ERLkönig

ERLebnisse, ERLerntes, ERLesenes

Budapest 09.11.2005

Same procedure as every morning: McDoof Kaeffchen mit 2 EggMuffins, kleine Matschbroetchen, in denen sich eine Scheibe Bacon, eine Scheibe Fluessigkaese mit einem Spiegelei, das beim Braten in einer Form auf das Aussenmass besagten Matschbroetchens exakt reduziert wird, eng verbinden. Retortenfressen in Reinform. Alle Zutaten garantiert ohne Liebe hergestellt, sondern nur mit dem Dollarzeichen in der Pupille.

Noch zwei bis drei Generationen, und kein Mensch kann mehr kochen. Schon heute weiss jedes dritte Kind nicht mehr, dass Pommes aus Kartoffeln hergestellt sind. Ganz so, wie ich in meiner Kindheit annahm, Nudeln wuerden an Bauemen wachsen …

Mein Blick schweift wieder nach draussen, waehrend ich den heissen Pappbecher zum Mund fuehre, und mit der Hintergrundmusik scheint es, dass grad ein Film ueber die Leinwand flimmert:

„Budapest, die Erste!……. Klappe! ……. Und Aektschoooon!“ Aus dem Stand heraus bewegen sich (nach Ampelgruenschaltung) alle Autos und Strassenbahnen in die eine Richtung und tausende vom Komparsen eilen ueber den Zebrastreifen. Die McDoof Musik laueft voellig synchron! Ich glaube, Zeitlupe eingestellt zu haben … Es muss ein Film sein, oder ich bin voellig bekifft …! …………. Und ………….CUT!

Kameraschwenk auf den Eingang, denn die Musik tritt langsam in den Hintergrund, und das Klacken von Stilettos bricht sich mehrfach in diesem wahrhaftigen Fresstempel mit seiner bahnhofshohen Decke und seinen grossflaechigen Marmorwaenden.
Eine kleine, zierliche Schwarze betritt das Set an der Seite eines kleinen, breitschultrigen Kahlkoepfigen, der auch den letzten Zweifel darueber ausrauemt, das der Mensch vom Affen abstammt: vorgesetzte Knochenwuelste dort, wo andere ihre Augenbrauen zu tragen pflegen, stechender Bananenblick, ein Mund, der es ihm erlaubt, die gelbe Frucht quer und ungeschaelt zu vereinnahmen. Dort, wo Klein-Gordzilla in der Warteschlange einen Schritt nach vorne macht, da macht sein mit riesenhuebschen Riesenmoeppsen bewaffnetes Frauchen – die ich Anna nenne, Anna Bolika – drei kleine klack-klack-klack Trippelschrittchen in ihren weiss Gott nicht urwaldgeeigneten Lackstiefelchen.

Bevor Gordzilla sich an den Trog setzt, an den er mit raumgreifenden Schritten in hochgeschnuerten Springerstiefeln schreitet, entledigt er sich seiner Jacke. Dabei mueht er sich so ab, um aus dem Blouson zu kommen, dass ich denke, jetzt zerreisst er auch noch das schoene Stueck, weil es an den Ausmassen seiner Muskelpakete einfach haengen bleibt. Dann zeigt er mir seinen prachtvollen, keilfoermigen Koerper in seiner vollen, gedrungenen Groesse und eng anliegender T-shirt-Verpackung, seinen verfetteten Stiernacken, der etwas an die Grazie eines nackten Betonpfeilers erinnert, setzt sich dann tatsaechlich in einer Art auf seinen Plastikstuhl, als ob er seinen Stammast im Affenbrotbaum in Beschlag nimmt, laesst die Pranken zunaechst etwas entspannt herabhaengen, als seien sie zu schwer, um dann schliesslich die allzubekannte McDoof Grundhaltung einzunehmen: Unterarme halb an und halb auf Tischkante, Futter mit beiden Klauen greifen und …. einfuehren! Ob dieses langwierigen Vorspiels hat Anna ihr Schlemmermenue bereits schon fast vollends verdaut, rueckt mit laszivem Blick ihr unterhalb Brustwarzenlevel letztes Knoepfchen zurecht und laechelt Gordzilla vielsagend zu …

„Schoener Film gewesen!“ denke ich noch beim Hinausgehen und vermisse den geistigen Austausch mit jemandem ueber Intention, Dramaturgie und Kamerafuehrung dieses Werkes 🙂

Ortswechsel: im 300 m entfernten Hotel packe ich meine sieben Sachen, denn die zwei letzten Naechte werde ich bei Luki schlafen.

