ERLkönig
ERLebnisse, ERLerntes, ERLesenesMaritimes
Angeblich authentischer Funkspruch zwischen Galiciern und US-Amerikanern vom 16. Oktober 1997:
Galicier: Hier spricht A-853 zu Ihnen, bitte ändern Sie Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden. Sie fahren direkt auf uns zu, Entfernung 25 nautische Meilen.
Amerikaner: Wir raten Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden.
Galicier: Negativ! Wir wiederholen: Ändern Sie Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden.
Amerikaner (eine andere Stimme): Hier spricht der Kapitän eines Schiffes der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika zu Ihnen. Ändern Sie sofort Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden, um eine Kollision zu vermeiden!
Galicier: Dies sehen wir weder als machbar noch als erforderlich an. Wir raten Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden.
Amerikaner (erregter Befehlston): Hier spricht Richard James Howard, Kommandant des Flugzeugträgers USS Lincoln von der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika. Dies ist das zweitgrößte Kriegsschiff der nordamerikanischen Flotte; uns geleiten zwei Panzerkreuzer, sechs Zerstörer, fünf Kreuzer, vier U-Boote und mehrere andere Schiffe, die uns jederzeit unterstützen können. Wir laufen in Kursrichtung Persischer Golf, um dort ein Manöver vorzubereiten. Ich rate Ihnen nicht, ich befehle Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern!!!
Galicier: Hier spricht Juan Manuel Salas Alcántara. Wir sind zwei Personen. Uns geleiten unser Hund, unser Essen, zwei Bier und ein Kanarienvogel, der gerade schläft. Wir haben die Unterstützung der Sender Cadéna Dial von La Corúna und Kanal 106 als maritimer Notruf. Wir fahren nirgendwo hin, denn wir befinden uns im Leuchtturm A-853 Finisterre an der Küste von Galicien.
Toulouse 6
21. Mai 2009: letzter Besuchstag heute, morgen gehts wieder nach Old Germany.
Mit der Metro besuchen wir den Japanischen Garten, der enttäuschend klein und vernachlässigt ist. Er hat schon mal bessere Zeiten gesehen.

Mit dem Bus gehts Richtung airport. Chr. will mir seine ausserhalb der Hallen abgestellten 380er Flieger zeigen, doch leider verfehlen wir nach schweisstreibendem Fussmarsch bei 29 Grad den entsprechenden Abschnitt … Dafür gibt es Steak mit Salat in einem der airport nahen Restaurants.
Abends haut Madame Claude uns ein paar Eier auf spanische Art in die Pfanne, und ich durchschwitze infolge des sehr späten Essens einen alptraumgeschwängerten Schlaf, der in seiner Grausamkeit von keinem meiner bisherigen Träume übertroffen werden konnte.
Am nächsten Tag begleitet mich mein Gastgeber zur Busstation, und schon bald trennen uns erst eine Glastür, ein paar Stunden später 1.000 km … Schön war’s, mein lieber Chr! 8 Tage – vergangen wie im Fluge (mit einem 380er)
Toulouse 5
In einem stark frequentierten Park widme ich mich bei strahlendem Sonnenschein meinen “Gespräche mit Gott“, das ich noch nach 79 Seiten am liebsten an die Wand schmeissen möchte, weil ich intellektuell die Dinge nicht nachzuvollziehen imstande bin oder das ganze Geschreibsel nur für einen einzigen Fake halte. Durchhalten tue ich dennoch. Ich hoffe auf Erleuchtung …
Erleuchten tun mich indes die vielen Unterbrechungen in Form von unglaublich vielen (schwarzen) Frauen jeden Alters, die anmutig ihrer Wege daherstolzieren und für mich wie der “Flair de Toulouse” oder der woher auch immer kühlende Wind in der heissen Sonne sind. Selbst die weniger Situierten sind einfach nur schön …
Nach einem Marsch über den Pont Neuf (Brücke) erreiche ich eine Endbushaltestelle, dessen Chef genau wie seine untergeordneten Fahrer keinen Übersichtsplan für mich hat. Ich solle den nächsten Bus zum Place Esquirol nehmen – er arrangiert eine Freifahrt für mich … Tres gentile (sehr freundlich)!
Eine Weile noch stehe ich neben ihm und mache bedeutungsvolle Mine (so, wie meine eben meistens ist). Dem habe ich wohl zu verdanken, dass alle 6 Busfahrer, die vor “meinem Chefkontrolleur” neben mir aus einem Shuttle aussteigen, erst ihn und dann mich respektvoll freundlich mit Handschlag begrüssen. Ich nehme an, und “mon controlleur” grinst sich eins. “Tres gentil!” sage ich, und er antwortet: “Mais vous aussi!” (Aber Sie auch!).
Nach der Freifahrt in die City erhalte ich meinen ersehnten Plan und eine 2-Tageskarte für schlappe 7 Euronen, mit der ich beliebig viele Mitfahrer einladen kann … Das erste Preiswerte, was mir in Frankreich begegnet!
