ERLkönig

ERLebnisse, ERLerntes, ERLesenes

Sonntag, 8 Uhr …

Es ist 8.
Lübecks sonntägliches Glockengeläut schmeichelt meinen Ohren, die Häuserschatten auf der gegenüberliegenden Straßenseite ziehen an historischen Fassaden ihre sonnengerahmten Formen.
Mein Käffchen dampft auf wackligem Bistrotisch, das noch warme Franzbrötchen klebt an meinen Fingern, eine leichte Brise zieht durch die Strasse und blättert unwissend in meiner Zeitung.

Leicht verschlafen schlurfen die ersten Brötchenholer grusslos an meinem Trottoire-Tisch vorbei in „meine“ Bäckerei, in deren Türrahmen ein Golden Retriever steht – Kopf drinnen im wohligen Duft frischer Backwaren. Für mich ist draußen lediglich seine erwartungsvoll wedelnde, buschige Rute zu beobachten. Eine junge Mutter am Nebentisch singt ihrer kleinen Tochter leise ins Ohr „Wie schön, dass Du heut geboren bist!“ und ich denke bei ihrem Anblick dasselbe.

Busse übertönen das Glockenkonzert der malerischen 7-Türme-Stadt. Das Bühnenbild wechselt … unaufhörlich.

London

Vier Tage meiner kostbaren Zeit, von der man glaubt, so viel zu haben, ertranken letzte Woche im unaufhörlichen Regen Londons.

Vor 18 Jahren war ich das letzte Mal in dieser Tumultstadt. Nun haben sich scheinbar Menschen, Autos, Lärm im selben Masse vervielfacht wie die Preise. Ein Dach über dem Kopf ist für Häuslebauer wie für Mieter und Touristen schier unbezahlbar.

So finde ich in einem Hostel in der Nähe von Kings Cross eine Bleibe, die mir für 30 € pro Tag ein sauberes Bett in einem kleinen 5-Bettzimmer mit ein paar vor sich hin pupsenden Brasilianern, einer partysüchtigen Mexicanerin und einem stillen Briten bietet. Ich ziehe den Altersdurchschnitt auf 21 hoch ….

Das Innere der Stadt brodelt, die Vorbereitungen auf die Olympics blockieren bereits jetzt schon so manche Strassen, das System scheint vor dem unmittelbaren Kollaps zu stehen.

Fish & Chips sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren, nämlich frisch. Da haben sie mit der Queen durchaus etwas gemeinsam …

Aber die kleinen Engländerinnen werden immer jünger. Und geben den Trend an: High Heels und Hot Pants – soweit das Auge reicht. Letztere sind aber so klein geworden, dass sie ohne Sehhilfe nicht mehr zu erkennen sind.

Übermüdet und erschöpft besteige ich in Gatwick meinen Airbus und freue mich auf mein Bett zu Hause, das ich zwei Tage nicht verlassen werde … Good bye, London, Du kannst nochmal mindesten 18 Jahre auf mich warten!

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Schmeichelhaftes kommt immer gut!

Heute erreichte mich eine liebe Nachricht einer fuerteventurischen Bekanntschaft, die ich auf der Insel bereits vor einem Jahr in mein Herz geschlossen hatte:

Hallo Wolfgang, ich habe heute so einiges von Dir gelesen –  glücklicherweise nicht über mich!
Warum sollte ich ein Buch in die Hand nehmen – Deine Berichte sind interessant, direkt, amüsant und geistreich.
Mir wird meine fehlende Bildung deutlich.
Werde Deine Berichte aufmerksam weiter verfolgen!

Nicht mit „ERL“ aber mit „ER“ ist mir etwas zu DIR eingefallen:

ERfolgreiche_Karriere,
ERwiderte_Liebe,
ERtragene_Schicksale,
ERleichtertes_Dasein,
ERbetene Gesundheit,
ERwünschtes_Glück.

Mit den allerbesten Wünschen – Bernd

Lieber Bernd, mit Abstand der schönste Kommentar, den ich auf meiner Seite bislang gelesen habe! Besten Dank dafür, lieber Schmeichler!
Mit Nachdruck muss ich Dich aber korrigieren! Wenn es jemandem an Bildung fehlt, dann bestimmt NICHT DIR!

Ich selbst bin es, der leider allzu oft an sein geistiges Vakuum erinnert wird, weil er in seiner Vergangenheit überwiegend lern- und exorbitant lesefaul war.

Nichts in meinem ganzen Leben hat mich mehr angekotzt als mein Gymnasium mit seinen teuflischen Lehrkräften – es gab nur zwei Ausnahmen mit halbwegs menschlichen Zügen! Der Rest war ein Haufen von gescheiterten Existenzen, die von der Pädagogik im allgemeinen und der Psyche eines Heranwachsenden im speziellen soviel Ahnung hatten wie die Kuh vom Klavierspielen …
Die Schule bezeichne ich als  die schlimmste Zeit in meinem Leben. Dort hatte ich es mit Lehrkräften zu tun, die heutzutage als pädagogische Krücken nicht annähernd eine Chance gehabt hätten, als „Erzieher“ den Fuß in die Tür einer Bildungsstätte zu bekommen. Aber ihnen will ich keine Schuld geben an meinem persönlichen Bildungsdesaster. Lesestoff, der mich ermüdet, war nie mein Metier. Und so habe ich einiges verpasst und mehr noch verpatzt in einer Zeit, in der man eigentlich gesegnet war mit einer riesigen Aufnahmekapazizät ….! O sole mio … culpa!

Meine beiden studierenden Kinder – als ob es nichts Einfacheres wie Unterhaltsameres geben kann – legen da eine Vorlage an Wissensdurst, Lernbereitschaft und schier unendlicher Energie hin, dass ich nicht glauben kann, sie wären von mir! Bereits das Abitur hatte ich schon beharrlich verweigert. Schande!

Mein lieber Freund R. in meinem Heimatkaff findet in seiner suffisanten aber liebevollen Art immer wieder einen Weg, mich zart darauf hinzuweisen, dass es nicht reicht, sich zwei Bücher zur Dekoration staubfrei ins Regal zu stellen. Nicht allein, dass es in heutiger Zeit einen gewissen Trend zum Drittbuch gäbe, nein, er, der Bücher frisst wie andere Nahrung zu sich nehmen, versehen mit einem Doktortitel, den er aber nicht wie die meisten Promovierten zur Schau stellt oder gar gekauft hat, er findet immer wieder das Fremdwort, das mir nicht einfallen will, kennt alle Synonyme dazu und beweist mir an einer unendlich langen, im Hirn gespeicherten Latte an einschlägiger Litaratur respektive Autorenverzeichnis beispielsweise zum Thema „Segeln“, dass man sich auch durch Lesen schlau machen kann. Zudem setzt er sogar die dokumentierte Theorie gleich in die Praxis um und baut sich schnell mal ein Schiff …

Welch schlaues Hirn sagte einmal „Ich weiss, dass ich nichts weiss!“? R. wüsste es! Mein geistiger Horizont dahingegen ist schnell erreicht. So taumel ich im Orbit meines nackten Unwissens und eines gähnenden Bildungsloches durchs Leben, beobachte besonders gern den Menschen samt seiner Unfähigkeit wie Machtlosigkeit und bastel gern mit und an Worten herum – nicht ganz frei von Zynismus gebe ich zu.

Das nenne ich einen, meinen zweiten, wahrhaftigen Bildungsweg 😉

Don Pedro Gonzales

Unser Cat dümpelt bei Anfi vor Anker. Die Sonne glüht, der Wind kühlt, und alle sechs an Bord grinsen vor lauter Wohlbefinden mit geschlossenen Augen in sich hinein, der Sonne entgegen.

Mehr als sieben Stunden lang sind wir zuvor nach Mogan und kreuz und quer gesegelt, hatten knapp 10 Knoten auf die Logge gebracht, und das allein mit den beiden Vorsegeln ohne Einsatz des Großsegels. Unser 17 Meter Cat ging ab wie ein Zäpfchen!

Nach harrrt durchsegelten Stunden macht Ulli ein formidables Ankermanöver – man merkt, sie kennt sich aus mit dem Schiff -, und jeder gibt sich auf dem Vordeck dem stillen Müssiggang hin – schlummernd, meditierend, träumend, sinnierend …

Nur Georgie ist wie immer geschäftig, und schon bald weiss ich womit: wie aus dem Orbit herab ertönt in Dolby Surround Qualität einschmeichelnd im Gleichtakt mit Wind- und Wellenspiel aus den bordeigenen BOSE Boxen plötzlich „Wish You Were Here“ von Pink Floyd. Es fehlen nur noch der Rote und die Tüte, und ich wäre vor Begeisterung über die Reling gesprungen. Aber auch ohne den beschleunigenden Süßstoff fangen wir alle offensichtlich an zu fliegen.

So auch meine Gedanken wieder einmal, und ich erinnere mich an einen Tag vor mehr als drei Jahren, als ich mit Georgie und seiner Yacht an derselben Stelle ankerte – in Gesellschaft mit ca. 8 weiteren im respektablen Abstand zueinander liegenden, beachtenswerten Seglern. Wir waren grad beim Klarschiffmachen, da betrat eine Motoryacht das Parkett. Flach, spitz und unendlich lang, ausgerüstet mit einem DuplexAntrieb, der wohl seine 500 Pferde auf die Schrauben brachte …

Auf dem schmalen, schnittigen, ja pfeilartigen Vordeck aalte sich Blondie im Bikini mit Mega-Augen und strich sich halb liegend lasziv mit der Rechten durchs Wind zerzauste, lange Haar. Hinten, im weissen Ledersitz des offenen Salons nahezu die Zwillingsschwester – nicht minder auf Exhibition und Geld aus.
Beide Barbies aber wurden in Bedeutung und Posing weit übertroffen durch den am Ruder stehenden Mann: Don Pedro Gonzales, braun getüncht, grau meliert, kontrastreiches, weisses Poloshirt über dunkelblauen Shorts, EdelstahlSteuer in der Linken, an der Rechten eine prunkvolle Golduhr. Die Krönung der am Ruder demonstrierten aristokratischen Haltung aber war seine rechte Hand, die halb auf Schulterhöhe ausgestreckt zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger eine 20 Zoll Havanna würgte. Den kleinen Finger weit von der restlichen Hand gespreizt (nach dem Motto: Finger weg vom Nikotin!) war der Ringfinger schliesslich dafür verantwortlich, nach jedem Zug die imaginäre Asche abzuklopfen.

