ERLkönig

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Archiv für März, 2005

Marion

Post von Marion. Handgeschrieben! Wo sie doch sonst nur noch per eMail und SMS kommuniziert – und per Handzettel. Denn Marion kann nicht mehr sprechen. Rachenkrebs hat sie ihrer Schönheit und Sprache beraubt. Die halbe Zunge hat man ihr wegschneiden müssen, mehrfach ihr gezielt den Kiefer gebrochen, Knochen und Haut aus allen Teilen ihres geschundenen Körpers entnommen und am Kopf wieder eingesetzt. Sie hat schon lang aufgehört, die Zahl der chirurgischen Eingriffe, die sie über sich hat ergehen lassen müssen, zu zählen.
Marion habe ich vor mehr als 30 Jahren in einem Münzwaschsalon kennengelernt – zusammen mit ihrem damaligen Freund Gerd. Gerd war erfolgreicher Vertriebsmann in der Reifenbranche, Marion Friseuse und ich angehender Betriebswirtschaftler im ersten oder zweiten Semester. Jeder, der nicht so recht wußte, was er denn so studieren sollte, studierte damals BWL. Auch wenn ich damals so meine Differenzen mit dem vermittelten Stoff hatte – naja, vielleicht eher mit meiner Auffasungsgabe und meinen Konzentrationsschwächeleien -, diese drei Jahre Kiel waren die schönsten meines Lebens!
Durch Marion und Gerd rutschte ich in einen Kreis, der letztendlich zu einem engmaschigen Netzwerk von Freunden und guten Bekannten wurde, das stetig wuchs und es unmöglich machte, durch Kiel zu streichen ohne jemanden zu treffen, mit dem man mehr als nur ein MOIN auszutauschen hatte. Wie sich das im Laufe eines Lebens alles ändert …
Gerd pushte Marion, mehr aus sich zu machen, schickte sie zu Fort- und Ausbildungen, und nach zwei Jahren hatte sie ihr Meisterdiplom in gleich zwei Salons an exponierter Stelle hängen.
Die Beziehung zwischen Beiden kränkelte schon damals, was ich aber nur am Rande mitbekam. Nach meinem Examen zog ich nach Süddeutschland unser Kontakt fror etwas ein. Offensichtlich aber auch zwischen den Beiden, und plötzlich hieß es, Marion hätte sich aus dem Staub gemacht, hätte ihren Laden, ihren Gerd und all ihre Verantwortungen hinter sich gelassen und war einfach weg – keiner wußte, wo.
Das muß Marions verzweifelter Befreiungsschlag gewesen sein, der Ausbruch aus einer Beziehung, die für sie nicht mehr zu ertragen war. Wenig später – nach der Eheschließung mit einem mir völlig unbekannten Mann – brach dann ihre vernichtende Krankheit aus. In dem Moment aber, als sie vor ca. 12 Jahren sich einen Hund anschaffte, der heut noch ihr ein und alles ist, stagnierte der Krankheitsverlauf – leider aber war dieser bis dahin schon sehr weit fortgeschritten. So weit, daß sie von Außenstehenden, Kindern wie auch Erwachsenen, wie ein Monster angestiert wird.

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Neulich im Fahrstuhl …

Ich drehte mich um und sah in den Spiegel meines Fahrstuhls, der – so hoffte ich in dem chaotisch weil nachlässig organisierten Parkhaus – mich in einem Stockwerk ausspucken sollte, auf dem ich wieder frei atmen konnte. Grad hatte mich auf dem Level zuvor eine junges Päärchen – selbst noch fast Kinder – mit drei kleinen quakend-plärrenden Ablegern orientierungslos nach ihrem Pkw suchend verlassen, und als die Tür uns voneineinder trennte, stand ich allein mit meiner Geiz-ist-geil-Plastiktüte in der Edelstahlgondel voll fettfingerverschmierter Flächen, lächelte mich im ebenso verschmutzten Spiegel an und erschrak, als ich die 1.000 Falten unter und um meine Augen herum sah.
Für Lachfalten sahen sie keineswegs freundlich genug aus, und es waren mir auch einfach zu viele. So viel hat es in meinem Leben nun doch nicht zum Lachen gegeben, dachte ich. Wo kommen die bloß aller her!? Und ich mußte erkennen, daß knapp 57 Jahre nicht unbedingt spurlos an mir bzw. an meinem – im entspannten Zustand – glatten Gesicht vorbeigezogen sind.
Nun gut, mein Körper war optisch wie auch konditionsmäßig im Laufe der letzten Jahre etwas erschlafft, könnte man sagen. Eine gewisse Kurzatmigkeit hatte sich auf Grund einer relativ bequemen Lebensweise eingestellt, Dynamik und Spontanität sind einer überlegten Besonnenheit gewichen, viele kleine Zipperlein und größere chirurgische Eingriffe in mein Innerstes haben ihren Rest zum eingeschränkten Grad der globalen Funktionstüchtigkeit beigetragen. Und nun auch noch diese Falten, die zu meinem schwachen Trost erst beim Lachen in Erscheinung treten.
Muß schon was dran sein, als ich mich vor mehr als zwei Jahren mit meiner knapp 20-jährigen Tochter an die Bar einer lauten Disco lässig hinpflegelte, deren Musik aber nicht laut genug war, um die Konversation zweier Teenies nebenan mitzuhören, die eindeutig auf mein Erscheinen abzielte: „Guck mal, jetzt kommen die schon zum Sterben hierher …!“
Naja, tat ich das für mich ab, schließlich hatten wir’s damals auch so richtig drauf, wenn wir als 16-18-jährige Halbstarke einem 28-30 Jahre „Altem“ begegneten: „Mann, Du, der hat ja auch schon seine Zukunft hinter sich …!“

Heute im Fahrstuhl aber hab ich’s mir selbst gegeben. Mit blanker Selbsterkenntnis und frei von jeglichem Zynismus. Das Lächeln ist mir dabei schnell wieder vergangen …