Mit dem erst besten Bus verfahre ich mich gleich und lande in irgend einem falschen Aussenort (Ville de Balma), steige an der erst besten und falschen Haltestelle aus und treffe auf das erst beste Restaurant an irgend einer falschen vorortigen Nebenstrasse.
Die Kreidetafel frohlockt mit Plat de jour für 9 €: mixed grilled Schlachtplatte mit Polenta. Ich erhalte die Reste eines explodierten Hähnchens – immerhin ein ganzes Hühnerbein -, 2 verkohlte Bratwürstchen, die so grob sind, dass man sie schon als agressiv bezeichnen kann. Das Stück Schweinebauch (Hilfe, Heinz, die haben hier Bauch!!!) lass ich besser liegen: ce n’est pas gentile pour ma silhouette
!
Nach einer kleinen Stadtrundfahrt mit dem Bus retour lande ich fix und foxy zu Haus. Chr. kauft ein und bereitet einen formidablen Salat. Madame lockt uns mit einem leckeren Armagnac ins Wohnzimmer und verpasst uns noch ein paar anstrengende Französisch-Lektionen. Bon nuit et bon reves!
Toulouse 4
Mit einem Buch bewaffnet suche ich mir in der drehzahlmässig auf Maximum getunten Geschäftigkeit dieser Stadt ein paar schattige Bäume und gebe mich in diesem Getöse der Musse hin … Auf meinem Weg: Croissantschleckerund Kaffeeschlürfer in jedem Caffe und Bistrot …
Frühstück bei Tiffany …
Seit Tagen schaue ich aus dem Fenster des 1. Stocks unserer Komfortwohnung auf die mittags prall besetzten Tische einer Creperie. Heute bin ich selbst dabei! “Formule de Jour” (quasi Stammessen in multiplen Gängen) kündigt an: Crepe mit Schinken, Käse, Champignons gefüllt an Roquefort auf Salatblatt im Crepeschiffchen (entspricht 2 Gängen), Nachtisch: Crepe gefüllt mit Erdbeermarmelade, Flasch H2O – macht zusammen 9,90.Bon!
Abends stürzen wir uns in das Getümmel der HALLE AUX GRAINS. Philpp, ein schwiizer Kollege von Chr. hat dankenswerterweise Karten besorgt für das Mozart’sche Requiem. 1.500 Besucher im historischen 6EckBau mit exzellenter Akkustik. Im Vorprogramm stimmt ein 24köpfiger Chor einen befremdlichen Singsang in Stakkato-7 Oktaven-Intonisierung an, dass ich hilfesuchend aber vergeblich den Notausgang suche … Lakonische Kritikeranmerkung: Bedeutungsvolle aber hinreichend überflüssige Darbietung! Tinnitus bis in die Füsse! Ich kann mich fast nicht beherrschen, als Chr. mir mit rollenden Augen zuflüstert: “Ich kann kaum den zweiten Teil des Werkes erwarten …!”
Nahezu harmonisierende Abbitte leistet anschliessende Mozart-Darbietung, die nach ca. 2 Stunden durch frenetischen Beifall des begeisterten Publikums quittiert und bewertet wird. Ein schönes Tagesende! Danke, lieber Chrishy!
Toulouse 3
Der gestrige Tag war ein erholsamer: aufgestanden gegen 16:00 Uhr, Muscheln gegessen gegen 20:00, ins Bett gegen 23:00. Wenn ich jetzt noch lerne, nachts 5 Stunden länger durchzuhalten, habe ich den französischen Rhytmus intus.
Heute morgen – Chrishy hat schon längst ein paar Seitenleitwerke des A380 wieder gerade gebogen – wandere ich ein paar Strassen ab, gönne mir einen Milchkaffe mit einem Croissant und blinzel in die spärliche Sonne über einer der zahllosen Kathedralen.
Gegen 12:30 sind nahezu alle Strassen besetzt, denn es gibt kein Restaurant, kein Bistrot, das seine Tische nicht auf dem noch so schmalen Bürgersteig platziert hat. So wird ein Spaziergang in der Innenstadt zum Hürdenlauf über gedeckte Tische … Und wehe, Du setzt nur einen Fuss auf die Strasse! Die nächste Harley, der nächste Geländewagen fährt ihn Dir eiligst ab!
Erst, wenn man ungehinderten Blick auf das kleine Kopfsteinpflaster der alten Gassen hat, erkennt man, wie die ganze Stadt ungesühnt von Männern verpisst und von Hunden verkackt ist … An manchen Stellen ist der penetrante Uringestank nicht auszuhalten!