Sein kubanischer Zauberstab aber wurde nicht kürzer, weil er kalt rauchte; ebenso wenig sein anhaltendes Cruisen zwischen all den anderen Schiffen, dessen Eigner angesichts seines nassforschen Fahrstils in nächster Nähe berechtigterweise um ihre Anker und Ketten bangten. Als Don Pedro Gonzales nach geraumer Zeit mit seiner Bugwelle die gesamte Flotte ins Wanken gebracht und sich selbst versichert hatte, dass ausnahmslos alle seinen Auftritt hinreichend bewundern konnten, legte er den Hebel auf den Tisch, was den Bug aus dem Wasser und VordecksBarbie vom Handtuch hob und entschwand mit zunehmender Geschwindigkeit endlich in der Weite des Atlantiks Richtung Horizont …

Pink Floyd reisst mich in die Gegenwart, die erste Gitarre wechselt zu einem weiteren Thema, was Träume weckt, und ich erwarte sanft schaukelnd den nächsten Film …

Schenk mir D/ein Lächeln!

Die breite Feder meines bei eBay ersteigerten Füllers fliegt über das leicht zerknitterte Papier meines A5 Kladdeheftes. Leider gelangt sie im Wettrennen mit meinen Gedanken immer wieder ins Hintertreffen …

Auf meiner Lieblingsbank an Morros Strandpromenade blinzel ich in die über dem Meer stehende Sonne, vorbei an den dahin flanierenden, bunten, halb nackten und zum großen Teil wohl genährten, verschwitzten Touristenleibern.

Grund genug zum Lächeln, zur Freude hätten sie alle, die Sonnengäste: geschmeidige 28 Grad – das Wasser nur ein paar Grad weniger -, keine Wolke trübt den Sonnenschein, der Duft der in Knoblauchöl gebratenen Fische verfliegt in der Meeresbrise, Freizeit von morgens bis in die Nacht hinein, alle Randbedingungen, ja sogar der Biorhythmus scheinen auf „Fun in the Sun“ geeicht zu sein. Alles locker, alles easy, denke ich …

Und dennoch, schaut man in ihre gebräunten Gesichter oberhalb von Goldkettchen und unterhalb von NikiLaudaKäppi, dann glaubt man sich in der Münchener U-Bahn zur Stoßzeit wiederzufinden:

Freudlosigkeit bis hin zum Frust, Sorgenfalten bis zum Hintern, fast schon Schmerz verzerrte Mimik und Mundwinkel, die an die freudvolle Ausstrahlung von Angelika Merkel erinnern. Rucksack und Seele scheinen beladen mit schwerer Last …

Zugegeben, das Leben ist schon eine ernste Angelegenheit, weil lebensgefährlich! Die Kunst aber besteht darin, trotz aller Widrigkeiten und Ängste dem Dasein in Demut eine helle, weil ursächlich wohl begründete Freude abzugewinnen. Urlaub, Reisen, Abspannen geben hinreichend Raum wie Anlass dazu!

Dies scheinen aber nur wenige zu beherrschen, zum Talent der Deutschen gehört dies schon Gen bedingt nicht!
Und so denke ich auf meiner Sonnenbank, ich sitze im falschen Abteil einer falschen U-Bahn, die in eine falsche Richtung nur fährt. Vielleicht reicht ein Abteilwechsel…?

Noch bevor ich diesen Gedanken umsetze, nimmt eine ältere Dame neben mir Platz. Grußlos, wortlos und synchron mit ihrem grau melierten Gatten fächert sie ihr massiges Hinterteil auf und lässt sich wie ein brütender Schwan auf sein Nest nieder – raumgreifend, plusternd und sichtlich zufrieden mit ihrem Plätzchen.

Mit aufmerksamen wie gleichermassen unverhohlenem Interesse verfolgt Madame zu meiner Linken den Federflug meines Füllers. Als sie es schon nach kurzer Zeit vor quälender Neugier nicht mehr aushält, bricht sie überraschend das Schweigen: „Wes schreibe Sie denn do?“

Nun war es wirklich Zeit für einen Abteilwechsel, und ich verließ – hatte ich es doch grad gelernt – gruß- und wortlos Bank und Nachbarin, die wohl als solche der Alptraum eines jeden friedfertigen Hausbewohners sein dürfte …

Irgend wann, irgend wer …

Millionen Male in meinem kurzen Leben habe ich es bereits bewundert, und immer wieder kann ich meine Augen nicht davon lassen: schon seit Stunden sitze ich an einem einsamen Strand in Hafennähe meiner Insel, und jede der hereinbrechenden Wellen fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

Das Meer ist für die hiesigen Verhältnisse bis zum Horizont glatt, keine Schaumkrone ist heute zu sehen, nur eine leichte Kräuselung auf der Wasseroberfläche zeugt von böigen Winden.
Und ich wundere mich jedes Mal, wenn kurz vor dem aus Lavasand bestehenden und damit schmuddelig anmutenden Strandufer wie aus dem Nichts heraus sich eine fast zwei Meter hohe Welle über die gesamte Breite der Bucht fast lautlos aufbäumt, für kurze Zeit – fast eine Röhre bildend – ihre tiefblaue Wand zeigt, um sich schliesslich auf ihrem Höhepunkt schäumend und tosend in weisser Gischt über den Sand und das Steingeröll ihrem Tode hinzugeben und zu brechen, während schon die nächste Welle steil sich erhebt – im Begriff, denselben Suizid zu begehen.

Das unter der Folgewelle sich zurückziehende Wasser verfügt aber noch über hinreichend Kraft, um die zahllosen Lavasteine, die durch Wasser, Sand und Wellenspiel die Form und Grösse von Eierbriketts angenommen haben, ein paar Meter mit ins Meer zu ziehen, und das murmelnde Geräusch erinnert an die Glaskugeln im Leinensäckchen, die wir als Kinder wie einen Schatz gehütet und verteidigt haben.

Dieses Murmeln im Einklang mit dem Rauschen des ablaufenden Wassers und dem Dröhnen der brechenden Wellen ist wie Musik, scheint von besonderer Rhythmik bestimmt zu sein. Zugleich treiben Sonne und Wolken ihr verwirrendes Schattenspiel, verleihen dem Meer bis hin zu seinem Horizont alle Nuancen des grün-blauen Farbspektrums.

Es ist eine phänomenale Gesamtinszenierung der Natur von unbeschreiblicher Schönheit, Energie und Perfektion – Millionen an Jahren alt …

Und irgend wann wird irgend jemand irgend wo dasselbe sehen, fühlen und schreiben wie ich – wenn bis dahin nicht in seiner schitzoiden Machtbesessenheit irgend wer irgend wo mit einer falschen Handbewegung die Schönheit unseres Planeten hinweg bläst und damit diesem Schauspiel für die Ewigkeit ein unwiderufbares Ende bereitet …

Australien 2011

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24.08.2011

Nach einem beengten Flug von Frankfurt nach Dubai in einer BOEING 777-300 sitze ich nun zum ersten Mal in einem AIRBUS 380, an dem mein Sohn als Praktikant in Tulouse wie auch im Werk Hamburg im Rahmen seiner ihm zugedachten Kompetenzen so erfolgreich mit herum gebastelt hat. Nun, bei aller Bescheidenheit: immerhin kann ich mir einbilden, dass er auf seinem Gebiet „Qualitätsmanagement“ eine Menge dazu beitragen konnte, Schlampereien unmotivierter Leasingmitarbeiter aufzudecken und mit dem persönlichen Qualitätssiegel “ Checked by Chrishy“ zu meinem heutigen, persönlichen Sicherheitsgefühl beitragen konnte … ;-  (ich muss mir eins grinsen, lieber Chrishy – nicht aus Hohn sondern aus stillem Stolz …)

Ich kann’s nicht glauben, dass ein solches Ungetüm mit 4 überdimensionalen Triebwerken und aus zwei Stockwerken bestehend die Erde unter sich lassen kann. Aber sie schafft es, die bislang ungekrönte First Lady der Lüfte. Unter Ausnutzung der gesamten Runwaylänge erhebt sie sich majästetisch, geruhsam, souverän und steuert unbeirrt aufs weite Meer, das wir nun die nächsten12 oder gar 13 Stunden zu überwinden haben …

Mein im 5-Gang-Menü platzierter Hauptgang besteht aus einem Stück Fisch, der wohl frisch geangelt wurde und vom Piloten persönlich in der Gallay zubereitet wurde. Bei nahezu Mach 1 hat die Schleppangel im Pazifik ihr übriges dazu beigetragen, dass die Hammerhai-Flunder von allen Gräten befreit wurde. Der Rote aus Australien – übrigens kredenzt von einem ausgesprochen gut aussehenden und freundlichen, jungen Asiaten, in den ich mich glattweg … – mein Gott, bin ich schwul? – schmeckt vorzüglich und mein Freund der Reihe 50 Platz C stellt mir unaufgefordert und mit einem Augenzwinkern ein zweite Flasche aufs Tablett – auch er würde ihn so lieben … Na, da haben und heben wir doch schon etwas gemeinsam 😉

Meine kleine 24jährige Tschechin auf 50B, die für ein paar Monate nach Sydney geht, um was weiß ich zu studieren, hält beim Wein gut mit, und wir geben uns die Kante – solange der asiatische, wohl gepflegte Purser bereitwillig liefert …

In meinen Hörern dröhnt „My Generation“ from THE WHO, und ich erkenne, dass von meiner Generation bestenfalls 50% an Bord sind. Die andere Hälfte sind lauter backpacker – nach dem Abitur auf dem Weg in die Freiheit nach Auckland für ein halbes Jahr oder so, was erleben, arbeiten, chillen. Davon war der Flieger von Frankfurt schon so voll.  Aber alles durch die Bank weg wirklich wohl erzogene Sprösslinge, wenn ich das mal so spießig zum Ausdruck bringen darf. Zuvorkommend, freundlich, kontaktstark ohne Ende. Ach, könnt ich nur noch einmal 20 sein …!

