ERLkönig

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Tanger, Tag 4 von 6

Gude morsche! Der gestrige Tag ist für mich noch nicht ganz vorbei: ich schau mir das Nachtleben in der Hotelbar an. Kleiner Absacker muss ja wohl drin sein heute …

Der ganze Laden voll mit Marokkanern – Alkohol trinkend !!!!!!!!!!!!!! Hier und da ein paar Mädels in einer altersmässigen Spannweite mit eindeutigem Berufsbild, dass für jeden/r Mann etwas dabei ist 😉

Ich kletter auf einen wackligen Bartresen und hab meinen Pastis noch nicht zum Mund geführt, schwupp, eine Schöne der Nacht neben mir – ganz diskret, wenig anzüglich, aber offenkundig sehr gelangweilt, so jung wie meine Tochter, aber nicht annähernd so schön wie sie.

Eine Konversation ist unmöglich: die arabischen Klagelieder einer wirklich diabolisch-nuttenhaft geschminkten Sängerin übertönen jedes Wort, die Worte jedoch finden auch keinen Einklang, da die schöne Studentin mit steuerlich neutralen Nebeneinkünften keine mir vertraute Sprache zu sprechen imstande ist. Dieses Defizit versucht die Holde mit ein bisserl Fusserln und Schenkerln auszugleichen. Ich tu mir noch einen Four Roses rein und trete den Rückzug ins Bett an …

Und hier noch eine kleine Kostprobe, die bei uns unter melde- wie auch anzeigepflichtiger Lärmbelästigung rangieren würde …

Nein, der Film läuft nicht rückwärts!!!

Um ehrlich zu sein, sooooo schlecht sind diese Klagelieder nicht, in denen es immer um Liebe geht, wie ich mir durch meinen schon Heineke-beseelten Nachbarn habe erklären lassen. Noch ein paar Gläser, und man groovt voll mit! Echt!

Pünktlich um 8 holt mich Mouad ab. Wir fahren raus aus Tanger in Richtung Gibraltar-Spitze und nehmen ein kleines Frühstück ein mit Panoramablick auf Tanger und die spanische Küste. Beeindruckend, dass man vergisst, was auf dem Tisch frohlockt …

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Tanger im Morgensmog

Auf dem Rückweg zeigt mir Mouad seinen geplanten, unbebauten aber bezahlten Altersruhesitz: ein Grundstück mit Blick auf Tanger und das Meer. Wir fahren vorbei an halbfertigen, riesigen Betonrohbauten in bester Aussichtslage (alles Hotel- und Wohnanlagen für gut Betuchte). Die Bauwut übrigens zieht sich durch die ganze Region. Goldgräberstimmung, soweit das Auge reicht – Spekulation mit agressiver Kostenexplosion!

Im Vorbeifahren noch ein kleiner Blick in ein Hotel mit Meeresbrise- und Aussicht. Wir fahren in den 4. Stock, treten aus dem Fahrstuhl und auf einen Teppich, der seit dem Einfall der Spanier nicht mehr gereinigt wurde … Vor der Zimmertür ein Riesenfleck, der davon zeugt, dass einer der früheren Gäste seine Klo nicht mehr rechtzeitig genug vor dem Aufschliessen erreicht hat. Wir öffnen trotzdem die Tür. Es schlägt uns ein Muffgeruch entgegen, dass ich halbwegs damit liebäugel, das nachlässig gemachte Bett im Riesenschwall vollzureiern. Wir stürzen zum Fenster und reissen es auf. Mouad ist blass, ich verdreh die Augen, und wir überlegen, ob wir lieber springen oder diesen im wahrsten Sinne des Wortes versauten Weg zurückgehen sollen. Der Blick einmalig schön, das Wasser azurblau, der Preis verdächtig tief: 28,- €.

Man könnte mir das 1.000fache bieten … Ohne auch nur einen Gedanken zu verschwenden an die möglichen Küchenzustände und die lebhafte Welt der Kleinsttierpopulation in diesem Etablissement, suchen wir schnell das Weite (und Schöne) …

Mouhad zeigt mir die Altstadt und damit die Wiege seiner Kindheit. An jeder Ecke, an jedem Stein weiss er eine Geschichte. Viele Menschen begrüßt er, die er schon als Kind gekannt hat.

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Die ehemalige Werkstatt von M’s verstorbenem Vater

Ein erfeilschtes Arafat-Tuch schützt endlich meinen von Smog und Wind lädierten Hals von aussen – Minztee von innen …

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… und morgen gibt’s die passenden Handgranaten dazu 😉

In einem der zahlreichen Tee-Cafés (welch Wortschöpfung!) besuche ich die Toilette und schwöre mir danach, diesen Ort der Erleichterung in ganz Afrika nie wieder aufzusuchen!

Kein Toilettenpapier! Ja, scheiß die Wand an!