Abends – Papa macht Pasta an Gruyere zum Rotwein – lernen wir Madame (Claude) etwas näher kennen. Spontan lädt sie uns auf ihren riesigen Landsitz mit über 14 Zimmern ein – irgendwann, wenn Mama endlich von ihrem schmerzhaften Sterben erlöst sein wird …
Toulouse 2
Um 11 treten wir in die französische Samstags-Sonne, die Stadt tobt! Es ist shopping day! Wir streifen im hohen Bogen durch die wimmelnden Strassen gen Norden, rennen gegen die verrammelte wie vergammelte Tür irgend einer riesigen Kathedrale, wenden uns frustriert ab und kaufen uns zwei ThaiPappBoxen mit Huhn und Leis. Den Leis mit Fleischeinlage im Nanobereich verdrücken wir gekonnt mit Stäbchen im Schatten eines Hybiskusstrauches auf einer Parkbank.
Abends korrigieren wir unseren Fehler von gestern und speisen etwas komfortabler. Zum Chillen in der Abendsonne gehen wir runter an die Garonne, wo 100e von Studenten und solche, die sich zugehörig fühlen, mit Unmengen an Wein, Bier, Pizza, Torten und Tupperdosen zu Gitarrenklängen und MariuanaWolken den Samstag ausklingen lassen. In einem Land, im dem der Müll noch immer nicht getrennt wird, verhalten sich die Jugendlichen hier sehr diszipliniert: der verursachte Müll wird aufgeräumt, Bier- und Weinflschen aber sind in der Überzahl, und begraben bald sämtliche Abfallkörbe entlang der Promenade unter sich …
Ohne Kiff aber nach viel Gaff ziehen wir den Rückzug an und vertilgen noch eine Pizza, bevor wir mit Krampfadern ins Bett fallen …
Toulouse 1
Seit knapp 3 Monaten mischt mein Filius als Praktikant bei AIRBUS in der Produktion des A380 überaus engagiert mit. Seine Begeisterung für den in der Produktion befindichen A380, für die Aufgaben im Qualitätsmanagement sowie für die 30 köpfige Horde internationaler Studienkollegen kennt keine Grenzen. Papa kommt für ein paar Tage zu Besuch …
Nach zwei Stunden schweigsamen Nachtflugs setzt die BAe 146 (British Aerospcace) der Eurowings pünktlich um 23:50 in Toulouse auf.


Der letzte Bus spuckt mich zwei Stationen weiter am Jeanne s’Arc Platz aus, wo ich müde in Chrishys Arme falle. Mitten im Zentrum in einer der vielen, engen Gassen erreichen wir bald das Riesentor, das uns in einen geräumigen Innenhof eines im 16. Jahrhundert (!!!) ehemals genutzten Hospitals führt. Im hinteren Komplex betreten wir im ersten Stock eine labyrinthartige Wohnung mit 4,20 m Deckenhöhe. Alles ist 16. Jahrhundert – selbst mein Bett und die 3 übereinander geschichteten, über mir zusammenfallenden Matratzen, in denen ich dem sicheren Erstickungstod zum Opfer fallen würde, hätte ich nicht meine Beatmungsmaske mit dem 2 Meter langen Schlauch aufgesetzt …
Am nächsten Morgen – Ch. ist schon längst aus dem Haus – weckt mich lautes Palawer. Madame telefoniert. Erst jetzt erkenne ich die Dimensionen Chrishys vorübergehender Wahlheimat: ein 5 x 5 Meter-Zimmer mit angeflanschtem Duschbad. Die 25 qm werden um Faktor 0,7 erweitert durch eine in Eigenbau erstellte Zwischendecke. Auf massiver Balkenkonstruktion (in vollem Sichtbereich meines darunter liegenden Marshmallowbettes) und 19mm Spanplatte trohnt ein Doppelbett, das über eine zusammengeschusterte, halsbrecherischen Hühnerleiter zu erreichen ist. Dieses Gesamtwerk eines kleinen Himmelreiches ist entweder über einen Umweg durch Küche oder Wohnzimmer zu erreichen.
Ich mache Morgentoilette und laufe Madame in die Arme. Als erstes überschwemmt sie mich in perfektem Englisch mit Lobhuldigungen über ihren jungen Gast (dem sie immerhin 460 € monatlich für die spartanisch ausgestattete Studentenbude abknöpft), um dann eine 10 minütige Kurzfassung Ihrer 68 Lebensjahre abzugeben. Ihre 98jährige Mutter liegt im Sterben, eine Ihrer zwei Töchter wohnt im selben Haus – mit ihren Kindern: ein 4-Generationen-Haus also! Nach dem Motto <Mein Haus ist Dein Haus> offeriert sie mir Kühlschrank, Kaffee, Speiseraum. Wirklich eine Nette!!! Sie scheint den Charme dieser Enklave auszumachen. Ich hoffe, mein Eindruck bleibt …
Alice, der portugisische Putzteufel, kümmert sich ums Bettenmachen, um Sauberkeit von Wohnung und Wäsche – auch die von Ch. !!! Und das ist gut so.