Zum Glück erhebt sich über dem Kopfteil vor mir eine Glatze mit weißem Haarkranz, und ich weiss: „Du bist nicht allein …!“

Mein Gott, noch 10:37 Stunden nach Down Under …!

25.08.2011

Kein Auge zugetan, nehme ich am für Sydney-Dimensionen relativ kleinen MickeyMouse-Airport meinen gebeutelten Koffer in Empfang und finde ohne Mühe meinen 12$ BusShuttle zum Hotel SPRINGFIELD LODGE. Rund 12 andere Passagiere werden vor mir abgesetzt, ich als Letzter. Somit komme ich in den Genuss einer kleinen Stadtrundfahrt, und mir wird schnell klar: es hat sich viel verändert in Sydney. Vor allem der Verkehr hat um einiges zugenommen, die Zahl der Busse muss sich mindestens verdreifacht haben. Das infrastrukturelle System steht kurz vor einem Kollaps. Mein helldrivin’ Busfahrer konnte dies nur bestätigen.

26.08.2011

Mein Hotelzimmer erinnert stark an Bilder von Edward Hopper: trostlos, dunkel, und selbst ein menschliches Wesen ist nicht imstande, den Raum mit Leben zu erfüllen. Verlorenheit, Isolation, Schmucklosigkeit.

Kaum geschlafen in meiner Hopper Suite, rüste ich mich um 09:00 für meinen ersten Ausflug in meine Traumstadt.

Nach einer QuiGong Übung, um meine verrenkten Glieder wieder einigermaßen neu auszurichten, wünsche ich mir Kraft und nette Begegnungen in dieser Tumultstadt, die sich vor rund 9 Jahren in mein Herz und Hirn gebrannt hat. Aber aus einer vormals gelassenen Geschäftigkeit ist nur noch betriebsamen Hektik geworden.

Mein Wunsch nach netten Begegnungen erfüllte sich gewissermaßen wie im Fluge. Ein simples Frühstück für rund 15 AUS$ wollte ich mir sparen und stieß an der ersten Ecke meines Rotlichtviertels auf einen deutschen Bäcker mit dem Firmennamen „Lüneburger“.

Hinterm Tresen eine kleine Schwarze mit roter Kappe, die im zweiten Satz mich gleich als Deutschen identifiziert. „Woher?“ – Aha, aus dem Norden, dann können wir ja MOINMOIN sagen …! Gleich gesellen sich zwei weitere Mädels dazu – allesamt aus Deutschland, wie der noch schlafende Chef dieser Kette mit 4 Filialen in Sydney, der seine Backwaren incl. Kuchen tief gefroren aus Deutschland importiert, weil der Produktionsversuch vor Ort mit den verfügbaren, hiesigen Zutaten nicht das gewünschte Deutsche Qualitäts-Ergebnis ergab. Die Rohlinge werden dann hier im Geschäft aufgebacken und gut is.

Zu Fuß und mit einer kleinen Orientierungshilfe bestückt bewege ich mich gen Centrum. Geschäftiges Treiben, überwiegend dunkel gekleidete Businessmen und … da ist sie wieder – schon vor Jahren hat sie mich in ihren Bann gezogen: die Liga der in schwarzem Kostüm, schwarzen Srümpfen und high heels gehüllten, weiblichen Mitarbeiter unzähliger Büros. Auch hier kleine Modifikationen im Stadtbild, die allerdings mein Wohlgefallen finden: die Abätze der Pömps sind noch höher geworden. Welch Anblick! Welch Grazien! Und sooo viele! Natürlich nur die, die darin zu laufen geübt sind! Neben den ungeübten, hoffnungslos Dahinkraxelnden gibt es auch noch die „Verkappten“, die Pragmatiker, die ihre high heels im Täschchen mit sich führen und den Weg ins office mit lauffreundlicheren Turnschuhen hinter sich bringen …

„Mein altes“ Sydney hat mich wieder! Ich folge einer attraktiven Asiatin mit Vespentaille, schwarzen, langen Haaren, breathtaking Beinen und Notebook-Täschchen Richtung Sydney Tower, trenne mich nur schwer von diesem erbauenden Anblick und löse ein 25$-Ticket für den TowerFahrstuhl auf das Observation Deck. Ein MUSS, von hier oben sich den Überblick über die Dimensionen dieser Stadt  zu verschaffen! Hier treffe ich auf zwei junge Türkinnen, die mir ihre Camera in die Hand drücken, um einen shot von ihnen zu machen. Perfektes Englisch! Die ersten Türken, mit denen ich mich in Englisch unterhalte.

Nach dem Aufschlag auf Level Zero verlasse ich den Fahrstuhl und lande schnell wieder „unter Tage“ – dieses Mal in einem exklusiven food court mit unzähligen, internationalen Angeboten. Die Essbereiche unheimlich schön gestaltet, einladend, perfekt designed! In nichts mit deutschen Einrichtungen dieser Art zu vergleichen! Wenn ich da nur an den vergeblichen Versuch in Darmstadt denke, mit dem CARREE eine Attraktion zu schaffen, in dem letztlich aber die Stände bunt zusammengewürfelt und viele verwaist weil unattraktiv sind. Kein durchgehendes Konzept! Jeder Stand ein Unikat – nach der Finanzkraft des Betreibers aus- und eingerichtet.

Hier: die facilities sind durchgehend aus einer Hand: gestylt, geplant, gebaut, fertig. Nur das Speisenangebot ist dann Sache des Betreibers. Ganz einfach, oder!?

Ich turne durch die Strassen, den Höllenverkehr. Aber: kaum ein Hupen, keinerlei Agression!  Und bald merke ich, wie die Zeit vergeht. Um 17:00 geht die Sonne unter, um 18:00 ist es Nacht. Ich nehme die übervolle Fähre nach DARLING HARBOUR und finde mich wieder im Trubel einer Unmenge von Menschen, einkaufswütig, erlebnisdurstig, unterhaltungssuchend … Die Lokale sind allesamt bis auf den Letzten Platz besetzt. AfterworkParty-Stimmung! Dining wird hier groß geschrieben. Und das bei Preisen zum Davonlaufen oder besser: zum Zuhausebleiben! Nur ein Beispiel: Pizza Margarita, die Primitivo-Pizza, wie sie jedes Sparbrötchen kennt: Pizzaboden mit Tomatenmatsch und Kunstkäse belegt – sonst nix: 20 australische Dollar. Das sind  14,70 EURONEN!!!

Im HARD ROCK CAFE, 30 (!) KellnerInnen, das Hauptgericht nicht unter 40 $, ist nicht ein Platz frei! Man lässt es sich gut gehen! Wo man hinblickt: Lebensgenuss- und wahre Freude pur. Woher kommt das? Meine Gedanken hierzu: Australien liegt am Arsch der Welt – räumlich und damit auch gedanklich weit, weit entfernt von Allem, was uns mit unserer unmittelbaren Nähe bedrückt und bedroht: Euro-Desaster, Terror-Bedrohnis, EuropaKrise, Emigration auf Grund von Hunger und Armut, Kriege in greifbarer Nähe … Das geht dem Aussi am Arsch vorbei! Hier heisst es: work hard, live light! Und sie verstehen es!!!! Die haben uns gar nicht auf dem Plan …! Die Nachrichten im Fernsehen beweisen es!

Dieser Entspanntheit ist es zu verdanken,

  • wenn ein Busfahrer Dich am Busstop freundlich grüsst, nur weil Du grad an seiner geöffneten Tür vorbeiläufst,
  • wenn sich das Mädel an der Rezeption um Dich kümmert, als wärst Du bei voll belegtem Hotel der einzige Gast, und die Schlange hinter Dir gäbe es nicht,
  • wenn Dir der Lehrling an der Kasse des Supermarktes einen schönen Tag wünscht und Dir das Gefühl gibt, das kommt von Herzen und der meint es ernst!

Irgendwann zaubert es dann auch Dir ein permanentes Lächeln auf das Gesicht und verleiht Dir die Leichtigkeit des Seins. Wirklich, das färbt ab!!!

Dieser Leichtigkeit zum Trotz falle ich dann doch um 23:00 völlig fertig ins Hotelbett.
9 km Lauferei quer, hoch und runter sowie gewisse Orientierungsnöte fordern ihren Tribut …

27.08.2011

BONDI BEACH ist angesagt. Nur zwei Stationen mit dem train (UBahn). Umstieg  in BONDI JUNCTION in den Bus, in dem ich eine elegante, freundliche Dame nach der besten Station zum Ausstieg frage. Sie berät mich mit einem netten Lächeln, das ihre leicht asiatischen Augen und ihre makellos weißen Zähne noch mehr erstrahlen lässt – und mich innerlich auch. Ich wandere im Dunkeln (17:30!) lustlos die kurze Promenade hinunter, fühle mich allein und weiß nicht recht, was ich hier will, weil ich auch hier kaum etwas wieder erkenne. Wie gern würde ich jetzt mit der netten Kurzbegegnung in einem der vollen Restaurants an einem Tisch sitzen und etwas plaudern, trinken und essen.

Stattdessen finde ich ein fish&chip fastfood Laden, ordere eine gewöhnliche Portion gewöhnlichen Schnellfraßes, lieblos gesalzen, schnell eingewickelt in Packpapier und schlinge sie sogleich hungrig hinunter.

28.08.2011

MANLY BEACH ist angesagt.

