ERLkönig

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Herzkatheter Nr. 20

Heute morgen, gassi gehen mit Max. Zwar nur trübes Wetter, in mir aber umsomehr Sonnenschein: seit Wochen der erste Spaziergang wieder ohne Schmerzen, ohne Atemnot, ohne Angstzustände. Allein dies war für mich Glück ohne Ende, Freude und Dankbarkeit! Man wird genügsam – vor allem, wenn man erkannt hat, dass Gesundheit das höchste Glück bedeutet.

Vor drei Tagen sah dies noch ganz anders aus: 08:00 Eintreffen im CCB des Markus-Krankenhauses Frankfurt. Mein Lieblings-Cardiologe wird zum 20. Mal einen Herzkatheter durch meinen Körper bis in die hinreichend lädierten Herzkranzgefäße schieben, weil ich seit Tagen keinen Fuß vor den anderen setzen kann, keine Treppenstufe mehr hochkomme, ohne im gesamten Brustraum einem schmerzhaften, atemraubenden Druck ausgesetzt zu sein, den man Angina pectoris zu nennen pflegt.
Dieser zeugt davon, dass die Blutzirkulation im koronaren System durch Verengungen teilblockiert ist.

Die Prozedur gleicht der von Katheter 19 und fast allen voran gegangenen:

Vorbereitung
Rasieren der rechten Leistengegend, Blutentnahme, EKG, Legen einer Braunüle (für die intravenöse Versorgung während und nach Eingriff), ein „Schnäpschen“ zur Beruhigung (hier kommt immer die Stelle, an der ich leider vergeblich um einen joint bitte), Warteschlaufe im OP-Vorraum.

Katheter-Labor
Bettenwechsel: vom gemülichen Krankenbett auf die Schlachtbank (OP-Tisch, kalt + steril), eikaltes Desinfektionsmittel literweise über meinen zitternden Körper, Verkabelung mit EKG-Leitungen, Abdecken mit OP-Tuch. Über meiner Brust: eine über meinen Brustkorb fahrbare Röntgenröhre, links neben mir zwei Monitore – rechter M.: EKG-Daten, links mein Herz im großformatigen Schwarz-Weiss in voller Aktion.

OP-Eingriff
Man beliebt zu scherzen: „Ach, Sie schon wieder!? Heute machen Sie’s aber allein!“ Ich bin froh, vertraute Gesichter um mich zu haben, insbesondere mein Cardio-Prof, der nun meine Leiste punktiert (spritzenmässig betäubt), um mir unmittelbar danach mit einem 1000fach geübten Schnitt die Schlagader zu öffnen und eine sog. Schleuse einzusetzen – eine Metallröhre mit Schließmechanismus, die später nur das Einführen des Katheters zulassen wird, ohne dass ich dabei verblute.

Noch während ich frage: „Sind Sie schon drin?“, wird mir vom ersten Kontrastmittelschub etwas warm und ich erkenne auf dem Bildschirm das sich kontrastreich abhebenden Bypass-Geflecht sowie den dünnen Katheter-Draht. Letzteren spürt man deshalb nicht, weil die Blutgefäße ohne Nerven sind, und nur mit der Lokalanästhesie in der Leiste verfolge ich als Patient den gesamten Eingriff bei vollem Bewußtsein. So kann ich mitarbeiten: „Kopf nach rechts drehen, nicht atmen, Hände hinter den Kopf, wie geht es Ihnen?“ Weniger gut geht es mir dann, als sich erweist, dass wieder 4 neue Stellen im Bypass bis zu 90% verengt sind – verhängnisvolle Verursacher meiner angstgeschwängerten Beschwerden.

kor.jpg

Intervention
Nun wird über den Katheter, der als Leitbahn fungiert, ein länglicher, dünner Ballon geschoben – bis hin zu der jeweils verengten Stelle und dann mit einem Druck, der weit über dem Reifendruck eines Pkw’s liegt, aufgebläht, um die sog. Stenose (Verengung) aufzudehnen. Im Normalfall stabilisiert sich das, eine Garantie aber gibt es darauf nicht.

Soweit es das Gewebe noch zuläßt, könnte flankierend noch ein sog. Stent an dieser Stelle eingebracht werden: eine gitterartige Hülse, die in diesem Segment mittels Ballon gedehnt wird und dort als metallische Versteifung verbleibt und im Laufe der Zeit in das Gewebe einwächst, um den gedehnten Querschnitt zu stabilisieren. Bei mir infolge der häufigen Interventionen leider nicht mehr möglich, weil das Gewebe „regide“ und der Eingriff damit riskant geworden ist.

Nachsorge
Nach etwas mehr als einer Stunde wird der Katheter entfernt, die Schleuse bleibt, und ein korsagemässiger Druckverband wird kraftaufwendig angebracht. Händedruck, Freudentränen, Taxi auf Krankenzimmer, mind. 3 Liter Wasser runterwürgen, um das Kontrastmittel auszuspülen, nach 4 Stunden wird die Schleuse gezogen, der Druckverband wird mich 24 Stunden einengen.

Trotzdem fühle ich mich unendlich befreit, denn ich habe es wieder einmal überstanden. Alle ausgeliehenen Engel, alle guten Geister, höheren Mächte und transferierten Energien haben mir wieder einmal beigestanden. Und mein Prof. Dr. med. Schräder, der hier endlich einmal namentlich genannt werden muss, hat wieder einmal das nahezu Unmögliche möglich gemacht. Ich danke ihm aus tiefsten – wenn auch lädierten – Herzen sowie dem Umstand und der Fügung, in einem Zeitalter leben zu dürfen, das uns zwar noch keine Unsterblichkeit beschert hat, aber uns körperliche Defizite korrigieren und unser Leben damit beachtlich verlängern lässt …

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1 Kommentar»

  Herzkatheter Nr. 21 « ERLkönig wrote @

[…] zwei Monaten nach dem letzten Eingriff war es schon wieder so weit: angina pectoris Anfälle – unter Belastung sowie im totalen […]


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