ERLkönig

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Archiv für Mai, 2005

Marion

Karen, Marions beste Freundin und Vertraute, setzt mich davon in Kenntnis, daß Marion in der Klinik in Kiel verstorben ist. Nicht einmal ihr eiligst aus Husum angereister Vater hatte die Chance, wenigstens ihren Leichnahm zu sehen. Er wurde umgehend von der Krankenhausleitung in Beschlag genommen. Marion wollte es so. Sie hatte unterschrieben, daß ihr Körper nach ihrem Ableben der Wissenschaft zur Verfügung gestellt wird. Damit ist dieser nach dem Tod einfach weg, keinem – mit ausnahme der Medizin – mehr zugänglich. Kein Abschied, keine Aufbahrung, keine Trauerzeremonie, kein Begräbnis, keine Reden. Sie ist gegangen, einfach so. Es heißt, sie wäre auf dem Weg ins Bad einfach zusammengebrochen. Lungenembolie.

Noch vor ein paar Tagen war ich bei ihr – zu Haus. Es war ein wiederholtes Mal, daß sie sich in ihrer Selbstüberschätzung vom Krankenhausaufenthalt befreit hatte, um zu Hause und bei dem Liebsten, was sie noch hatte, ihrem treuen Hund Hagen, zu sein. Sie war sichtlich geschwächt, saß aufrecht aber im Bett und versuchte mit mir die Details unseres Darlehensvertrages zu regeln. Es ging um eine kleine Summe, für die sie mir als Sicherheit ein kostbares Kaffeservices übertragen wollte. Zu diesem Zeitpunkt schob ich den Gedanken an ein mögliches Ableben Marions weit von mir, das Geld hatte sie schon lang zuvor erhalten und vermutlich auch verbraten, zu einer Unterzeichnung des Vertrages kam es nie …
Wir sprachen über alte Erinnerungen, gemeinsame Erlebnisse und die eine oder andere Seelennot, hielten uns an der Hand und heulten die Kissen und Tempos voll. Ich heulte noch, als ich mit Hagen Gassi ging – eine Runde um den Block. Nur schwerfällig, träge und überaus müde folgte er mir, und ich erinnerte mich, wie er bei unseren früheren, gemeinsamen Spaziergängen stets 100 Meter voraus lief, an jeder Krauezung brav stehen blieb und erst auf die Strasse trat, wenn Marion ihm das Freizeichen gab.
Und ich heulte noch immer, als ich nach unserem Abschied die steinerne Treppe die drei Stockwerke hinunter lief, in den Wagen stieg und am Hindenburgufer entlang nach Hause fuhr. Mein Innerstes wußte offensichtlich, daß wir uns ein letztes Mal wiedergesehen hatten …

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