Beim Umsteigen, wie aus dem Erdboden erwachsen, steht plötzlich mein kleiner, gepflegter, asiatischer Schwarm von gestern vor mir, sichtlich in Eile. Wir wechseln ein paar Worte, sie fragt, wie es gestern noch war, ich bringe vor lauter Überraschung nur Müll über die Lippen, und noch bevor sie im Getümmel verschwindet, hätte ich mir die Zunge abbeissen können, den Hintern versohlen können, weil ich meinen Auftritt, mein wording völlig verpatzt hatte.

Eine Chance von 1:1.000.000, in dieser Stadt meiner Begegnung von gestern ein wiederholtes Mal über den Weg zu laufen. Ein Wunsch, den ich noch gestern Abend müde im Bett liegend eruiert und ersehnt habe. Die Chance kam – und ich hab’s versiebt. Wieso passiert so etwas?!?!?!? Wieso? Eigentlich hat die Vorhersehung, die Fügung es gewollt, dass wir nochmals aufeinander treffen. Hat sich die Fügung es sich dann nochmals anders überlegt? Nönö, hat sie sich gesagt, ich muss das noch mal revidieren! Also leg ich dem Tölpel einfach ein paar hirnrissige Worte in den Mund und für den Rest schalte ich sein Hirn ab …

Na toll! Und tschüss, du verpatzte Chance! Oder geschah es etwa zu meinem Vorteil? Hätte sich da etwas Nachteiliges ergeben …? Fragen über Fragen.

Vergessen habe ich bei meinem Ausflug, dass heute weekend ist, Sonntag, und die Menschen zieht es raus. Auf einer völlig überfüllten Fähre zieht an mir die Skyline Sydneys vorbei. Massen strömen an den Strand. Die Sonne scheint, die Strandpromenade bietet kaum Platz zum Laufen. Aber alles nimmt seinen geruhsamen Gang. Kein Anflug von Hektik. Just Chillin’!

Dort, wo an der Strandstrasse noch vor 9 Jahren kleine, bestenfalls 3-geschossige, alte Häuser standen, protzen nun Betonbunker mit seaside view, 10 Stockwerken, einer neben dem anderen.  Es lebe die Bodenspekulation, es lebe der schnöde Mammon!

29.08.2011

Mit der L90, einem der in Sydney Gas betriebenen Busse, mache ich mich auf einen Anderthalb-Stunden-Trip in den Norden, nach PALM BEACH. Damit habe ich mir völlig unwissend den schönsten Platz an der Ostküste vor den Toren der Stadt ausgesucht, dafür aber auch den teuersten. Nur Milliardiärs-Villen betuchter Snooty-Bürger, jener snobish people, die ihre lebensnotwendige Mitgliedschaft in dem lokalen Golfclub bereits schon vor ihrer Geburt anmelden müssen – die Armen …

Am karibischen Strand werde ich Zeuge eines Drehs für eine australische Seifenoper, die hier – gleich unserer „Lindenstrasse“ – seit über 20 Jahren läuft und JEDEN Abend eine neue Folge präsentiert.

Nach jedem „ACTION!!!!“ einer kleinen Regisseurin läuft die Kamera gerade mal 3 Minuten wenn’s hoch kommt, und beim nächsten „CUT!!!“ läuft eine geschäftige Assistentin im Wüstenoutfit in die 30 Mann starke, feierlich gekleidete Hochzeits-/Strandgesellschaft, um Wasserflaschen und Sonnenschirme an das gestresste Ensemble zu verteilen.

Gelangweilt hängt Steve an der Bordwand seines Pickup und drückt sich eine Clementine zwischen die Zähne, während er die Szenerie beobachtet. Er, Rentner, 59, wohnt ein paar Kilometer südlich, macht sich einen faulen Lenz, quatscht und teilt seine 3. Clementine mit mir, um mich dann ein Stück den Weg mit zurückzunehmen. He dropped me off an der nächsten Biegung. Hier gehe ich seinem Tip zufolge ein Stück am leeren Strand entlang, um mich danach in die Büsche zu schlagen und rund 500 alte Steinstufen zu erklimmen: einen alten Schmugglerpfad hinauf auf eine Erhebung am Ende der Landzunge PALM BEACH, auf der in unvergleichlich majästetischer Pracht ein Leuchtturm thront. Der Weg dort hinauf kostet mich eine Stunde und meine letzten Kräfte. Japsend, röchelnd, nach Luft ringend bin ich dann allein mit mir, dem lightfire und einem Rundumblick über Fjorde und den blauen Pazifik, dass es mir vor Begeisterung gleich nochmals den Atem verschlägt! Wahre Glückshormone weichen der Anstrengung, und ich klebe an diesem Ort, als ob es keinen schöneren gäbe …

Der Weg hinunter war nicht minder anstrengend. Den Bus erklimmend verliere ich nahezu die Kontrolle über meine Beine. Nix wie nach Haus! Beim Umsteigen auf die U-Bahn ergattere ich noch eine Packung chinese fastfood auf dem food court at Martin Place zum halben Preis (weil kurz vor Ladenschluss), die im Nu verschlungen ist. Im Hotel falle ich um 19:00 ins Bett und in einen Tiefschlaf – wieder mal nur bis Mitternacht.

30.08.2011

Hoteltag! Ich widme mich zum ersten Mal meinem Reisebericht und wühle im Kurzzeitgedächtnis meiner  gleichsam vergänglichen wie vergesslichen Hirnwindungen.

Als Belohnung bietet die gegenüber liegenden Fischabteilung von Harris Farm Market 4 King Prawns, jede von ihnen 2 Finger dick, auf Salatbett im Brötchen, geschwängert mit roter CocktailSauce an Zitronenscheibchen, ein halbes Dutzend „Medium Sydney Rock Oysters“ und in Ermangelung eines Weißweins einen Joghurtdrink dazu, Tass Kaff, fättich. Und schon ist es 16:00 … Gleich ist es wieder dunkel.

Eine kleine Bootsfahrt lockt noch, denn Django zahlt nicht, Django hat Wochenkarte (für alle Busse, Trains und Ferrys in Sydney area) – 7 satte Tage für satte 41 $. Vor 3 Monaten hat dieses Ticket 210 $ gekostet, die neue Regierung hat’s zum Wohle der Bürger geändert, nur: wer zahlt letzten Endes die Zeche …? Dieses Ticket ist das Erste, was man sich in Sydney kaufen sollte! Am Wochenende zahlt eine komplette Familie mit 3 Kindern 2,50 $ für das gesamte Netz! Ja, ihr Großstädte Deutschlands, so macht man das!

31.08.2011

Ferry-Hopping heute! Unter Ausnutzung nahezu aller Möglichkeiten mach ich mir das Fährnetz der Stadt Sydney zu eigen. Vorbei ziehen alle Linien an zig tausenden von Häusern, Villen und Wohnblocks, die unmittelbar oder in 2. Und 3. Reihe an den unzähligen Buchten und Fjorden Sydneys thronen. Ein unbeschreiblich schöner Lebensraum! Das hat mich vor Jahren schon so sehr beeindruckt. Hätte ich das Alter meiner Kinder, ich würde alles daran setzen, hier leben und arbeiten zu dürfen …! Von WATSON BAY bis rüber zu COCKATOO ISLAND sowie BONDI BEACH – dieses Mal bei Tageslicht – gras ich alles ab.

Ein netter Plausch in englischer, deutscher und französischer Sprache mit einem jungen Paar französischer Herkunft verkürzt die Fahrtzeit. Beide leben und arbeiten auf New Caledonia (musste ich auch erst mal googeln) und haben pro Nase und 3StdFlug dasselbe bezahlt wie ich von Deutschland …

Meine Kreuzfahrt beende ich 9 Stunden später am St. Martins Place, wo ich wie ein hungriger Wolf über eine Pappschachtel Chicken ChinaFood herfalle. Schnell ins Hotel packen und schnarchen. Morgen um 06:00 geht es mit dem Greyhound Bus  knapp 6 Stunden nach …

PORT MACQUARIE

01.09.2011

Es ist 22:00 und ich weiß nicht, ob ich diesen ereignisreichen Tag noch vollständig rekapitulieren kann. Er begann natürlich mit dem Aufstehen, was nicht schwer fiel, weil ich eh die halbe Nacht halb sitzend, halb liegend den Wecker beobachtet habe. Er fand dann um 05:00  meine geschätzte Zustimmung, als er – wie programmiert – mit Musik (Gary Moore’s „Evenin’“) mich in den vollen Wachzustand rief.

Nach einem selbst gebrauten Hotelzimmerkaffee umrunde ich mit Rucksack und Rollkoffer vor Kings Cross ein paar kurz berockte Bordsteinschwalben, die schon etwas „abgearbeitet“ an ihrer Fluppe lutschen und fahre mit dem spärlich besetzten Zug drei Stationen Richtung CENTRAL.

Hier ordnet an der Greyhound-Bushaltestelle bereits eine völlig übermüdete Frau um die 50 ihre Utensilien, als da wären: Schlafsack, Fahrrad, 4 kleine, eine große Packtasche, Wasserrucksack auf dem Rücken, Kompass, Kartenmaterial, Helm. Aus Tasmanien sei sie. Und seit 5 Monaten auf Achse quer durch Australien, 4.400 km auf dem Tacho. Ich staune nicht schlecht. Der Busfahrer nimmt sie schließlich nicht mit, weil sie nicht gebucht hat und über nichts Bares verfügt. Ganze 5 Passagiere zählt der Fahrer, die sich ihm um 07:00 anvertrauen. Bis auf einen steigen nach knapp 6 Stunden sonniger Fahrt gen Norden allesamt mit mir in PORT MACQUARIE aus. Lauter deutsche Backpacker-Mädels, keine älter als 22 – bis auf mich …

Der Lokalbus 322 bringt mich zum gewünschten Endziel und zeigt mir auf den letzten Kilometern, dass ich instinktiv wie auch wohl recherchiert eine gute Wahl getroffen habe: der Pacific Drive führt unmittelbar an Küste, Strand und Buchten vorbei und gewährt zur Linken einen fast uneingeschränkten Blick auf das blaue Meer. Kein Haus, kein Beton, bestenfalls ein paar Felsen und Bäume im Sichtfeld. Zur Rechten dann mein Appartement Hotel – wie viele andere auch …

Sie hat mich nicht einmal kommen sehen, nur die Rollen meines Koffers gehört, da ruft Neiroli aus ihrem Fliegengitterverhau „Wuulfgääääng!?!?!“ Ich schiebe die Käfigtür zur Seite, sehe eine Blonde mittleren Alters und Gewichts inmitten ihres Papierkrams hocken und frage sie, und ob sie schon lange auf mich wartet und ob sie nix anderes zu tun hätte, und wenn ja, wo der rote Teppich bitte bleibt.  Mit demselben Ernst räumt sie ein, dass die Zeit für den Teppich nicht gereicht hätte, sie aber schon mal Teewasser aufgesetzt hätte …

In diesem Stil ging es weiter: meine Kreditkarte hätte sie gern. „Hab keine!“ entgegne ich, und überhaupt, ist das ein Hotel hier oder ein Krankenhaus? Sie: könnte schnell eins für mich werden, wenn ich so weiter mache … Unschlagbare Schlagfertigkeit! Wir lachen uns kaputt!

