabend vor.

Architekten wie diese wurden früher gesteinigt, wenn nicht gar in ihren eigenen Bausünden lebendig eingemauert. Heute sitzen diese auf einer ihrer Karibikinseln im  Stelzenhaus einer smaragdgrünen Lagune und schlürfen Schirmchendrinks …

Danke, liebe Hausverwaltung, für diesen unterhaltsamen Nachmittag. Nun weiss ich, warum der Immobilienanzeige weder Grundriss noch eine detaillierte Aussen- wie Innenansicht beigefügt war!

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