ERLkönig

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Tanger, Tag 5 von 6

Die Nacht war zu lang, der Schlaf zu kurz. Mouad klingelt mich aus dem Bett. Er steht schon in Warteposition im Foyer. Schnelldusche ist angesagt, und tschüss! Vorbei an unserem Casino Mövenpick, am HOTEL TARIC, in dem die Kakerlaken die Oberhand haben und ab auf unser Frühstücksrestaurant von gestern mit Rundumblick auf Tanger und die ganze Gibraltar-Küste.

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Unser „Salon de The“ von aussen …

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… und von innen nach aussen …

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… und hier dachte ich, ich hätte was mit den Augen …

Dann wieder zurück an der Sonnenküste, auf die völlig entgegengesetzte Seite, denn Mouad hat noch ein As im Ärmel: CAFE HAFA, eine Kultstätte und nichts anderes, als eine ziemlich urbane location mit Sperrmüllmobiliar und einem Minztee, den ich nie getrunken hätte, wenn das Wasser nicht kochend heiß gewesen wäre … Kultstätte insofern, als dass an diesem Ort mit seinen ca. 8 schmalen, unbefestigten Terrassen mit einem unvergleichlichen Blick aufs Meer Mouad wie auch Mick Jagger in jungen Jahren der den Geist vernebelnden Tüte gehuldigt haben …

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Grüner Minztee am blauen Meer

Wir lernen Angelika aus Schweden kennen, die am Nebentisch ganz allein ihren Reiseführer studiert. Ihre Henna bemahlte Hand weckt mein Interesse, und man kommt schnell ins Gespräch. Noch ahne ich nicht, was für ein lebenslustiges, frohes Mädchen sie ist, das mit ganz klaren Vorstellungen das tut, was sie will – ob es das Reisen ist, ihre „eigene“ Religion, die sie für sich gefunden hat, oder das Studieren (in London, Tokyo, und im Herbst soll es Tanger sein).

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Zeig her Deine Hände mit Henna, Hanna 😉

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Nicht Hanna mit Henna, sondern Angelika aus Malmö

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Und sogar den Museumsdirektor mit 1.000 Sprachen, keinen Zähnen, Jazz-Sax-Spieler lernen wir hier kennen!

Wir nehmen sie mit zur Grotte ausserhalb von Tanger, wo ich mit M. schon einmal war. Heute brechen sich die gleichmässigen Wellen mit einem wunderbaren Farbenspiel in der Gischt: diffuse Regenbögen zeigen ihr faszinierendes Spektrum, und ich kann diesen magischen Ort einmal mehr nur schwer verlassen.

Auf der Rückfahrt führt uns M. an einen verborgenen Aussichtspunkt mit Blick über das nahezu gesamte Tanger, der wohl kaum in einem Reiseführer oder von Touristen zu finden ist. Geheimtip von Mouad! Wir stolpern durch ein paar angelegte Grabstätten, rutschen über sandige Felsen und erreichen einen Punkt zwischen Pinien und Buschwerk, der unseren Augen unverholen die komplette Lage und Ausdehnung Tangers erschliesst. Einmal mehr: danke, Mouad!!!

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In Medina (Altstadt) wird eingekauft für die Heimat: Couscous-Gewürzmischung, Cocuma, Datteln (3 € pro kg), Safran (0,5 g/1€) und Blumen für die beste Gastgeberin und Köchin Tangers: Mouads Schwester. Denn heute wird zum Abschied zu Hause gegrillt.

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Kännche mit Füß oder lieber ohne …???

Als wir wieder einmal zur Völlerei bei M’s Schwester eintreffen, erwartet uns auf dem Balkongrill eine unermessliche Menge gegrillter Hackbällchen in der Form von Chevapchichi sowie Koteletts, alles nahezu fettfreies Lammfleisch, natürlich geschächtet! Die Flasche Rotwein, die ich xtra für mich mitgebracht habe, versteckt Mouad sofort, denn Alkohol ist selbst in den Räumen eines Muslims verpönt! Sorry, das wusste nicht!

M. durfte sogar nochunser blondes Gift aus Schweden mitbringen, und Angelika hat sich riesig gefreut, mit von der Party sein zu dürfen.

Die Frauen aßen – bis auf den weiblichen Gast – alle in der Küche, und nach Thunfischsalat, Lamm mit Pommes de Terre, Tee und Früchten waren wir gestopft wie eine Weihnachtsgans.