Wie verabredet, holt mich Luki gegen Mittag vom Hotel ab, und wir fahren mit S-, U- und wieder S-Bahn in sein ca. 30qm Einzimmer-Appartment, das zu meiner Ueberraschung neu, sauber und aufgeraeumt ist, spartanisch zwar in der Ausstattung, aber hell und modern in einem Neubau, der noch nicht ganz verkauft bzw. vermietet zu sein scheint.

Pack die Badehose ein, und ab, ins Gellert-Bad: ein wunderschöner Prachtbau aus alten Zeiten, Jugendstil innen und aussen, aber der Zahn der Zeit hat seine Spuren hinterlassen. Innen ist es schlichtweg heruntergekommen. Es zeigt sich zwar eine traumhafte Substanz, die ersten, heftigen Verfallserscheinungen aber lassen das Gesamte in einem ausnahmslos unhygienischen Licht erscheinen.
Im Maennerbad laufen die ueberwiegend recht greisen Senioren im anstaltseigenen Lendenschurz umher (mein Gott, was das Alter aus einem Koerper machen kann …!), der hinten den Allerwertesten unbedeckt laesst. Dieser weisse Penis-Schlabberlatz sieht einfach lachhaft aus! Luki bekommt die erste Massage seines Lebens verpasst (ca. 8,- EU für eine halbe Stunde), mein Masseur bearbeitet mich hart und hektisch. Kein grosser Genuss fuer mich, Luki aber kommt strahlend und regeneriert aus der Kabine!
Wir planschen noch ein wenig im 38 Grad Becken und verlassen diese bazillen- und pilzgeschwaengerte Staette des eingeschraenkten Badespasses schon recht bald.
Erst in der Strassenbahn berichte ich Luki ueber eine Begegnung im Bad, welche die Hirn-auf-Teller-Story vom ersten Abend zu toppen scheint:
Als Luki zu seiner Massage abberufen wurde, musste ich noch ein wenig auf meinen Folterknecht warten. Da watschelt an mir ein Mann mit den Ausmassen einer wahrhaftigen Mastsau vorbei – jeder Schritt in seinen Badeschlappen verursachte ein monströses Platsch! -, seine Badehose war von vorn nicht erkennbar, weil vom Leibesfett verschluckt, der Kopf ging halslos in einen urgewaltigen Torso ueber, der nach unten hin immer ausladender wurde. Platsch, platsch, platsch!
Aber waere es allein der Fettanteil am Koerper gewesen, haette ich mir nicht ueberlegt, das Bad – noch in Badehose – auf der Stelle zu verlassen. Nein, das Ekelerregende an sich war das, was der Mann auf seiner nassen Haut mit sich umhertrug und zur Schau stellte: von der Haarwurzel bis zum Zehnagel war er befallen von einer fleckenrot leuchtenden Exzemart, Schuppenflechte, hautkrebsartigen Wucherung, ich weiss es nicht, was es war, aber gesund sah dies auf keinen Fall aus! Mahlzeit! Automatisch fing ich an, an mir selbst herumzukratzen …
Lukis Gesichtsfarbe hatte sich wieder normalisiert, als wir von der Tram springen und er mich durch die Menschenmassen, Strassen und Gassen zielsicher zu einer non-mainstream Pinte fuehrt, in der wir es uns gut gehen lassen. Jeder dritte ohne Partner, aber mit Laptop (Apple!) im WirelessLanLokal sich ueber ein Chatportal mit irgendwelchen Menschen in der Welt unterhaltend. Welch verrueckte Welt!
Nach einem letzten Absacker in einer grafittiverschmierten, voellig abgefuckten Hinterhof-Punker-Pinte fallen wir erschoepft ins Bett, nachdem wir zuvor noch in einem 2-stuendigen – leider ergebnislosen – Verzweiflungsakt Lukis Referat „Socken & Strümpfe – Konsumverhalten im Laendervergleich Deutschland / Ungarn“ – über Windows-Word zu formatieren versuchen … Scheiss-Windows! Windows is not the answer. It’s the question. The answer is NO!

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