Nun muss man an dieser Stelle sagen: es gab ein Vorspiel im Rahmen zweier eMails bezüglich der Zimmerofferte. Hier wurde bereits ein gewisser Grundstein zum“ gegenseitigen Schlagabtausch“ gelegt. Es kam aber noch schlimmer …

Wie es denn wäre, mit einem Glas Wein heute Abend, if you like? Nix dagegen. Als ich mich nach dem Auspacken auf die Pirsch an den Strand mache und mich an ihrem Büro vorbeischleiche, widerruft sie die Einladung, weil, heute sei Single-Treff. Hätte sie ganz vergessen. Ach, da komme ich doch einfach mit, denke ich nicht nur, sondern sage es auch.

Lange Rede, kurzer Sinn, sie schleppt mich mit in das „Blue Water“ um die Ecke. Gut gegessen, gut getrunken, bla bla nur schwer und radebrechend, weil slang ich nix gut verstehen.

Und ehe ich mich versehe, hat Neiroli die Zeche bezahlt und lädt mich zu Hause auch noch auf einen Tee ein. Muttern, der ich bereits im office vorgestellt wurde, schwach aber wach, sitzt im Bademantel vor einem TV-Bildschirm, wie ich ihn in seiner Dimension bisher nur aus Übertragungen von Massenveranstaltungen in Stadien und von Rockkonzerten her kenne. Wir halten small talk, schlürfen Zimttee und lassen den Tag ausklingen.

Oh, what a day …!!!

02.09.2011

Die ganze Nacht hat es geschüttet. Dementsprechend kühl ist es heute. Bislang konnte ich über das Wetter nicht klagen, denn abgesehen vom tagtäglichen KOSTÜM-Ball zur  rush hour – ich habe mich ja bereits hinlänglich darüber ausgelassen – zeigt das Strassenbild alles an Outfit, was der Kleiderschrank herzugeben imstande ist: vom Muskelshirt und Shorts bis hin zum Wintermantel mit Wollschal. Temperament wie Temperaturempfinden sind so bunt wie die Stadt selbst. Letztendlich hängt es wie im Leben davon ab, auf welcher Seite des Blocks Du gerade stehst – sunny side or opposite …

Dass ich online bin in meinem neuen Etablissement, ist  einem weiteren, erwähnenswerten Sypathieanfall Neroli’s zu verdanken. Empört über die exorbitanten Gebühren gem. Preisliste sowie einem entsprechenden Winseln meinerseits schaltet sie mich unlimitiert frei für die gesamte Aufenthalsdauer, ohne nur einen Cent dafür zu berechnen. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Glattweg 110 $ gespart! Wo ist der Haken, wann kommt der Hammer?

Nach einem Bad im beheizten Pool wie in unerwarteter Sonnenflut rüste ich mich für einen Marsch ins 4 km entfernte Centrum. Als von Natur her lauffauler Gelegenheitsspaziergänger erlebe ich Unglaubliches: der boardwalk neben dem Pacific Drive, ausgebaut als reiner, 17 km langer Fußgängerweg vorbei an unzähligen Buchten, Stränden und Felsformationen bereitet mit seinem abwechslungsreichen aber stets präsenten Blick auf den endlosen Pazifik eine euphorische Freude begangen zu werden. Nur wenige Menschen begegnen mir, grüßen freundlich, die Sonne scheint, das Meer schlägt rauschend seine Wellen an Land, unsichtbare Vögel geben in den schattenspendenden Bäumen am Wegesrand lauthals ungewohnte Laute von sich, und ich bin erfüllt von dem Einklang mit diesem unbeschreiblichen Szenario, dass ich mir wünsche, der Weg würde nie ein Ende haben und ich würde treffendere Worte finden, all das in mir und um mich zum Ausdruck bringen zu können.

Ein Lehrer geht mit seiner Klasse zum Surfen und erklärt mir auf Befragen, dass dies ein integraler Bestandteil des Sportunterrichtes sei, um den zahlreichen Surfunfällen entgegenzuwirken, die Sicherheit und Techniken der kids in Krisensituationen auf Wasser und Brett zu festigen und somit das Selbstvertrauen zu stärken. Ich hab nur ein überzeugendes „Coooooooooooool!“ entgegnen können …

Eine Mutter mit einer kleinen Tochter frage ich nach der Bedeutung einer interessant bemalten Steinreihe, und es ergibt sich ein einstündiges Gespräch über Land und Leute … Fast jeder, den Du nach dem Weg fragst, möchte Dich am liebsten begleiten, um sicherzustellen, dass Du auch ankommst … Diese Hilfsbereitschaft, diese Freundlichkeit ist einfach überwältigend!

An der Fleischtheke eines IGA-Supermarktes lange ich kräftig zu. An einem der zwei Gas betriebenen Gästegrills im Hotelbereich befülle ich nach der Busheimfahrt die stationäre Grillwanne mit einem halben Liter Öl und 12 Texasklopsen: WolfieBurger steht auf der Hauskarte, die wir im Kreise meiner liebgewonnen „Gastfamilie“ mit einem herrlichen Shiraz herunterspülen. Neroli hat viel zu tun, Ferienzeit beginnt, das Haus ist ausgebucht.

Das Haus besteht aus ca.50 Appartements, allesamt im Besitz einzelner Investoren. Ein Besitzer davon ist Neroli. Nach Scheidung und Beendigung einer Bank- wie Maklerkarriere hat sie seit knapp zwei Jahren als Managerin die Aufgabe übernommen, die Appartements gewinnbringend zu vermieten. Ein 24-Stunden-job, für den sie aber mit ihrer Vorerfahrung wie geboren ist. Alister von gestern ist da, Mum und eine Cousine. Und der Gesprächsstoff geht nicht aus. Mum mit ihren 72 Jahren hat bereits 56 Kreuzfahrten hinter sich und ist nicht müde, die nächste zu planen – allein! Respekt!

03.09.2011

Ein Pelikan setzt gleitend auf dem Wasser auf, die Sonne trotzt kraftvoll den Wolken, Gitarrenklänge untermalen das friedliche Szenario, ich leere mein Glas Bier in einem Zug. Es ist Samstag, diese beliebte WasserrattenRegion bevölkert sich zunehmend mit weekend guests. Alles easy going! Wie in einem Zeitlupenfilm laufen alle Unternehmungen ab – ein heftiger Kontrast zum Herzschlag Sydneys!

Um die Mittagszeit nahm ich meinen fast einsamen Küstenweg Richtung down town. Ich kann mich nicht errinnern, in meinem Leben jemals mit einer solchen Freude und puren Lust am Laufen eine Strecke zu begehen, die mir heute körperlich zugegebenermaßen schon einiges  abverlangt. In der Tat ergreifen mich euphorische Schübe beim Anblick des wechselnden Wellenspiels des aufgewühlten Ozeans, das mich 5 km zur rechten Hand begleitet. Nahezu jeder, dem ich begegne, verliert ein lächelndes „hello“ oder „Goodday!“, und dieser ehrliche Frohsinn steckt Dich einfach nur an …

Am Wegesrand öffnet sich mir ein kleiner Trampelpfad Richtung Kliff, und nach 30 Metern finde ich mich wieder auf einer mit Büschen gesäumten, erhöhten Naturplatform, die einen atemberaubenden Pazifikrundumblick zuläßt. Die Brandug tost in die unter mir liegenden Felsen, eine leichte, laue Brise trägt salzgeschwängerte Luft heran. Wie ein Maikäfer vor seinem Start pumpe ich alles in mich hinein und bekomme Gänsehaut – ein idealer Ort für QuiGong …

In der Stadt ist geruhsames shopping angesagt. An einem der unzähligen, internationalen Futternäpfen und FastFoodStänden ergattere ich zwei Sushirollen, die hier Bananendicke haben und eine Handbreite lang sind, wähle eine der reichlich verfügbaren Bänke mit Pazifikblick und komme ins Gespräch mit einer netten, langhaarigen Schönheit mit großer Sonnenbrille, großem Mund und strahlend weissen Zähnen, die sich kontrastreich vom dunklen Teint ihres hübschen Gesichts mit indianischen Zügen abheben – könnte die Tochter von Whoopi Goldberg sein, denke ich für mich. Sie ist auf der Fahrt durch ihr Land, kennt Freiburg und Nürnberg und ist auf der Suche nach einem neuen Nest – irgendwo, genaueres weiss sie noch nicht. Sorglos, keine Beschwerden über zuwenig Geld, bescheiden und voller Zuversicht in ihre Zukunft verläßt sie nach einer Stunde unsere Bank und verschwindet auf dem Palmen gesäumten costal way Richtung Nirwana. Meine besten Wünsche begleiten sie …

Ich finde den drugstore wieder, in dem ich gestern meine gekaufte Sonnencreme an der Kasse habe liegen lassen, weil das Zählen des Wechselgeldes mich schier überfordert hat 😉 Karrie greift neben die Kasse und überreicht mir das zurückgelegte Päckchen mit Kassenbon. Ich komme nicht von ihr los, weil sie sich einfach die Zeit nimmt, mit mir eine dreiviertel Stunde über ihr Land, ihre Leute und meine Eindrücke zu plauschen.