Ich trete durch das Riesenportal und tauche unmittelbar ein in das pralle Treiben dieser Stadt. Wären die Autos nicht, wären die unzähligen kleinen Geschäfte, Bars und Caffees nicht, wären da nicht McDoof, C&A wie LaFayette, man könnte glauben, das 17. Jahrhundert sei gerade angebrochen … Hier hat wahrhaftig alles an Backstein, Kopfstein, Stuck- und Holzverzierungen den Krieg überlebt. Aber wie es so ist: Eigentum verpflichtet; zum großen Teil nagt an vielen der privaten wie auch öffentlichen Gemäuer der Zahn der Zeit und hat bis heut schon gute Arbeit geleistet.
Nach 2 Stunden sind meine Füsse breit, und ich laß mich nieder auf dem Stuhl eines einfachen Lokals, das seine 3 Tische auf dem Trottoire als permanente Barriere für Fussgänger plaziert hat. Niemanden kratzt das hier!
Für 5 Euronen bekomme ich eine Plastikschale altölgeschwängerter, dafür hausgeschnitzter Fritten, dazu ein Karäffchen Wasser zum Runterspülen des im “Poulet-Menue” angepriesenen Sesambrötchens, das bunt gefüllt ist: rot, weiss, grün. Muss also Tomate sein, Majo und Salat. Oder war letzteres ein Frosch? Hühnchen war drin, aber nicht die Spur zu schmecken! Bon appetit!
Zum Käffchen pirsche ich weiter, immer weitere Kreise um Madams Anwesen ziehend, vorbei an Schülern, die zur Entspannung vom aufregenden Unterricht einen in Zeitungspapier gedrehten joint auf einer alten Wehrmauer hockend zur Lunge nehmen, vorbei an vernachlässigten Hunden mit ihren nicht minder vernachlässigten Herrchen, vorbei an auffallend vielen, sehr weiblich gekleideten und hochgestöckelten Damen mit Einkaufstüten, deren Aufschrift die Potenz ihrer Geldbörse bzw. die ihrer Gönner verraten, vorbei an weniger gepflegten, dafür nicht minder auffallend gekleideten Hobbynüttchen, die sich nikotin und -sonstwasabhängig vornehmlich im Eingangsbereich von Kaufhäusern herumdrücken. Dabei dem Visier der Heerscharen an Vespas, Fahrrädern und Autos nicht zum Opfer zu fallen, bedarf es eines hohen tänzerischen Geschicks, eines durchtrainierten Körpers sowie einer megaschnellen Informationsverarbeitung durch den internen Arbeitsspeicher, der seinen input über permanent einprasselnde, audio-optische Reize bezieht!
“Caffe au lait, s’il vous plait!” Das Tässchen, garniert mit Schokoplätzchen und obligatorischem Zuckertütchen, ist schnell vernichtet. Zielsicher treffe ich nach ein paar Irritationsrunden im System der sich ähnelnden Gässchen auf Madames Monsterpforte und versinke sprichwörtlich in meinem Kuschelbett. 16:00 Uhr und schon wieder müde …
Der Tag ging zur Neige mit einem kleinen Zug durch Gassen und Gastronomie … Das Geld ging dabei zur Neige wie Sand in den Händen: ein Roter, das ist ein Gläschen billigsten Hausweins (0,1 l !!!!), nicht unter 3,20 Euronen zu haben! Die spinnen, die Franzosen! Wir auch, denn es wurde eine teure Nacht … Bon nuit!
Wohnungsbesichtigung die 1.
Seligenstadt ist ein kleines Fachwerkstädtchen, malerisch am Main gelegen. Nicht minder malerisch liegt eine Wohnanlage dort am Main, in der ich mit einem Vertreter der Hausverwaltung einen Besichtigungstermin vereinbare. Es geht um eine 99 qm Wohnung in einem ca. 36 Parteienblock, der sich unmittelbar an einer hoch frequentierten Durchgangsstrasse entlang zieht. Zugriffsgünstig gelegen die Briefkästen an der Strassenfront. Beim Entnehmen der Morgenzeitung wird bei ungünstiger Drehung das Tagesblatt einem glatt vom Fahrtwind der vorbei donnernden Lkws aus der Hand, der Morgenmantel vom Körper gerissen.
Ein Förderkorb (Fahrstuhl) bringt uns auf die tiefste Sohle des 4-stöckigen Baus, und wir bahnen uns den Weg durch einen engen Stollen, der durch seine Dunkelheit und Sauberkeit besticht. Rechts feuchtes Mauerwerk, links hin und wieder ein Zugang zu einer der Wohnhöhlen. Das letzte Loch am Ende des Stollen gehört uns. Ein Schlüsseldreh, und ich werde konfrontiert mit “Schöner Wohnen” in vollendeter Form:
Gleich links im Eingangsbereich die fensterlose, ausgebeinte (ohne Möbel belassene) Küchenhöhle, anschliessend das Standard-Gästeklo, danach – genauso dunkel, weil fensterlos – das Standardbad mit lädierten Silikonfugen. Dann 6 m durchs Wohnzimmer durch eine schmale Glastür die Hochterrasse mit gemauerter Brüstung, die in Brusthöhe den ungehinderten Blick auf eine geschwungene Mainlinie freigibt. Brüstung sowie zwei niedliche Wohnzimmerfenster, die eher als Sehschlitze eines Panzers zu bezeichnen sind, lassen dies vom Innenraum her nicht zu!