Sacha (M’s Schwester) trug ein schwarzes Kopftuch und einen grauen Mantel. Zum ersten Mal wurde mir bewußt, mit welcher Schönheit sie gesegnet war: wunderschöne braune und Ruhe ausstrahlende Augen unter sauber abgegrenzten, geschwungenen Augenbrauen, eine ebenmässige Nase, völlig makellose Haut und leicht geschwungene Lippen mit dahinter liegenden, schneeweissen Zähnen. Klein das ganze Gesicht, aber geprägt durch Ästhetik, Natürlichkeit und Anmut, dass man als Mann in voller Ehrfurcht vor soviel wahrhaft reiner Weiblichkeit ins Schwärmen geraten muss …

Schon bald müssen wir aufbrechen, und bevor M. und sein Bruder mich am Hotel absetzen, bringen wir Angelika in ihr 5€-Hotel in einer Gegend, in der ich selbst als Mann nicht allein bei Dunkelheit einen Fuss vor die Tür setzen würde.

Im RAMADA ist um halb 12 noch High-Life an der Bar, aufrichtige Herren betrinken sich, Damen des horizontalen Gewerbes produzieren sich …

Neben mir auf meinem Stammhocker die Sängerin des Abends, diabolisch- nuttenhaft aufgedonnert mit einem Lidstrich, den sie mit einem Stück Eier-Brikett gezogen haben muss. Hin- und wieder dreht sie sich mit dem Barhocker zu mir, wirft mir einen viel bedeutenden Blick zu und schliesst ganz langsam die satanischen Augenlider als würde sie sagen: „Grrrrrrrrrrrrrr!“ Ich höre sie schon fast schnurren in dem ganzen Lärm, den sie hier Musik nennen.

Der Text, so wie ICH ihn verstehe:
Schalla ahata gen galla schub dei schuttka as muschmi dar en salam hacha da un dall gene cata haia uni swenne lallalallalallalalla.

Mimik & Gestik des Sängers:
exzessiv expressiv, raumgreifend und dramatikgeschwängert

Stimmlage:
eunuchenhaft leidend, depressiv jaulend und mitreissend heulend

Unter dem Gesamteindruck dieses Auftritts traue ich mich zu folgener interpretativen Übersetzung:
„Du verfluchtes Miststück hast mich verlassen, aber meine Liebe zu Dir ist ungebrochen. Ich hab‘ Dir eine geschossen, aber gemeinsam sollten wir leben bis zum Ende unserer Tage. Nie wieder werde ich Dich schlagen, Allah ist mein Zeuge! Und nun komm ins Bett, wir haben miteinander zu reden! lallalallalallalalla

Dazu tanzt vor meinen Augen und auf Tuchfühlung ein aufgedrehtes Teeny-Nüttchen vom hiesigen Escortservice (unter eigener Regie) eine Art Bauchtanz in einer losgelösten Art, dass ich mich sagen höre: „Die zweite Linie auf Deinem Spiegel hättest Du mir wenigstens übrig lassen können …!“

Statt einen nackten Bauch hat sie einen halb nackten Hintern zu bieten, der sich oberhalb der rutschenden Jeans nicht unbedingt in einer edlen Form zu zeigen wagt. Dennoch: die Kleine legt einen Tanz auf ihren Stöckelschühchen hin, der in seiner Kombination aus hingebungsvollem Hüftschwung, Beckenkreisen, Händedrehen und Haareschleudern eine durchaus faszinierend erotische Note beinhaltet, dass einem selbst als Europäer das Messer in der Tasche aufgeht … Ich habe so etwas noch nie gesehen. Dagegen ist jeder semi-nudistischer Tabledance nicht eines einzigen Blickes würdig! Ernsthaft!

Gute Nacht, mein durchgeknalltes Tanger. Morgen muss ich Dich verlassen ;-(

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Oft hat man mich angesprochen, ob ich durch den arabischen Einfluss zu konvertieren gedenke …

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„Nein,“ habe ich immer wieder in den lästigen Interviews betonen müssen, …

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… ich bin und bleibe stets nur ein durchgeknallter Deutscher aus dem Morgenland!“

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Anmerkung der Redaktion:

Nach Veröffentlichung dieser Archivbilder steht zu erwarten, dass dieses Bildmaterial dem Bestand Schäuble’s Vorratsdatenspeicherung hinzugefügt und Ausgangspunkt weitergehender, erkennungsdienstlicher Ermittlungen sein wird.

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