Im Strandhotel ist lifemusic. Wilde Gitarrenklänge locken mich an. Schnell ist mein Krug (JUG) geleert: ein JUG = 1.140 Liter = zero effect. Ich komme ins Gespräch mit dem jungen, wilden Gitarristen, der die Gitarre selbst während des Spielen als Percussion gebraucht und wahnsinnig rhythmische wie bluesnahe Melodien hervorzaubert. Dünnes aber begeistertes Publikum zollt frenetisch klaschend gebührenden Tribut, ich kaufe eine CD  von BLAKE und verspreche, seinen bescheidenen aber eindruckvollen Auftritt morgen wieder zu besuchen.

Ich mache mich auf den Rückweg. Ein Pelikan setzt gleitend auf dem Wasser auf, die Sonne trotzt kraftvoll den Wolken … Alles ist Harmonie, alles ist Eins. OOOOOhhmmmmmmm 🙂

Nach meiner Rückkehr fängt mich Neroli ab, drückt mir ein Glas Wein in die Hand, drückt mich neben Mum freundlich aufs Sofa und verdrückt sich selbst in die offene Küche, um Fishcakes zuzubereiten. Nach dem Rezept befragt sagt sie, dies sei ein großes Geheimnis, von Genation an Generation weitergereicht und immer bewahrt geblieben. Sie könne es mir unmöglich verraten … Es ist ihr typischer Humor, der am Tag mindestens 100 mal Gelegenheit bietet, uns gemeinsam totzulachen. In Wirklichkeit sind es nix anderes als Klopse, deren Masse aus gemixtem Kartoffelpürree und geschrettertem Lachs besteht.
Leider lecker!

04.09.2011

The same procedure as every day: Landgang downtown. Gleich an der ersten Bucht begegne ich Jimmy. Jimmy ist professioneller Whale Watcher. Mit Fernrohr bestücktem Stativ nimmt er Position ein und lässt seine Blicke über den Pacific streifen. Bei optischem Walkontakt gibt er per Handy die Koordinaten an das ebenso suchende Whale Watching Boat durch, und die erwartungsvollen Passagiere an Bord kommen somit schneller zu dem Punkt, von dem aus sie ihre Riesen des Meeres bewundern können. Jimmy drückt mir einen Flyer in Hand und gewährt mir einen langen Blick durch das Binocular.
Es hat bislang mich nicht unbedingt besonders interessiert, die Tierchen in freier Wildbahn zu bestaunen. Aber nun bekomme ich doch Gänsehaut und schreie vor Bewunderung, als ein paar Exemplare in Jimmys Glas Fontänen in den Himmel schiessen, ihre immensen Rücken zeigen und auf einem bestimmten Fleck im endlosen Ozean ihre scheinbar infantilen Spielchen treiben. Jimmy hat mich überzeugt: ich muss aufs Boot!

Ein paar hundert Meter weiter finde ich meinen versteckten, meerumspülten QuiGongPlatz wieder, absolviere meine Elemente und trotte den Buschpfad zurück auf die KüstenPiste. Da hockt ein junges, chinesisches Ehepaar mit einer kleinen Tochter am Rastplatz und lächelt mich an. Ob ich meine TaiChi Übungen gemacht hätte … Und es stellt sich schnell heraus, dass Beide in diesem Thema Spezialisten sind. Er, Arzt am Orte seit 7 Jahren, erklärt mir Dinge über ChiGong und TaiChi, die ich noch in dieser Sichtweise und Kenntis gehört habe, sie steht auf und macht ein paar graziöse Bewegungen, die so geschmeidig und fliessend herüberkommen, dass ich vor Begeisterung eine leichte Gänsehaut bekomme.

Auf dem weiteren Weg kommen Menschen mir entgegen, und kaum einer versäumt es, freundlich zu grüßen: „Hi!“, „How are you doin?“, „Good day!“, „Have a lovely day!“, und ein Muskelshirt gedresster Athlenkörper mit einem fettfreien Körpervolumen, das einem Angst machen kann, treibt es schließlich auf die Spitze: “ Hello, young man!“ Ich drehe mich um, ob einer hinter mir ist, aber ich bin allein auf weiter Flur … 🙂

Im Städtchen wie im großzügigen Hafenbereich ist Hochbetrieb: Father’s Day! Zwei warme Spinatrollen verdrücke ich auf meiner Lieblingsbank und komme mit Chris aus Sydney ins Gespräch, der auch an etwas Ungesundem herumschmatzt. „This is the cheapest drink in town!“ ruft er einer Frau zu, die an einer Water Bubble Station ihre Flasche auffüllt, läßt lautlos einen Furz von sich, nicht ein Tönchen ist zu hören, aber die Bank bebt bis hinunter in ihre beiden Bodenverankerungen. Dennoch: er gibt mir bereitwillig wertvolle Tips für weitere Exkursionen, und wir blinzeln die nächste Stunde schweigend – oben wie unten – in die gleissende Sonne. Kerry läuft vorüber, grüßt mit strahlendem Lächeln, und Chris wundert sich, woher ich als short-term-Tourist Leute aus dem Ort kenne.

Im Rockhotel zupft Blake wieder auf seiner Gitarre herum und begrüßt mich freundlich mit vollem Namen, den ich ihm gestern nicht verraten hatte. Lösung: ich fand ihn nach unserer gestrigen Begegnung auf facebook, hinterließ ein paar Zeilen, und er sah sich meine Seite an, der er alle Informationen entnahm.

Um 15:00 ist Lokalwechsel. Hier gönnt sich Blake eine Pause, und als ich an seinen Tisch trete, stellte er mich seiner hübschen Freundin aus Seattle sowie seinen ausserordentlich freundlichen und bereits über mich informierten Eltern vor.
Auf dem Heimweg treffe ich Kerry ein drittes Mal für heute. „Zu Hause“ werde ich schon erwartet – mit Bier, Roast (Lamm aus der Röhre), süssen Kartoffeln, Brokkoli, Erbsen, Karotten und Kürbisbeilage. Zum Nachtisch Applepie mit Eiscreme und Sahne. Nach dieser Mastkur, wenn sie so ihren weiteren Verlauf nehmen sollte, wird mich Neroli unmittelbar vor Abreise schlachten können. Ich hätte sie durchschaut, entgegnet sie grinsend. Michael, ein alter Freund und Mann, isst mit uns, hasst Brokkoli, liebt Scotch mit Milch (wie bitte!?!???!?) und erzählt mit gleichsam traurigen wie übermüdeten Hundeaugen, wie er vor drei Jahren Frau und Tochter verloren hat. Schnaufend wegen einer übergewichtigen Bauchmasse und einem gehörigen Konditionsdefizit zieht er sich bald in sein Seniorenheim zurück – wie auch ich – völlig groggy von diesem bunten Tag …

05.09.2011

Whalewatching. 10:30 legt  bei strahlendem Sonnenschein mit ca. 25 weiteren „BoatPeople“ das Schiff ab. Kaum die Flußmündung verlassen, drehen die 680 (!!!!!!!!!!!) PS des Catamarans bemerkenswert dezent heulend auf und drücken alle Passagiere in ihre Sitze – die noch stehenden reißt es zu Boden. Schon bald werden auf offener See die beiden Maschinen auf stand by gelegt, und man lauert, denn das Hydrophone (Unterwassermikrofon) verspricht einiges …

Meine Haare stehen zu Berge, als 4 Riesenexemplare mit einem Babywal an ihrer Seite in unmittelbarer Nähe unseres Bootes ihre Bahn ziehen, zischend und prustend ihre Fontänen gen Himmel schießen und nach erneuter Sauerstoffbefüllung ihren Muschel bewachsenen Rücken krümmen, um behäbig wieder in die Tiefen des azurblauen Pazifiks zu tauchen – wie zum Abschiedsgruß letztendlich die weisse Unterseite ihrer riesigen Schwanzflosse steil in die Luft ragend … Welch beeindruckende Schöpfungen! Welch Verbrechen japanischer Walfänger, diese Tiere unter dem lächlichen Vorwand, sie zu Forschungszwecken jagen und töten zu müssen …! Shame on you!

Nach einem knapp zweistündigen Wellenritt plagt mich der Hunger. Es soll mich aber einiges mehr plagen:
Mike’s Seafood frohlockt mit Fish & Ships. Ich verdrücke eine Riesenportion auf meiner Hafenbank, und es dauert nicht lang, bis mir kotzübel wird. Ohne Mike’s Fisch mir wieder durch den Kopf gehen zu lassen, schaffe ich es nach Hause und falle erschöpft und komplett grün im Gesicht ins Bett. Von insidern höre ich später: Mikes’s Fish ist Scheiße, oder vielmehr sein Öl …! Wem sagen sie das ?!?!?

06.09.2011

Noch morgens um 7:30  dachte ich, es wird ein ruhiger Tag … Um 8:00 ging das Telefon: „Pancake Breakfast. Please come down!“ Geschmacksneutrale Pfannkuchen – weil das australische Mehl nicht viel hergibt (ich erinnere mich an den deutschen Bäcker in Sydney, der es 2  Jahre lang vergeblich versucht hat, mit localen Indigrenzien ein deutsches Brot herzustellen) – mit Früchten und fetter Sahne, Kaffee, und tschüss. Neroli muss in die Stadt, was regeln. Ich begleite sie mit ihrer Mutter.

Wir haben einen Kaffe zusammen, und Neroli nimmt sich Zeit für eine kleine sightseeing tour: at Lighthousebeach verschlägt es mir wirklich den Atem, denn den Ausblick von hier auf den Pazifik kann ich wirklich nicht beschreiben. Es ist einfach der Hammer und wohl kaum zu toppen! Ich lasse lieber Bilder sprechen …

Mittags ein Brötchen mit Ei und Barbeque Sauce. Anstatt ein Bad im Pool, fische ich mit einem Catcher (Scoobi) Palmenblätter aus dem Pool und befreife mit einem Besen die Liegplatz-Area um den Pool von demselben Unrat. Zum Kaffee gibt es einen Carot Cake und Steak satt vom Hotelgrill for dinner: Beef & Cangoruh – unbeschreiblich in Geschmack, Größe und Preis!