Zwei durch Trockenbauwände abgetrennte Kinderzimmer in Dreiecksform haben zwar auch “Balkonzugang”, sind aber durch ihren Riß bestenfalls mit Kissen als Meditationsraum zu nutzen.
Auf dem Terrassenbalkon, der zur Häfte aus eleganten Waschbetonplatten, zur anderen aus vermoostem Kiesbelag besteht, trohnt ein im Querschnitt 1 x 1 m und 3 m hoher Zinkblechkasten, der sich als Endrohr der propellergesteuerten Tiefgaragenentlüftung entpuppt. Damit fällt schon mal das lästige Toasten des Frühstückweissbrotes flach sowie langatmige Bräunungsversuche auf der Sonnenliege. Und Rauchfleisch hält sich eh länger …
Zu allem Überfluss mündet der Notausstieg der Garage unmittelbar auf dem wohnungseigenen Balkon. So wächst die Chance auf interessante, zwischenmenschliche Kontakte.
Der Abstand zwischen Küche und Essecke bzw. Balkon erübrigt auf Grund seiner exorbitanten Strecke, den vergessenen Salzstreuer zu holen: bei Rückkehr an den Tisch wäre das Frühstücksei eh schon längst verfault …
Und wenn nach dem Erlebnis-Frühstück der glückliche Mieter in waghalsigem Rangieren seinen Wagen aus der drahtgitterverhauenen Duplexgarage in den Autolift bugsiert, um mit dem Fahrstuhl dann zwei Stockwerke höher das Licht der Welt zu erblicken, sitzen Andere bereits Stunden an ihrem Arbeitsplatz und bereiten sich auf den Feierabend vor.
Architekten wie diese wurden früher gesteinigt, wenn nicht gar in ihren eigenen Bausünden lebendig eingemauert. Heute sitzen diese auf einer ihrer Karibikinseln im Stelzenhaus einer smaragdgrünen Lagune und schlürfen Schirmchendrinks …
Danke, liebe Hausverwaltung, für diesen unterhaltsamen Nachmittag. Nun weiss ich, warum der Immobilienanzeige weder Grundriss noch eine detaillierte Aussen- wie Innenansicht beigefügt war!
Gran Canaria 2009
03.04.2009
Der Abschied von Max fällt mir schwer. Er hat die ganze Nacht asthmatisch geatmet, ist unruhig umhergelaufen und fand nicht in sein Bettchen.
Um 03:00 ziehe ich besorgt von dannen – seinen treuen, wehmutigen Abschiedsblick im Halbdunklen mit mir nehmend …
Nach einer Stunde Autobahn stelle ich meinen Flughafenshuttle in der Nähe S-Bahnstation und Hamburg airport ab und tippel in der Dunkelheit mit vollbepacktem Rolli durch die noch schlafenden Strassen des Hamburger Vororts zu „Departure“.
Alle Plätze bis auf den letzten ausgebucht, die Boing 737-800 hebt trotzdem souverän ab und verhält sich die restlichen 5 Fllugstunden überhaupt bemerkenswert ruhig.
Seine Eminenz der zarten Töne, Justus-Franz, schräg vor mir auf 1c, mit Beinfreiheit (25,- Euronen extra! Keine Scherz!) wird vom Purser zugeschleimt, als dieser sieht, wie Justus sich just die Ohrhörer in die klangkritischen Lauscher drallert: „Hähä, und ich wollte schon immer mal wissen, hähä, was Sie so privat hören, oder, hähähä, bereiten Sie sich sogar auf ein neues Projekt vor!?“
J. sagt etwaas Freundliches – was ich nicht verstehe – und der kleine Dicke, den eine andere airline ob seiner Leibesfülle schon längst ins back-office und damit aus belastungstetechnischen Gründen für immer auf den Boden verbannt hätte, setzt sein joviales Lächeln auf. Justus indes denkt – und das verstehe ich weitaus besser: „Sei lieb und geh, Du nervende Saftschubse und füll mit der Dir gewohnten Geschwindikeit einer Wellhornschnecke das gemeine Volk mit dem mikrowellen-geschändeten Schweinfrass ab, den der flyer dieser airline als „Gaumenfreuden“ und „Snackerlebnis“ tituliert.
TUI Purser Moppelchen trollt sich und Justus widmet sich wieder seinem Handy-Spielchen in hoher Farbauflösung ohne musikalischen Hintergrund …
Recht geschmeidig setzt die Maschine in LAS PALMAS auf und spuckt ihre mehr als 200 entnervten Fluggäste aus. Pausenlos plärrende Kleinkinder bereiteten fast allen einen schlaflosen Flug.