Nicht etwa vergessen, oder ausgegangen. Nein, ist so. Muss man mit leben. Im 21. Jahrhundert! Und der Koran erhebt seit Menschengedenken die Reinlichkeit auf die höchste Stufe aller Gebote! Für mich eine der größten Verlogenheiten dieser zum Teil abstrusen Religion, die ich in ihren Grundzügen jedoch zu respektieren weiss (ich habe gelernt!).

Vor meinem Mittagschläfchen im Hotel – heute ist Freitag, und M. muss in die Moschee – hätte ich am liebsten einen Domestos-Sagrotan-Cocktail getrunken und in Salzsäure gebadet. Ich werde mir die Hände auf den Rücken binden oder nie wieder in diesem Land aus der Hosentasche ziehen! Der Gedanke an diese apokalyptische Hygienedefizit-Offenbarung macht mich zum psychopathischen, zwangsneurotischen Händewascher. Ja, scheiß die Wand an … 😉

Abends geht es in ein Restaurant, dessen Speisefolge- und Qualität nicht weiter berichtenswert ist. Aber unser Gast, der hinzustößt, wird zum Interessantesten des heutigen Abends: Mouads Mieter.

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Mouad kennt ihn seit seiner Kindheit, geboren in Tanger, Schule + Studium in den USA. So konnte auch ich mich mit SmartyBoy (gepflegter Anzug über schwarzem tShirt, Rolex Seamaster, teure Schuhe) unterhalten. Er lädt uns ein, mit ins Casino zu kommen. Wir fahren ihm hinterher: Ford Monster Range Rover mit extremen Bullenfängern, dunklen Scheiben, Platz für 8 Personen, Breitreifen der Sonderklasse. Bereits am Eingang des am Mövenpick Hotel angegliederten Casinos wird er von der bewaffneten Security per Handschlag begrüßt.

Wir betreten ein prachtvolles Foyer mit blaumen, 3-stöckigen Wasserfall, Smarty schreitet voran, M. und ich trotten hinterher.

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Ich war mir sicher: hier lassen sie mich mit meinen Turnschuhen, mit meiner abgewetzten Jeansjacke und meinem Arafat-Tuch unter gar keinen Umständen rein! – Irrtum, nur das Tuch gefiel nicht.

Wir betreten die Halle des Lasters: 30 x 60 m, 10 m hoch, 8 Roulette Tische, 12 x Blackjack/Poker, 10 angrenzende, festlich eingedeckte Speisetische und eine ellenlange Bar an der Wand zu Abschluss.

Mr. Bombastik betritt die Halle und begrüßt, umarmt und küsst nahezu die Hälfte aller versammelten Gäste, Groupiers und Kellnerinnen. Anscheinend ist er nicht das erste mal hier 😉

Am nächstgelegenen Speisetisch nehmen wir Platz, er lässt sich etwas vom üppig drapierten Buffet kommen, verwöhnt mich mit allerbestem Rotwein und blickt zufrieden in die Runde – wie ich.

Uns gegenüber ein Black-Jack-Tisch. 5 Spieler, davon ein glatzköpfiger Stiernacken mit drei Speckfalten im Genick. Goldkettchen am Hals, hautenges t-shirt, lange Ärmel, zerschlissene Jeans – wohlgemerk: wir sind im Mövenpick-Casino! – und abgewetzte Lederslipper.

Kettenraucher mit breiten Schultern und Hohlkreuz, das sich wunderbar paart mit einer spitzbäuchigen Plautze, die einer silbernen, tief hängenden Gürtelschnalle das Sonnenlicht raubt.

Im extasischen Aufspringen und Drehen infolge eines offenbar unerwarteten Gewinns zeigt Ledernacke sein ungepflegtes Gesicht: vom Suff und Puff schwarz umrundete, wässrige Augen, roter, großporiger Riechkolben, stoppelbärtige Schwabbelbacken, die in höchster Erregung seiner Einsätze unentwegt mit fahriger, zigarettenbestückter Hand bis hinunter zum faltigen, transpirierenden Hals gekratzt werden.

Und schon wieder springt er auf, stößt stolze Jubeljaule aus und reißt dabei seine Rolex- und Armreifchenhände in die Luft, und noch einen Wodka!

Ich wechsele den Tisch, angelockt von einer TigerLilly, die alle Männer-Augen auf Status „out of controll“ setzt:

TigerLilly lernt Roulette und lässt sich dies – nur mit den größten Jetons – vom fast vergreisten Liebhaber beibringen: TigerLillys tragen üblicherweise tigergestreifte Kleidung, so auch in diesem Fall: ein hautenges t-shirt mit einem Ausschnitt bis zu den Füssen, sodass der bordeaux farbige BH samt Trägern nahezu unverhüllt präsentiert wird. Noch nicht genug: die Aus-Masse oder besser, die dahinter liegende Masse erinnert an milchgebende Tiere, die vor Schmerz schreien, weil sie beim Melken vergessen worden sind.