Blake lud mich ein über Facebook, heute Abend ins THE PIER zu kommen. Neroli macht den Fahrer, und ich freue mich riesig, ihn und seine amerikanische Freundin Michelle wiederzusehen. Blake stellt mich am Mikrofon dem gesamten Publikum als new german friend vor, greift in die Saiten und spielt meinen Wunschtitel „Dirty Dog“. Frenetischer Applaus! Es wird ein großartiger Abend, in dessen Verlauf ich mit weiteren 5 Gitarristen Bekanntschaft schließe, einer davon mit einer ungemein ruhigen, konzentrierten Art zu singen, zu spielen und das Publikum für sich zu gewinnen. Seine Stimme ist der von Phil Collins zum Verwechseln ähnlich.

Oh, what a day!!!!!

07.08.2011

Schon früh mache ich mich nach einem Käffchen mit Neroli auf den Weg entlang Costal Walk nach Lighthouse, wo mich gestern das Gefühl übermannte, am allerletzten Punkt der Erde zu sein … Ich passiere viele Strände, die, weil kaum bevölkert, mit ihrer Breite und ihrem Reichtum an Abwechslung im Landschaftsbild mich immer wieder auf die nächsten 100 Meter neugierig machen. Und es dauert nicht lange, da wähle ich zu meinem späteren Bedauern einen (offiziellen!) Alternativweg, der mich unmittelbar in eine bizarre Felsenformation führt, die mir nahezu bergsteigerische Fähigkeiten abverlangt.

Riesige, scharfkantige Felsenerosionen umschiffe und überwinde ich – selbst staunend, woher ich diese Kräfte nehme. Ein Irrsinn, denke ich für mich nach Luft schnappend: wenn mir hier etwas passieren sollte, kein Hahn würde nach mir krähen, kein Schwein nach mir pfeifen … Lost in Space!!! Ich erreiche einen Punkt, den jeder kennt und in seinem Leben mindestens ein Mal erlebt hat: soll ich umkehren, oder weitermachen? Mir fällt das wichtigste Utensil, was Du hier brauchst, meine Wasserflasche, in eine Felsenschlucht. Should I stay or should I go!?!?! Es kostet mich eine halbe Stunde, sie rauszufischen. Meine Kräfte sind am Ende, ich merke, wie damit die Sicherheit schwindet. Die Behäbigkeit und Wackeligkeit eines alten Tattergreises nimmt von mir Besitz, und ich werde in meinen Schritten und Klimmzügen immer unsicherer. Die Brandung bricht sich linker Hand tosend in der von mir zu überwindenden Basalt(?)landschaft, zur Rechten grün bewachsene, steil aufsteigende Cliffs. Ich beschliesse, die Felsenlandschaft zu verlassen und eine bewachsene Schräge zu erklimmen, um auf den einfacheren Costal Walk zu gelangen und unterliege einem fatalen Irrtum hinsichtlich Schwierigkeitsgrad und Richtung …

Sehr bald hänge ich im Gras bewachsener Felsen mit einem Anstieg, der mich zitternd auf Bauch und alle Viere zwingt, greife unsicher nach Grasbüscheln und Zweigen, rutsche und vergeude ein paar Meter, fang mich wieder und hoffe, der Boden gibt nicht wieder nach – unter mir in wahnwitzig steilem Winkel die Felsen, die ich verlassen habe, über mir nur noch zwei Meter, die für mich schier unerreichbar sind. Ich weiss nicht wie, aber ohne die vielen, vielen Konditions aufbauenden Kilometer, die ich in den vergangenen Tagen gelaufen bin, hätte ich nie und nimmer die Kraft gehabt, diese anstrengende Akrobatik über die Bühne zu bringen und das Plateau schliesslich zu erreichen.

Allen guten Geistern und Engeln dankend ringe ich noch auf dem Bauch liegend im sicheren, horizontalen Gras nach Luft. Mir wird schwindelig, als mein Blick tief unten zwischen Gischt umgebenen Felsen  den Punkt findet, an dem dieser fatale Aufstieg seinen gefährlichen Anfang nahm. Ellenbogen, Finger und Knie dreckig blutend soll die Panik aber noch kein Ende nehmen. Vor mir aufgebaut in unübersichtlicher Weite und Breite ein niedriger und (aus)wegloser, subtropischer Busch … Nur ein paar Stimmen hin und wieder deuten mein ungefähres Ziel an. Ich weiss aber nicht, ob ich mich auf einer Insel befinde oder auf dem Festland. Dieses feindliche Gestrüpp lässt mich grad einmal 5 Meter blicken. Zum ersten Mal wird mir der Sinn einer Machete bewußt. Schlanke Lianen, Dornen bewachsene, tote wie blühende Büsche nehmen fast jede Möglichkeit des Vorankommens. Mein Lacoste Poloshirt – wie passend hier, einfach schick! – wird maschenweise attakiert, Beine und Arme mit blutenden Tattoos übersät. Hinzu kommt die Angst vor Schlangen und kleiner Leguane, die sich hier zahlreich tummeln aber selten gezeigt haben … Lost in space, part II, denke ich.

Die Zivilisation in Form des Wanderweges erreichend, bin ich ein zweites Mal für heute froh, es geschafft zu haben. Ich erreiche MINERS BEACH, einen FKK Strand, der sich eher als gayStrand erweist. Ist mir egal, ich entledige mich all meiner Klamotten und nehme mein erstes PazifikBad zur Blutstillung meiner zahlreichen Risse und Schürfungen.

Nach insgesamt 5 Stunden und 9 Kilometern Busch-, Berg- und Felsenpfaden erreiche ich LIGHTHOUSE. Die Fontänen von 3 Walen weit draussen auf dem unendlich blauen Meer sind weitaus interessanter als die Hochzeit in der Brise des Pazifiks, deren zufälliger Zeuge ich am Leuchtturm werde.

Zurück nehme ich den Bus 322, gehe abends mit Neroli um die Ecke in einem SeafoodLokal ein paar australische Austern schlürfen,  in dem zufällig die Hochzeitsfeier des „bekannten“ Paares stattfindet und falle gegen 11:00 erschöpft ins Bett.

Oh, what a day!!!

08.09.2001

Ich nehme Abschied von meinem QuiGong HotSpot, meinem versteckten Felsen in der Brandung.

Zwei Stunden sitze ich auf meinem Lieblingsstein und beobachte das unendliche Spiel der Brandung. Die Sonne steht auf Full Power, und ihre Hitzestrahlen erfahren durch die bekannte wie stete Pazifikbrise eine angenehme Kühlung. Ein Weißkopfadler zieht seine Bahn mit einem Beutetier in seinen Krallen, vermutlich nach einem Speiseplatz suchend.

Im Aufstehen greife ich nach meiner Tasche, werfe einen Abschied nehmenden letzten Blick aufs Meer und werde überrascht und beschenkt mit einem Delphin-Pärchen, das parallel zur Küstenlinie, in unmittelbarer Nähe zum felsigen Ufer gemächlich dahincrouist. Ihre Rückenflossen zerschneiden beim Auftauchen das Wasser, sie lassen sich nur kurz blicken, um bald wieder im azurblauen Wasser zu verschwinden. 20 Sekunden später sind weitere 100 Meter gewonnen und stolz präsentieren Flipper & Flipper’s Friend wieder ihre Finnen. Ein schöneres „Auf Wiedersehen“ hätte mir mein Pazifik nicht sagen können …!

Nicht gänzlich frei von Abschiedsschmerz fange ich an, in meinem riesigen 70qm Appartement meine Piselotten zusammenzusuchen und zu verstauen.

Ich erinnere mich an eine kleine Weisheit von Neroli, die schon zu Anfang meines Aufenthaltes wohl aus Erfahrung sprach: „There are people you meet for reason, for season and for lifetime …“ was etwa heisst: in Deinem Leben triffts Du auf Menschen, denen Du nur für einen Moment begegnest, anderen, denen Du für eine bemessene Zeit begegnest und diese mit ihnen teilst. Ganz Anderen begegnest Du, um ein Leben lang mit ihnen verbunden zu sein …!

Der Abend wird ganz schön bunt: ich hau mir eine paar KänguruSteaks in die Pfanne, lösche ’ne Flasche Wein und lass mich von Neroli ins THE PIER fahren, wo mich Blake und Michelle mit Eltern freudig empfangen. Live Music ist angesagt, Gitarre, Piano, Sax & Drums, der Wein fliesst und nach einer Stundse kommt Neroli mit ihrem Geschäftsdate nach, two nice guys für Hotelmöbel, und wir geben uns die Kante. Blakes Mutter verrät mir, dass sie 10 Kinder –  Blake an 4. Stelle – zur Welt gebrach hat, und angesichts ihres erfrischenden Lächelns umrahmt mit weissem, kurz geschnittenen Haar ist ihr dies nur schwer zu glauben. Die Band geht unter die Haut, der Wein in die Birne, alle Ober und Gäste sind über alle Massen freundlich. Für immer könnte ich hier bleiben …

09.09.2011

All my bag is packed, I’m ready to go, I’m standing here beside the door, oh babe I hate to go … Ich weiss nicht, wer dies so voller Empathie gesungen hat. Neroli chauffiert mich zur Busstation. Never say good bye, just „See you …!“

Eine halbe Stunde Bus, 7 Stunden Bahn, 3 einhalb Stunden Bus. I’ts a long way to CANBERRA

Die Bahnfahrt von Anfang bis Ende verregnet, dennoch zieht eine Landschaft an mir vorbei, die selbst bei Regen ihren wundervollen Reiz hat. Nicht so reizend finde ich den Cowboyhut auf dem Sitz vor mir, völlig speckig und abgeggriffen, die  Krempe seitliche links und rechts hochgeklappt, langes fettiges Nackenhaar und eine Stimme, 100 Oktaven unter meiner – verraucht, verrucht, schnarrend. Nach geraumer Zeit gibt sich der hard core Raucher zu erkennen, als er – wie an jeder dieser unendlich vielen Milchkannen, an denen der Zug anhält – zum Paffen auf den Bahnsteig springt. Er dreht sich im Aufstehen herum, und es verschlägt mir schier den Atem, als ich mit wohl weit aufgerissenen Augen seine Vorderseite bewundern darf: ungepfleger Oberlippenbart mit ZuhälterEnden, die steil und lang an den Mundwinkeln herab fielen, Zähne, bei denen ich mich fragte „Gibt es die auch in weiss!?“, eine Sonnenbrille, die wie eine Schwimmbrille eines Wettkamfschwimmers eng anliegend nichts von seinen mit Sicherheit brutalen Augen preisgibt, das ganze gekrönt mit einem  das zerfurchte Gesicht komplett bedeckenden Tattoo nach Aborigine Art.