Nach Wagenübernahme beim bekannt billigen TOP CAR Vermieter erwische ich mit meinem roten VW FOX 2 km hinterm Flughafen eine kleine Kneipe am Strand, esse Gofio und Calamares, ziehe meinen Pulli über den Kopf und lasse Urlaubsstimmung in mich strömen.
4 Stunden später hole ich HansG vom Flughafen, wir kaufen Proviant und ich besteige mit ihm in PUERTO RICO seine Katmandu, ein Catamaran mt 17m Länge, 8m Breite.
04.04.2009
Müsli, Kaffee, der Tag beginnt. Am airport holen wir „meine Malerin“ Astrid ab, die mit einem Inselhopper von Fuerte für 4 Tage rüberkommt.
Als erstes muss Astride zu IKEA, kauft dort alle Bilderrahmenbestände auf, und ich bin froh, als wir die Stätte des menschenüberfluteten Möbelkommerzes wieder verlassen können. Allein das Gedrängel auf dem Parkplatz hat mir gereicht!
MEDIA MARKT verkauft mir für 29 Euronen einen 8 GB Speicherchip für meinen kleinen Camcorder, der damit eine Aufnahmekapazität von 6 Stunden Video erreicht.
In LAS PALMAS verabreden wir mit dem zuständigen, sehr freundichen Hafenmeister einen Termin, zu dem wir das Schiff auf der Slipanlage (Rampa) bei Ebbe trocken fallen lassen können, um uns dem Unterwasserschiff widmen zu können: Algen- und Muschelbewuchs müssen runter, ein Neuanstrich mit Anti-Fouling wieder frisch drauf.
Danach Käffchen im Hafencaffeemit Blick über Millionen schwere Yachten.
Auf dem Rückweg führt uns HansG in einen Fisch- und Fleischladen, in dem mir die Augen übergehen und mein Magen Knurrhahn spielt … Wir decken uns ein mit Pollo und Panga (Fisch).
Abends gibt’s Tappas a l’Astride mit Rotwein.
05.04.2009
Müsli, klar Schiff und raus aus dem Hafen. Wir gehen mit der „Katmandu“ auf kleine Fahrt. 1 bis 2 Windstärken, Sonne satt, und wir dümpeln ein paar Seemeilen gen Osten, drehen und erreichen MOGAN. Riesenyachten der Bootsklasse Hartz 4 bis 5 überholen uns und hinterlassen weisses, aufschäumendes Heckwasser. Nackte Alabasterkörper aalen sich auf den Oberdecks, verdunsten durch ölverschmierte Poren den Champus der letzten Bordparty an bootseigenem Tresen des Salons am Mitteldeck – das Leben ist einfach die Hölle …!
Gegen 4 können wir das Elend nicht mehr sehen und werfen vor MOGAN den Anker. Badespass im smaragdgrünen Wasser – ein unbeschreibliches Gefühl nach 6 Monaten pausenlosem Nebel, Regen ud Frost an der Ostsee!!!
Endlich gib es ein postbalneares Einlaufbier – das preabalneare wurde uns vom Skipper verwehrt: „no alc on törn!“
Astride springt sportlich im farblich mit der Katmandu abgestimmtem Badeanzug in die ihr gewogenen Wogen und erhält vom Rest der Mannschaft die Haltungsnote 10,0 und 10,0.
So sportlich wie Astride sich leichten Fusses auf dem Schiff bewegt, so schwindelfrei und professionell bewegt sie sich mit lukullischer Glanzleistung in der Kombüse. Heute kündigt die an bordeigener Druckerei erstellten Menuekarte „Pollo a l’Astride“ als main course an. Und schon wieder übereinstimmend zweimal die Note 10,0 für organoleptische Glanzleistung!
Beim Dinner unterhielt uns unser Koch- und Segelwunder mit ihren Erlebnissen aus ihrem letzten Kurs auf Fuerteventura, dem „Angstfreien Töpfern“, und HansG hielt mit seinen ernüchternden Berichten aus seiner Frauengruppe dagegen. Da überliest man doch glatt das Inserat in der Inselzeitung: „Die Trommelgruppe auf GOMERA hat noch Plätze frei!“ Wir diskutierten das alles auf der rotweinbefleckten Jutematte und gingen erst spät in die Kojen.
MOGAN: vor rund 15 Jahren verlebte ich hier ein paar glückliche Tage. Im Angesicht des Hotels, dessen Illuminierung sich in den leichten Abendwogen sanft spiegelt, überkommt mich altbekanntes Gefühl der Wehmut über verlorene, schöne Zeiten …
06.04.2009
Müsli, Kaffee, Motor. Wir tuckern unter Maschine wieder an der wüst bebauten Küste zurück und werfen mittags Anker vor ARGUINEGUIN. Mit dem motorisierten Schlauboot geht’s ins Städle Farbe kaufen und Tapas essen.