Das gesamte Konstrukt befindet sich in einer atemberaubend instabilen Lage, und so mancher Spieler vergisst bei diesem Anblick, seinen Gewinn vom Grün zu streichen …

TigerLilly ist gelehrig, kullert mit Kuhaugen ihren Mäzen an und setzt, wie dieser es ihr vorschlägt. Manchmal erhebt sie sich dabei von ihrem Stuhl, beugt sich zum Verteilen der Chips über den Tisch, und man muss befürchten, sie beabsichtigt die linke Brust auf Rot und die rechte auf schwarz zu setzen. Faites vos jeux, s’il vous plait!!!

So Manchem an diesem Tisch läuft der kalte Schweiß von der Stirn geradewegs in das Whiskeyglas, und ich rate noch, ob die Ursache bei TigerLilly’s Exhibitionsdrang zu suchen ist oder doch eher in so manch haushohem Verlust liegt …
Und schon wieder heißt es: „ Faites vos jeux, s’il vous plait!!!“

Urplötzlich und aus einem für mich nicht erkennbaren Grund ist der gesamte Tisch mit Jetons bedeckt – von einem einzigen Mann – dem nächste Opfer meiner aufregenden Studien:

geschätzte 68 Lenze, seit 100 Jahren nicht mehr gelacht, das faltige, von Nikotin zersetzte Graugesicht leidvoll verzweifelt, ja verkrampft – als ob es um Haus und Hof geht. Er beherrscht den gesamten Tisch mit seinen Einsätzen, es geht Schlag auf Schlag, und es sind nicht nur einlagige Einsätze, nein, ausschliesslich Türme an Jetons werden gesetzt, Türme gehen verloren, und Türme kommen an ihn wieder zurück. Dazu braucht er ganze zwei Finger, die restlichen acht sind unentwegt damit beschäftigt, Zigaretten zum Glimmen zu bringen.

Seine ansonsten gepflegte Kleidung zeigt einen Geschäftsmann, sein Geld den Erfolg, die Gicht geplagten Finger scheinen jedoch weniger Folgen harter Arbeit als vielmehr das Ergebnis eines lebenslangen Spieltriebs zu sein. Die Hände scheinen der Negativabdruck von Jetontürmen gleich zu kommen, so sehr schmiegen sich diese Plastikchips an und in seine Finger.

Der Tisch füllt sich, für mich ist nicht mehr erkennbar, wer wann was wo setzt. Ich bewundere grad das Elefantenhirn der Groupiers, als plötzlich aus der Reihe der Zocker in einem hohen Bogen ein Bündel Scheine auf dem Spieltisch aufschlägt. Es müssen 20.000 € gewesen sein, die in Form bunter Spielchips dem Werfer retourniert werden. Man rate, an welche Adresse …

Ledernackenspeckfaltensaufgesicht drängt sich mit glühender Fluppe und galliger Fahne neben mich. Sein durchschwitztes HUGO BOSS tShirt dünstet und ich verdufte.

Zurück am Tisch von Monsieur Nourdine halte ich zur Tarnung hin und wieder mein Handy ans Ohr und drücke blind auf den Cameraauslöser, denn dieses Szenario fasziniert mich!
Ich hätte keinen Kontrollblick auf das Display werfen sollen! Nach dem 5. Auslöser tritt der Chef de Range an Herrn Nourdine heran und flüstert ihm etwas ins Ohr. N. beugt sich zu mir und bittet mich, das Fotografieren in den heiligen Hallen zu unterlassen. Erwischt! Und wie?
Ich schau an die Riesendecke mit ihrer dunklen, wabenförmigen Abhängung. In diesen Waben nisten unzählige Kameras … Ok, thank you for the lesson!

Eine blonde, hochhackige Schönheit im Servicekostüm fragt relativ vertraut und charmant N. nach seinem Befinden, und die beiden palavern ein wenig. Unter Einfluss einiger Gläser eines excellenten Medocs frage ich Blondie auf englisch, welche Funktion sie ausser des lasziven Daherschreitens habe. Sie klärt mich schonungslos auf, erzählt ein wenig über ihr Leben, und ich greife zu einer meiner Standardformeln: „Thank you for the lesson!“ Mit nicht minder laszivem Blick erwidert sie im Gehen: „Oh, believe me, I can teach you much more …“ und katpultiert das lange, blonde, volle Haar mit Ihren roten Fingernägeln und einem Kopfschwung lässig in die Luft.

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1 Kommentar»

  BiniMauser wrote @

DANKE für die rote KLAMPE – mensch is ja hammer! hab mich riesig übers päckchen gefreut! schmatz! 😉


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