Eine Begegnung mit ihm nachts in einem Tunnel hätte mich gelähmt. Dieses Kunstwerk, diese Mischung aus Kreativität und Brutalität war abstossend und faszinierend zugleich. Zugern hätte ich ein Foto von ihm gemacht, aber in diesem Fall wäre wohl  mein Leben auf dem Spiel gewesen …

Paul klopft mir auf die Schulter, als ich vor der weit geöffneten Busklappe meinen Koffer unter vielen herausklaube.

10.09.2011

Beate kredenzt ein fulminantes Frühstück, Paul ist zur ViolinenProbe. Beide unternehmen später eine sightseeingTour mit mir. Wir befahren ausnahmslos großzügig angelegte Straßen, fahren vorbei an Kriegsdenkmälern, unter anderem an einem zu Ehren der im VietnamKrieg gefallenen 590 gefallenen australischen Kämpfer (bis dahin wusste ich nicht, dass Australien im Vietnamkrieg verwickelt war).

Die zwei australischen Wappentiere werden mir vorgestellt: Känguru und Emu (Strauß) – beide bezeichnenderweise Tiere, die nicht rückwärts laufen können – sagt Beate. Und die man essen kann – sage ich 😉

Zum  Schluss besichtigen wir das Parlament von aussen und innen (!).  Als Verteter der Opposition halte ich meine wohl vorbereitete Rede gegen die beantragte Erhöhung der Abschußquote für Kängurus. Gegen meine Argumentation aber wird von der gegenüber sitzenden Partei  ein striktes Veto eingelegt – vermutlich, weil ich  am falschen Platz den besonders guten Geschmack von KänguruFleisch lobend erwähnt habe -, und ich erhalte nach meinem Rausschmiss Hausverbot auf Lebenszeit. 😉 😉

Nach Präsentation Paul’s beneidenswerter Kollektion an Gitarren ist schon wieder DinnerTime. Es soll ein formidables GalaDinner werden in Gesellschaft honoriger und verdienter Gäste aus der lokalen Wirtschaft (nicht Kneipe!), von denen einige mit einem Award ausgezeichnet werden. Beate legt Robe und Putz auf, was sie zur attraktivsten Frau des Abends werden lässt. Paul kann seinen Stolz auf sie kaum verbergen – zu recht!

Ich sitze an einem Tisch mit 10 Plätzen, und nach zwei, drei Glas Wein singt mir meine Nachbarin zur Rechten – perfekt in Text und Intonisierung – „Ein Männlein steht im Walde“ leise ins Ohr, während der Redner hinter dem Mikrofon mit den Worten seiner Laudatio ringt. Susann spricht Deutsch, Französisch und Mundart perfektes Österreichisch, setzt unaufgefordert noch einen drauf mit: „Hanschen klain, ging allain …!“, beendet ihre Gesangsprobe mit einem waschechten Jodler und wir lachen uns kaputt.

Der Wein ist hervorragend, die LiveLoungeMusik untermalt die angeregten Konversationen an den 12 Tischen, und die Küche übertrifft sich selbst – mit grossem Abstand das Beste, was in Australien je meine organoleptischen Sinne entzückte!!! Elegant sufficiency (übersetzt etwa: „ich habe genug gegessen!“).

Zum Schluss lobt die Organisatorin nochmals Engagement aller ansässigen Unternehmer, die zweifelsfrei allesamt erkannt haben: „This is a wonderful place to work, to live and to play!“ Letzteres war eine Anspielung auf das um die Ecke liegende Casino, das meine liebenswerten Gastgeber auf dem Tagestrip ausgeklammert haben.

Oh, what day, oh what a night!!!

11.09.2011

Powerwalking vor der Haustür: Retortenbauten in Einzel- und Reihenvarianten. Hübsch, zum Teil uniform, zum Teil individuell und kreativ, im strahlenden Sonnenschein, eingebettet in friedlicher Natur mit bunten Papageien in der Luft. In den Gärten blühende Kirschbaüme – weiss und rosa.

Concerto Grosso ist heute angesagt. In Begleitung meiner elegant gekleideten, liebenswerten Gastgeberin finden wir uns um 15:00 am selben Platz ein, an dem wir gestern abend dinniert haben: Queanbeyan Performing Arts Centre, dieses Mal im Konzertsaal.

Paul sitz in zweiter Reihe in einem der 4 Violinenblöcke eines 70 Köpfe starken Orchesters. Antonín Dvořák mit Symphony No.9 in E minor, Op. 95 B 178 „From the New World“ steht an erster Stelle des fast 3stündigen Konzertes. Der 2. Satz von vieren daraus geht mir wider Erwarten unter die Haut und untermalt den Film über meine letzten 3 Wochen in diesem aussergewöhlichen Land, der in meinen Kopf vorbüberzieht. Schwermütige, einfühlsame Mollpartituren mischen sich mit Abschiedsschmerz … *schnüff*

Die Bühne wird restlos voll, als gegen Ende noch ein 80 Köpfe gemischter Chor dem Orchester Beistand leistet, der Dirigent leistet Schwerstarbeit, und ich komme aus dem Grinsen nicht mehr raus, als auf dem lauten Höhepunkt des wirren Stückes wie auf Kommando eine Fliege im Lichtkegel eines Scheiwerfers über dem Kopf des Maestrost in senkrechter Richtung auf- und abschwirrt und ihre Loopings im Takte zur Musik dreht. Die Paralle zum Akt „Loriot dirigiert die Berliner Philharmoniker“ ist überwältigend.

In der Pause lerne ich Pauls Onkel kennen sowie charming Mascha, eine Klavierlehrerin sowjetischer Herkunft mit  Sydney Opera Bühnenerfahrung und mit dem lebenslustigen Temperament einer waschechten Russin.

12.09.2011

Mein letzter Tag! Morgen ist Abflug …

National Australia Museum ist angesagt: von aussen ein kunstvolles, neu designtes Gebäude – in Farbe und Form eine phantastische Harmonie! Innen genauso beeindruckend! Inhaltlich geht es um die Entwicklungsgeschichte dieser kleinen Insel mit Exponaten der Aborigines-Kultur, mit Exponaten der englischen Herrschaft, ihrer Gerätschaften und Produkte für das tägliche Leben sowie um die anfängliche Ausbeutung, Unterdrückung und Aneignung von Land und Leuten (Ureinwohnern). Wirklich sehenswert!

Dinner beim Inder in der Fressgass von Canberra. Hervorragend und zum ersten Mal in Australien zu fairen Preisen gespeist!
Ende, Gelände! Morgen geht’s zurück in die heimatlichen Gefilde teutschen Hoheitsgebietes …

13.02.2011 / 17:30 local time

Ich habe viel  Zeit auf dem airport Sydney und stosse beim googeln im kostenfrei zugaenglichen Internet auf folgende Poesie:

FORT

Fort will ich,
vom düsteren Ort der Vergangenheit
und den lebenden Toten.

Will Wärme spüren,
und die Liebe in strahlenden Augen sehen.

Fort will ich,
aus den Klauen der Enge,
und die Luft der Freiheit atmen.

Will der Musik der Schöpfung lauschen,
die nur in der Stille erklingt.

Fort will ich,
von der Starre des ewig Gestrigen,
das alles Wachsen im Keim erstickt.

Will sprudeln vor Leben
und glücklich sein.

Sylvia Puschmann, Röslau

Fort will ich stets, gesucht habe ich es nicht, aber erleben durfte ich es  – in Australien …

Nachtrag / 14.09.2011

Beim Zoll lege ich in Frankfurt airport meinen Pass auf die Theke. Eine blonde, mit Bundesadler Drapierte wirft grimmig einen Blick drauf. „Sehe ich da Sorgenfalten auf Ihrer Stirn?“ frage ich  freundlich. „Na glauben Sie, ich sitze zu meinem Vergnügen hier?“ bekomme ich als Retoure – immerhin mit einem leichten Anflug eines Lächelns. Reicht mir, dachte ich, hab schon die Schnauze voll, wenn ich diese Miesegrimms schon vor Betreten geweihten teutschen Bodens ertragen muss. Könnte auf der Stelle wieder zurück fliegen, denke ich für mich, grabsche nach meinem Ausweis und kratze die Kurve mit letzter Bewmerkung: “ Der liebe Gott hat Ihnen ein solch schönes Lächeln geschenkt – Sie sollten öfters davon Gebrauch machen …!“ 😉

Nachtrag / 19.09.2010

‎… und ich dachte, nach den vielen Begegnungen in Australien kann nichts mehr kommen … Irrtum!
meine letzte Etappe auf dem Rückzug in heimatliche Gefilde hatte noch eine Überraschung parat: der ungeborochene King und Altmeister des teutschen Rocks neben mir auf dem Flug nach Hamburg . „Alles klar auf der Andrea Doria!?“, uns Udo …

Udo Lindenberg: "Alder, immer schöööön geschmeidig bleiben, verstehssu!?"