Dieser Tag ist der ultimative ChillinTag, und jeder hängt – ob in der Sonne oder im wenig kühlen Schatten – seinen Gedanken nach.
Unsere Küchenchefin macht einen 10,0 – Pangratius an Paprika und Knoblauch. Faulenzen an Sauerstoff geschwängerter Luft mit Meeraroma macht einen unbeschreiblich hungrig!
Nachmittags kommt Frank aus Heidelberg mit seinem Beiboot vorbei. Er liegt ein paar Schiffslängen neben uns, und HansG begrüsst ihn als alten Bekannten herzlichst. Frank hängt seit Jahren mit Frau und zwei Kindern auf einem in Flensburg selbst gebauten Katamaran hier herum, verdingt sich als Fotograf und assistierender Schiffsbauer, unterrichtet seine beiden Söhne zu Hause – auf dem Schiff.
Astrid zieht mit Frank ein neues Projekt für Fuerte hoch und geht mit verheissungvollen Konzept-Träumen ins Bett.
07.04.2009
Müsli, Kaffe, Motor. HansG steuert Heimathafen an. Unsere Ernährungsberaterin verlässt uns heute Abend, und vorher muss unser Auto noch abgegeben werden.
Astride gibt sich ausgiebiger Körperpflege an Land hin, ich widme mich dem Decksschrubben, Wassertankbefüllung, Abwasch.
Nach einem kleinen AbschiedsSnack verlässtt uns unsere Diätassistentin mit Rollkoffer und Bilderrähmchen Richtung airport mit dem „kleinen Dicken“ vom Schiff nebenan, der wegen zwei SchiffsGummibändern mit seinem 320 SEL eh nach Las Pamas muss.
Nach einem Astride-Pollo-Gedenk-Reste-Fresserchen führt mich HansG in die Abgründe des Puerto Rico Nachtlebens: Schweine-Derby im Neonlicht. Spärlich verpacktes Übergewicht im high-heel-catwalk soweit das Auge reicht …
Mit zwei laptops und zwei handys versuchen wir vergeblich, ein schnelles W-LAN zu erwischen und verdrücken uns resigniert in einen irish pub, in dem zwei Typen mit Gitarre, Tamburin und Micro ein Feuerwerk musikalischer Improvisation hinlegen. Man sieht ihnen die irische Lebensfreude und innere Leberbeanspruchung an …
Der Abend endet früh am Morgen, und da ich GuinnessBier gar nicht mag, sind die 5 Pints schnell vertilgt.
08.04.2009
Erst spät kommen wir aus den Federn, meine GuinnessBirne passt zum Glück noch durch die Luke … Der Tag ist heiss, wir bleiben im Hafen. HansG hantiert mit Zangen, Klemmen, Schraubern, Kabeln und Schaltplänen an der Elektrik herum, mich lähmt die Hitze …
Ein Hajo besucht uns,der schon 10 Jahre auf der Insel lebt und seit dem auch mit HansG befreundet ist.
09.04.2009
Um 11:00 stösst Matt Molloy (THE CHIEFTAINS) zu uns. Wir segeln bei uns gewogenen Winden die Küste auf und ab, werfen die Angeln aus, fangen nicht eine Sardine, liegen vor Amphi del Mar, baden hängen ab, bringen Matt wieder in den Heimmathafen, weil er noch ein Date hat, der alte Schwerenöter mit einer Yacht (Fisher 37) auf St. Lucia in der Karibik, Wohnsitz in Irland und Apppartemento in Puerto Rico.
Wir gehen nach Arguineguin, besuchen Frank Fox & family an Bord ihres selbst erbauten Kats, und trinken einen Absacker. Frank – er könnte der Zwillingsbruder von Ingo bei Dietsche sein – zeigt mir seinen Kommandositz am Bordrechner, das Schiff selbst ist komplett aus Sperrholz gebaut und aussen mit GFK überzogen. Unbedingt seine website ansehenMit ihren beiden Söhnen leben sie seit Jahren schon auf im Gewässer der Canaren – heute hier und morgen fort … Das Leben ist bunt!
10.04.2009
Mir geht’s nicht besonders. Vermutlich war das pausenlose Segeln in praller Sonne gestern dem Alabasterkörper nicht gerade zuträglich.
HansG knüpft in praller Sonne an seinem Netz auf dem Vordeck weiter – alles makrameemässig einwandfrei wie in der Gruppe nicht erziehender Frauen emsig gelernt -, ich gebe mich totalitärer Entspannung hin. No sex, no drugs, no work and rockn roll!
11.04.2009
Einkaufen bei einem Super sortierten SparMarkt, HansG taucht mit Flasche nach einem verlorenen Anker von foxy Frank – leider vergeblich. Danach gehen wir unter Motor die Küste hoch nach Mogan. Kaum iist in brüllender Sonne der Anker ins blaue Meer gefallen, geht das Telefon von HansG. Unser Einlaufen wurde von Land beobachtet, und eine Stunde später sitzen wir bei Ilia auf der schattigen Terrasse mit Blick über halb MOGAN samt Hafen, schlürfen Käffchen und lassen uns gut gehen. Ilia und HansG retten in tiefgründigem Gespräch die Welt, während mich der überwältigende Ausblick vom Hochsitz der mondänenen Dame des Hauses derart fesselt, dass die Weltverbesserung ohne meinen überflüssigen input kommentarlos und fast unhöfich ihren Lauf (an mir vorbei) nimmtAn dem mir vertrauten „Hotel del Mar“ vorbei treffen wir auf auf dem Steg einen HansG bekannten Segler mit Hund (11 Jahre alt), der seinen vor Jahren beerdigten „Vor-Hund“ besuchen will – so, wie er es seit Jahren tut, wenn er hier vorbei kommt.
Wir setzen mit unserem motorisierten Schlauchboot über und nach gepflegter Körperpflege widmen wir uns den „Spaghetti ala Salmon“.
12.04.2009
Klar Schiff und unter Motor wie strahlender Sonne zurück nach Puerto Rico. Gegen Mittag kommt Bernd – meine Ablösung – eingeflogen. Der eine packt aus – der andere ein. Abends nehmen wir ein gepflegtes, argentinisches Rind – medium/rare – ein und trinken einen Absacker bei Mac Gowan’s. Ein sturzbetrunkener irrer Ire (tShirt: “Get rich or die tryin”) gibt der liveMukke keinen akustischen Raum und vertreibt uns schliesslich mit seinem haltlosen Gegröle. Schade. Ich hätte den Blödmann sonstwas können … “Meinem” Gitarristen und Sänger mit dem treuen Hundblick in sonst reichlich verlebtem Gesicht hätte ich die ganze Nacht lauschen können. Seine Stimme, sein Repertoire, seine Freude am Spiel allein war für mich faszinierend.
13.04.2009
Klar Schiff und tschüss. Schweren Herzens ziehe ich meine sieben Sachen hinter mir her und besteige den alten Diesel Daimler (Tachostand: 473.586 km) von Hajo, der mich dankenswerterweise auf seinem Rückweg nach Hause am airport absetzt. Hajo, ein Auswanderer mit fachlich größter Performace im elektronischen Sektor, seit 10 Jahren auf der Insel, alles in München damals hinter sich abgebrochen, heute mit ausgewählter Kundschaft, ausgereiftem Spanisch auf den Lippen und beneidenswerter Zufriedenheit und Dankbarkeit im Herzen.
Der Flug: ein einziges Inferno von Kindergeschrei und Geplärre. Dankbar für eine gesunde Heimkehr falle ich um Mitternacht ins (eigene!) Bett und lasse die unvergesslichen canarischen Impressionen an mir vorbei ziehen …
Danke dafür, lieber HansG!!!
Es war einmal vor mehr als 40 Jahren …
Nach mehr als 40 Jahren bekomme ich beiläufigen Kontakt mit Traudel K. über die Plattform “stayfriends“, wo sich alte und weniger alte ex-Pennäler wiedertreffen.
Traudel wirft einen Stein ins Wasser: “Hallo Wolfgang, wie geht es Dir?” Nach Austausch unserer vitae im StenoStil telefonieren wir ein paar Tage später … fast 2 Stunden – in 41 Jahren hat sich eine Menge getan, in ihrem wie auch in meinem Leben …
Heute erreicht mich eine mail mit der Frage: “Na, kannst Du Dich erinnern?” Als Anlage die Kopie ihres Passfotos aus dem Führerschein, der so alt ist wie das Foto selbst: ein anmutiges, fein geschnittenes Gesicht, die ruhigen Augen vorbei an der Optik ins Nichts gerichtet, wunderschöner Ausdruck von Unschuld, purer Jugend und Neugier auf das, was das Leben noch so bringen mag.
Es war nicht meine Musik,
es war nicht das Glas Wein,
es war nicht das miese Wetter,
es war nicht meine Laune …
Als ich ihr Bild betrachtete, ist mir glatt das Wasser in die Augen geschossen.
Es war einfach die immer wieder erschreckende Erkenntnis, dass wir die Zeit nicht zurück drehen können -
unsere Jugend für immer verloren zu wissen, den Zenit des Lebens längst überwunden zu haben Die Tage sind gezählt, und wir sind dem Ende so nah, wie wir zur Zeit dieser Bilder nie in Erwägung gezogen haben ….
All das schoss mir beim Anblick dieses so anmutigen Bildes in einer Nanosekunde durch meinen wirren Kopf!
Uns Hermännsche konnte es im ersten Vers seines (für mich) schönsten Werkes – im zarten Alter übrigens von 14 Jahren (!!!) – nicht besser zum Ausdruck bringen:
STUFEN
von Hermann Hesse
4. Mai 1941
Wie jede Blume welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern …